DIE ZEIT: Herr Castorf, kürzlich ist Ihre Aufführung von Brechts Schauspiel Baal am Münchner Residenztheater im Namen der Brecht-Erbin Barbara Brecht-Schall gerichtlich verboten worden. Der Vorwurf war, Sie hätten Brechts Stück mit Fremdtext angereichert und unzulässig verändert. Wie sehr hat Sie das getroffen?

Frank Castorf: Es ist mir jetzt zugestoßen, was mir zuletzt in der DDR passiert war und wonach ich mich so lang gesehnt habe: Es ist endlich wieder eine Aufführung von mir verboten worden. Eigentlich ein lächerlicher Vorgang, von dem man nicht glauben sollte, dass er im 21. Jahrhundert noch passieren würde. Brecht selbst hat vom Baal bis in die fünfziger Jahre vier, fünf Versionen hergestellt, weil er damit nicht zufrieden war. Ganz allgemein ist er immer sehr lax mit Fragen geistigen Eigentums umgegangen. Ich glaube nicht, dass er sein Werk unter so eine Glasglocke stellen wollte.

ZEIT: Hatten Sie keine Bedenken, dass die Brecht-Erbin Ihre Inszenierung verbieten lassen würde? Deren Beharren auf Texttreue ist ja bekannt.

Castorf: Ich hatte Bedenken, und die habe ich dem Theater auch mitgeteilt. Das Theater war sehr zuversichtlich, dass man auf Toleranz vonseiten der Erbin bauen könne. Leider war da keine Toleranz.

ZEIT: Sie inszenieren jetzt am Hamburger Schauspielhaus ein Stück, das Brecht im Jahr 1923 zusammen mit Arnolt Bronnen genauso misshandelt hat, wie Sie es nun mit Brechts Baal getan haben, Hans Henny Jahnns Pastor Ephraim Magnus (Premiere am 19. März).

Castorf: Brecht hat, als er es 1923 in Berlin inszeniert hat, vom Stücktext Jahnns nur etwa 20 Prozent übrig gelassen, und Jahnn war nicht glücklich darüber. Er hat es aber geduldet. Er hatte sehr viel mehr Humor, als ihm nachgesagt wird. Schon dass er Brecht und Bronnen nicht verklagt hat, spricht für seine Gabe zur Selbstironie.

ZEIT: In Ihrer Baal-Inszenierung, die ein letztes Mal beim Berliner Theatertreffen gezeigt werden darf, ehe sie in der Versenkung verschwinden wird, gibt es eine Passage, die sich auf Francis Ford Coppolas Film Apocalypse Now bezieht. Der Film erzählt von der Suche flussaufwärts nach einem irren, unberechenbaren Colonel, der sich in den Dschungel zurückgezogen und dort sein eigenes Reich errichtet hat. Beim Zusehen kam mir der Eindruck, dass der Colonel eigentlich Sie, Frank Castorf, sind – der ins Quellgebiet des Flusses zurückgewichene Herrscher, dessen einsame Stimme "Das Grauen" ruft. Rundheraus: Sind Sie Colonel Kurtz?

Castorf: Ein sehr schmeichelhafter Vergleich, aber ich sag mal: Ja. Die Existenz des Kurtz hat viel mit Kunst zu tun: Er setzt sich der Einsamkeit aus.

ZEIT: Die Volksbühne ist Ihr Dschungel?

Castorf: Die Volksbühne war eine kultische Heimat, die mir Schutz gegeben hat. Wenn ich bald diesen Ort verlasse und an meine Anfänge als armer jüdischer Verwandter anknüpfen muss, werde ich sehen, wie es weitergeht. Die Volksbühne war ein Ort, an den man gern zurückkehrte. Das wird sich verändern. Die Kirche wird geschlossen werden.

ZEIT: Sie hören als Intendant der Volksbühne auf?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Castorf: Es gibt ein großes Interesse in Berlin daran, dass ich aufhöre. Im Alten Testament heißt es: Sie sind weder heiß noch kalt. Ach wären sie doch heiß und kalt und nicht lau. Und Berlin ist nicht lau, aber cool geworden. Coolness ist nicht meine Temperatur. Daher ist dies vielleicht die rechte Zeit für Veränderungen; so ein Theater ist ja kein Erbhof.

ZEIT: Wann werden Sie aufhören? Ihr Vertrag endet 2016.

Castorf: Wir haben jetzt eine kleine Verlängerung, aber keine, die ausreichen würde, die Volksbühne neu zu strukturieren.

ZEIT: Haben Sie Ihren Abschied selbst beschlossen, oder gab es politischen Druck?

Castorf: Es ist der Wunsch der neuen Berliner Kulturpolitik. Von meiner Seite hätte ich, da ich nie ein Ende finden kann, auch an der Volksbühne keins gefunden.

ZEIT: Hat der neue Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner vollzogen, was schon der ehemalige Regierende Bürgermeister Wowereit wollte?

Castorf: Es gab schon bei Wowereit die Hoffnung, dass wir uns in schöner Übereinstimmung voneinander trennen. Nun hat er sich dann eher getrennt von unserer Kultur und unserem Flughafen, aber was er gesät hat, ist ein schönes kulturpolitisches Missverständnis, das ich nicht mehr zu verantworten habe. Und diejenigen, die einst politisch zur Verantwortung gezogen werden könnten, sind zur entsprechenden Zeit sowieso nicht mehr im Amt.

ZEIT: Worin besteht das Missverständnis?

Castorf: In der Nichtprofessionalität. In der Unkenntnis dessen, was dieser merkwürdige Ort Theater ist. Im fehlenden Wissen darum, dass das Theater, namentlich die Volksbühne, ein Widerstandsnest war. Es existierte in der Kulturpolitik mal eine andere Grundkompetenz. Heute haben wir stattdessen viele englische Begriffe, die schon als Ausweis für Kompetenz gelten. Jetzt wird sehr viel amerikanisches Englisch geredet – das gilt schon als Einstiegsdroge für die Rauschzone Theater.

ZEIT: Wie war das bei Wowereit?

Castorf: Er hat nichts gemacht, auch nichts Schlechtes, und hat es finanziell unterstützt. Aber Visionen bezüglich der Opern- und Theaterlandschaft sind in dieser nicht ganz kleinen Stadt Berlin ein Fremdwort. Eine Vision ist die Olympiade, dabei war man da schon mal furchtbar gescheitert. Man lernt in Berlin nicht aus Fehlern – man will wieder das, was man nicht braucht.