Tief durchatmen, Tür auf und rein – wenn Robert Habeck bei einer Versammlung von Bauern auftritt, muss er sich auf eigentlich alles gefasst machen.

Als der grüne Landwirtschaftsminister Schleswig-Holsteins erst ein paar Monate im Amt war, stellte der Bauernverband längs der A 7, auf Habecks Dienstweg von Flensburg nach Kiel, Schilder auf: "Robert vernichtet Höfe", stand da in riesigen Lettern, oder: "Robert zerstört unsere Knicks".

Nun empfängt ihn der Bauernverband in Wilster, einem 4.000-Seelen-Dorf nahe Itzehoe. Ein kalter Frühlingsmorgen, mehrere Hundert Landwirte sind gekommen, um sich, wie Bauernverbands-Vize Peter Lüschow charmant sagt, "so etwas wie Sie, Herr Habeck, mal in Natur anzusehen!" Eine vergleichsweise herzliche Begrüßung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Grüne und Bauern – früher war das schon mal pure Aggression. Die damalige Verbraucherschutzministerin Renate Künast sah sich gelegentlich reinem Hass gegenüber. In der Atomkraft-Bewegung war man noch zusammen auf die Straße gegangen, aber der Verbraucherschutz hat Grüne und Landwirte auseinandergetrieben. Die Bauern werfen den Grünen vor, "Planwirtschaft" zu betreiben, sie mit ihren Forderungen nach Nachhaltigkeit, Tierwürde und Naturschutz wirtschaftlich zu ruinieren ("ihr tötet uns alle"). Die Grünen im Bund wiederum haben kräftig zurückgeholzt. Ihr Spitzenmann Jürgen Trittin nannte die Massentierzüchter wegen des Einsatzes von Östrogen in der Viehhaltung schon mal "Drogendealer". Der heutige Parteichef Cem Özdemir behauptete, die Bauern schnitten den Schweinen die Rüssel ab (es sind die Ringelschwänze, die kupiert werden). Und Anton Hofreiter, der grüne Fraktionsvorsitzende im Bundestag, sprach von südamerikanischen Todesschwadronen im Sojaanbau.

Manche Grüne sagen: "Fleisch ist die Zigarette der Zukunft"

Solche Polemik aus Berlin hat es den mittlerweile fünf grünen Landwirtschaftsministern (in Schleswig-Holstein, Hessen, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen) in den Ländern nicht gerade leicht gemacht. Aber derzeit passiert da gerade etwas Neues. Auch bei Robert Habecks Auftritt in Wilster ist das zu beobachten. Zwar beginnt Bauernverbands-Vize Lüschow mit ein paar konventionellen Feindseligkeiten, er stichelt, ob "die Qualität eines Ministers" eigentlich daran gemessen werde, "wie viele Gesetze er macht", und bekommt lauten Beifall dafür. Doch in den knapp zwei Stunden im Gemeindezentrum erleben beide Seiten, der Grüne und die Bauern, eine Überraschung: Man fängt an, sich füreinander zu interessieren.

Irgendwann lobt Lüschow den Minister sogar, für die Runden Tische, an denen Habeck mit Landwirten über das Tierwohl gesprochen hat – für jede Tierart gab es einen. Er lobt ihn für seine Förderung von Güllebehältern. Und er lobt ihn dafür, dass er nicht Anton Hofreiter ist.

Zweite Überraschung: Habeck zeigt für manche Kritik an seiner Partei durchaus Verständnis. In den knapp drei Jahren als Minister ist er zum Agrar-Realo geworden. "In der grünen Rhetorik taucht immer ein Idyll von Landwirtschaft auf, das es so nie gegeben hat", sagt Habeck. "Bullerbü ist halt nicht."

Das Wort "Massentierhaltung" hat sich Habeck abgewöhnt. Und er hält auch nichts von einer pauschalen Verurteilung großer Höfe. Oft seien es gerade die kleinen Betriebe, die Tiere anbinden müssten. Und nur die große Höfe könnten sich fortschrittliche Technik leisten – Maschinen etwa, die genauso viel Gülle ausbringen, wie eine Pflanze gerade braucht. Das verhindert die Übersäuerung des Bodens durch Nitrat, unter der vor allem Niedersachsen mit seinen gigantischen Güllemengen zu leiden hat.

Dennoch tritt Habeck den Bauern in Wilster offensiv gegenüber: "Etwa fünfzig Prozent des bäuerlichen Betriebseinkommens sind öffentliche Gelder", ruft er in den Saal: "Das geht nicht in die Bildung, das geht nicht nach Griechenland, das geht in die Landwirtschaft. Und da soll die Gesellschaft nicht mitreden?" Die Zuhörer wundern sich von Neuem: Dass ein Grüner betriebswirtschaftlich argumentiert, dass er den Bauern sachlich die Höhe ihrer Subventionen vorhält, ohne die Existenznöte der Familienbetriebe zu bestreiten – das ist neu. Ein paar der Bauern nicken verstohlen zu Habecks Worten. Es fällt ziemlich schwer, den 44-Jährigen, der in seinem früheren Leben Heimatschriftsteller war, richtig traditionell anzuhassen.

Aber es ist nicht nur der neue Tonfall, die andere Ansprache. Für die Grünen, das ist klar, stecken im Thema Ernährung politische Chancen. Es geht jeden an, jeder muss essen. Und es ist hochemotional. 50.000 Leute sind schnell auf der Straße, wenn etwa für eine Großdemo "Wir haben es satt" gegen Massentierhaltung mobilisiert wird. Das Feindbild ist klar: die "Agroindustrie". Der Fleischkonsum des reichen Nordens frisst Anbauflächen auf der Südhalbkugel. Manche Grüne sagen sogar: "Fleisch ist die Zigarette der Zukunft" – etwas, das heute noch weit verbreitet und völlig normal ist, könnte womöglich in ein paar Jahren geächtet und verpönt sein.

Aber die Gefahren des Themas sind ebenso offenkundig. Niemand hat das Desaster mit dem "Veggie-Day" im Wahlkampf vergessen – der Vorschlag, in Kantinen am Donnerstag auf Fleisch zu verzichten, trug den Grünen den Vorwurf der "Bevormundungspartei" ein, die den Leuten vorschreiben wolle, wie sie zu leben hätten.