Goldene Gabeln stehen auf einer Kaffeetafel in Altenburg (Thüringen). © dpa

Manche Menschen erben, andere Menschen erben nicht. Das geht schon seit Jahrhunderten so; aber ist es nicht eine Riesenschweinerei? Julia Friedrichs hat darüber ein Buch geschrieben (Wir Erben: Was Geld mit Menschen macht, Berlin Verlag 2015) und dafür plädiert, den moralischen Skandal wenigstens durch eine deutlich erhöhte Erbschaftsteuer in Deutschland zu begrenzen. Ihre wesentlichen Thesen waren vorab im ZEITmagazin (Nr. 11/15) zu lesen. Die eine These: Erben befördert und befestigt die Ungleichverteilung von Vermögen und entzweit damit die Gesellschaft. Die andere These: Erben schadet auch den Begünstigten, indem es sie faul und mutlos macht; sie trauen ihrer eigenen Tüchtigkeit weniger zu als dem anstrengungslos erworbenen Besitz. Beide Phänomene zusammen untergrüben den Anspruch unserer Gesellschaft, dass Leistung sich lohnen müsse – und zwar die persönliche Leistung.

Die meritokratische Hoffnung ist, dass jene, die oben sind, es auch verdient haben, oben zu sein. Diese Hoffnung ist wichtig für das Gerechtigkeitsempfinden einer Gesellschaft, in der Gleichheit nicht wie im Sozialismus durch Zwangsmaßnahmen herbeigeführt wird. Die Gesellschaft muss wenigstens daran glauben können, dass Chancengleichheit besteht – die gleiche Chance für jeden, durch Arbeit nach oben zu kommen.

Das ist aber eine Illusion. Auch ganz ohne Erbe, ohne den Startvorteil einer privilegierten Geburt, entsteht keine Herrschaft der Besten (was die wörtliche Übersetzung von Meritokratie wäre). Wenn es so wäre, müsste die talentierteste und fleißigste aller Putzfrauen genauso viel verdienen und genauso viel gelten wie ein Vorstandsvorsitzender, und dieser dürfte keinesfalls schlechtergestellt werden als ein bloßer Besitzer von Aktien, es sei denn, der hätte sie sich durch harte Arbeit erworben – wozu er indes als Arbeiter einer Putzkolonne schwerlich in der Lage gewesen wäre, womit sich die Katze in den Schwanz beißt. All das, kurzum, wird unter den bestehenden Wirtschaftsverhältnissen niemals so sein; und übrigens wahrscheinlich schon deswegen, weil es stets mehr Menschen geben wird, die gut putzen können, als solche mit der Fähigkeit zum Vorstandsvorsitz.

Ein hartgesottener Liberaler mit unerschütterlichem Marktvertrauen könnte sagen, dass auf die entsprechenden Managementqualitäten nun einmal ein Knappheitspreis gezahlt wird, und das wäre noch eine sehr wohlwollende Deutung der Verhältnisse. Aber selbst wenn wir den Knappheitspreis einmal kurz akzeptieren, wäre er noch kein ethisches Argument zur Begründung hoher Einkommen, sondern ein bloß funktionales. Denn schon die notwendigen Ausbildungszugänge und sozialen Beziehungen werden niemals chancengleich über die Gesellschaft verteilt sein. Ein moralisches oder politisches Argument, Erbschaften für ungerechter zu halten als Vorstandsgehälter, lässt sich daraus nicht gewinnen.

Und tatsächlich ist auch der Knappheitspreis nur eine Illusion. Es handelt sich eher um einen Zufallspreis; er wird darauf gezahlt, dass sich zufällig die richtigen Beziehungen, Ausbildungsgänge und erwünschten Persönlichkeitsmerkmale (meistens in Form besonderer Rücksichtslosigkeit) in einer Person bündeln, die zufällig zum richtigen Zeitpunkt vor der richtigen Tür steht. Gelegentlich kommt es vor (und die deutsche Industrie kennt Beispiele), dass einfache Angestellte ohne Familienprivilegien auf höchste Chefposten gelangen, aber schauen wir uns die Gestalten an! Der Kampf durch die Ellenbogengesellschaft eines Unternehmens hindurch nach oben hat Spuren hinterlassen. Hier ist der Knappheitspreis ein Preis, der für den schlechtesten Charakter gezahlt wird.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Noch trüber sieht oft die moralische Bilanz bei den Selfmademen aus, die es mit dem Aufbau eines eigenen Unternehmens geschafft haben. Oder was soll man von einem Vermögen halten, das durch einen Versicherungsvertrieb nach dem Schneeballprinzip angehäuft wurde? Oder durch Ausbeutung sklavenähnlich gehaltener Leiharbeiter? Natürlich könnte man auch hier von Leistung sprechen – vorausgesetzt, man sieht den Erfolg selbst als Leistung an und entkoppelt ihn von den eingesetzten Mitteln. Aber nach landläufigem Verständnis wird unter Leistung weder Anlagebetrug noch die Brutalität einer Unternehmensführung verstanden; die meisten Menschen denken naiverweise an fleißige Arbeit im redlichen Rahmen, und die führt selten zu großem Vermögen oder an die Spitze eines Unternehmens.

Der redlichste Rahmen, in dem ein Vermögen oder die Führung eines Unternehmen erlangt werden kann, ist dagegen – das Erben. Jedenfalls wird es von den Erben nicht durch persönliche Niedertracht erworben (schlimmstenfalls sind sie Nutznießer einer Niedertracht früherer Generationen). Natürlich mag es sein, dass ihnen die Passivität des Vorgangs nicht guttut; namentlich die Erben der ersten Generation sind oft schwer erträglich, depressive Parasiten oder hochfahrende Angeber. Aber schon mit dem zweiten und dritten Erbgang (wenn der Reichtum nicht verprasst wurde) steigt der Zivilisiertheitsgrad. Wenn die Enkel oder Urenkel ihren Wohlstand nicht geradezu vergessen (was oft vorkommt) und einem bürgerlichen Beruf mit Ehrgeiz nachgehen, werden sie mäzenatisch oder philanthropisch tätig oder heben doch immerhin ihren Konsum auf ein höheres Niveau, kaufen geschmackvollere Autos, geben bessere Feste und üben elegantere Manieren.