Babylon ist sicher, zumindest digital. Auch wenn natürlicher Verfall, Umweltkatastrophen und die Zerstörungswut der Menschen weiter an seinen Überbleibseln nagen sollten – der Nachwelt bleibt ein virtuelles Abbild der vier Jahrtausende alten Stadt erhalten. Eine gemeinnützige Organisation aus dem kalifornischen Oakland hat die Ruinen im heutigen Irak digitalisiert. Genauso wie die Nürnberger Sebalduskirche, die römische Therme in Weißenburg und die fast 900 Jahre alte Regensburger Donaubrücke.

CyArk (sprich: "ßei-ark") heißt das Projekt. Der Name ist aus dem englischen cyber archive abgeleitet, es steckt aber auch eine alttestamentarische Anspielung darin: ark wie Arche, also Noah. Und wie in Archäologie. Diese digitale Arche soll historische Gebäude, Fassaden und Kulturdenkmäler aufnehmen, als maßstabsgetreue 3-D-Modelle. Wer weiß, was die Menschen der Zukunft damit anfangen können? Vielleicht bereisen sie die antiken Stätten ja in virtuellen Spaziergängen. Momentan bietet CyArks Website Zugang zu Apps, 3-D-Modellen, 360-Grad-Panoramen und virtuellen Touren.

"Unser primäres Ziel ist das Scannen und Archivieren der Kulturobjekte", erklärt Sprecherin Elizabeth Lee. Pragmatismus ist hier Programm: erst mal Abbilder erzeugen, solange noch Originale existieren. Wie schnell Schätze der Menschheit verloren gehen können, führt gerade das Wüten des IS vor Augen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Vom Oktober 2013 stammt der Plan, binnen fünf Jahren 500 Bauwerke zu digitalisieren. Welche, das wurde nicht von vorneherein festgelegt. "Wir wollten reaktionsfähig bleiben für den Fall, dass eine bestimmte Kulturstätte kurzfristig in Not gerät", erklärt Lee. Jedermann kann historische Bauten vorschlagen. Ein Rat begutachtet alle Vorschläge und setzt die besten auf die Liste. Dem Gremium aus Archäologen, Historikern und Fachleuten für Restaurierung und Konservierung sitzt Gustavo Araoz vor, Präsident des Internationalen Rates für Denkmalpflege, der auch die Unesco bei der Auswahl ihres Weltkulturerbes unterstützt.

Was die Kalifornier machen, ist Technikeinsatz in Reinkultur. Schließlich ist der Gründer der Organisation einer der Väter der Laservermessung. Der Exil-Iraker und Ingenieur Ben Kacyra entwickelte in den neunziger Jahren einen tragbaren Laserscanner für die 3-D-Vermessung. Mit dem Verkauf seiner Firma nach der Jahrtausendwende wurde Kacyra wohlhabend und wandte sich dem philanthropischen Einsatz seiner Erfindung zu. Die Zerstörung der riesigen Buddhas von Bamian durch afghanische Taliban im Jahr 2001 hatte Kacyra alarmiert. 2009 reiste er in seine alte Heimat zurück. Und digitalisierte Babylon.

Und jetzt eben der 500er-Plan. Im ersten Jahr erreichten CyArk rund 150 Vorschläge. 80 davon setzte der Rat auf seine Liste, 50 sind bereits vermessen und archiviert. Dazu zählen Felsbilder in Somaliland ebenso wie die in den Mount Rushmore gehauenen Porträts von vier US-Präsidentenköpfen. Die altorientalische Stadt Nimrud, bedauert Kacyra, sei leider nicht darunter gewesen. Im März hat der IS sie zerstört. Artefakte aus der Stadt Ninive, die dem IS ebenfalls zum Opfer fielen, hatte CyArk hingegen digitalisieren können.

2015 sollen 120 bis 130 Kulturstätten erfasst werden. Bald beginnt ein Projekt in Pakistan. Zusammen mit einer Universität in Lahore will CyArk eine Reihe regionaler Stätten vermessen. "Wir haben auch angefangen, historische Stätten thematisch zu ordnen und zu scannen", erklärt Lee. "Gerade konzentrieren wir uns unter anderem auf kulturelle Schauplätze des transatlantischen Sklavenhandels." Aktuell werden dafür auf den Kapverden Mitarbeiter geschult.

Sie lernen das Prinzip des digitalen Abtastens: Der Scanner sendet einen Laserstrahl aus; trifft der auf ein Hindernis, werden Reflexionen zurück zum Gerät geworfen. Feinste Zeitunterschiede zwischen dem Start des Strahls und dem Eintreffen der Reflexion verraten, wie weit das Hindernis entfernt ist – 50.000-mal pro Sekunde. Diese Abtastpunkte ergeben Koordinaten im Raum, aus denen eine Software dreidimensionale Modelle zusammensetzt wie aus einem filigranen Drahtgitter. Ganze Bauten zu erfassen dauert ein paar Tage, vorausgesetzt, das Wetter und die Lichtverhältnisse sind günstig und es stören keine größeren Touristenscharen.

Der Scanner unterscheidet zwar verschiedene Materialien, darunter Glas und Stein. Aber die Technologie erfasst keine Originalfarben. Solange das so ist, haben die Fachleute spezielle Fotokameras im Gepäck. Nicht dass einst die Datenreisenden der Zukunft durch eine farblose Vergangenheit wandeln müssen.

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