Es gibt einen berühmten Satz von Elfriede Jelinek, den sie nicht müde wird zu wiederholen und zu variieren. Er lautet wörtlich: "Es wird der Frau einfach kein Werk zugetraut" – "Die Frau hat in dieser Gesellschaft kein Werk" – "Eine Frau darf kein Werk haben". Kaum ein Gedanke der Dichterin ist öfter zitiert worden. Er könnte als Motto über unzähligen Forschungen zur unterschätzten weiblichen Kreativität stehen. Auch wenn es schwer fällt, einer Literaturnobelpreisträgerin diese persönliche Zurücksetzung zu glauben – denn wofür, wenn nicht für ein "Werk", wird der Nobelpreis verliehen? –, wird man doch zugeben müssen, dass sie einer verbreiteten Bitterkeit Ausdruck verleiht.

Frauen fühlen sich verkannt. Elfriede Jelinek hat wohlgemerkt nicht gesagt, dass man ihnen kein schönes Gedicht, keine nette wissenschaftliche Entdeckung zutraue. Sie hat vielmehr gemeint, dass man ihnen kein Lebenswerk zugesteht, keinen bedeutenden Beitrag zur menschlichen Zivilisation, für den das große männliche Genie gefeiert wird. Aber ist das wirklich so?

Gilt Genie noch immer bevorzugt als männlich? Oder ist das nur die larmoyante Ausrede von Frauen, die vor der einsamen Arbeit am wissenschaftlichen oder künstlerischen Werk lieber ins gesellige Leben, in Liebe und Familie flüchten?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Es ist vor allem ein Klischee, ein recht altes übrigens, das Anfang des 19. Jahrhunderts entstand. Es war die Zeit, als die Komponistin Fanny Mendelssohn sich hinter ihrem gefeierten Bruder Felix verstecken musste, als Henriette Hertz, Rahel Varnhagen, Dorothea Schlegel literarische Salons unterhielten, anstatt selbst literarisch tätig zu werden. Es war die Zeit, als die bürgerliche Frau ihr Talent entdecken, aber nicht in der Öffentlichkeit präsentieren durfte. Denn die bürgerliche Gesellschaft, die sich anschickte, die adelige abzulösen, erbte nicht alle aristokratischen Freiheiten. Eine neue Prüderie hielt die Frauen gefangen. Schamhaft verbargen sie ihr Wissen, ihren Witz.

Es war aber nicht so, dass man den Frauen plötzlich nichts mehr zutraute – das Durchsetzungsvermögen einer Pompadour oder einer Katharina der Großen, den Verstand und die Raffinesse einer Madame de Sévigné, die mathematische Genialität einer Sophie Germain, die physikalische Entdeckergabe einer Laura Bassi. Man traute ihnen all das sehr wohl zu. Aber die Ausübung galt als ungesittet und bald auch als unweiblich. Stendhal hat in seinem 1822 verfassten Großessay Über die Liebe die grotesken Formen weiblicher Selbstverbiegung gesammelt. Wenn eine Frau einen expliziten Willen äußern wollte – wie sollte sie das tun? Jedes offene Wort verstieß gegen irgendeine Konvention.

Und so entstanden die heute noch als typisch weiblich geltenden Verhaltensweisen der Schüchternheit, des Indirekten, des Uneindeutigen – und darauf folgend die Meinung, dass es den Frauen an Entschiedenheit und Mut zum großen Wurf und Werk mangele. Es gab verschiedene Theorien vom Wesen des Genies, vom Wesen der Frau und schließlich davon, warum sich beides nicht miteinander vertrage. Die krudesten argumentierten biologisch, die brutalen beharrten einfach auf der sozialen Funktion der Frau als Mutter. Aber die folgenreichste Theorie war leider die, die bis heute einen Kern von Wahrheit enthält über das Geheimnis der Kreativität: dass es nun einmal zum Genie gehöre, sich über das Althergebrachte hinwegzusetzen und gegen Lehrmeinungen und Konventionen zu rebellieren. Die Frage ist nur, warum man meinte, dass es der Frau an der Kraft zur kreativen Rebellion fehle?