DIE ZEIT: Frau Nüsslein-Volhard, ist Genie männlich?

Christiane Nüsslein-Volhard: Müssen wir darüber wirklich noch reden? Frauen haben doch ausreichend gezeigt, dass sie genauso gut wie Männer Wissenschaft machen können und intellektuell nicht hinter ihnen zurückstehen.

ZEIT: Warum gibt es dann so wenige Nobelpreisträgerinnen in den Naturwissenschaften?

Nüsslein-Volhard: Es gibt einige! Aber es stimmt, die meisten Entdeckungen werden von Männern gemacht. Viele Frauen betreiben die Wissenschaft nicht mit dieser Besessenheit und dem Ehrgeiz. Wenn man das halbtags macht oder nicht wirklich mit Leidenschaft, dann wird man nicht so erfolgreich. Und schauen Sie sich doch mal die männlichen Nobelpreisträger an: Da gibt es kaum einen, der eine Frau hat, die auch berufstätig ist. Die sind alle ganz fokussiert auf die Arbeit, oft völlig abgeschottet, denn die Frau kümmert sich ja um Haus, Kinder und Hund.

ZEIT: Dann geht es also weniger um Begabungsunterschiede zwischen Mann und Frau, sondern vielmehr um den Grad der Besessenheit?

Nüsslein-Volhard: Das ist so. Und wir müssen uns nichts vormachen: Die Lebens- und Glücksziele, die persönlichen Interessen von Frauen sind einfach andere. Ich hatte vor Kurzem ein Gespräch mit Abiturienten und jungen Studenten. Die Jungs haben gesagt, sie wollen reich werden – und die Mädchen? Die möchten am liebsten einen netten Mann treffen, heiraten und Kinder bekommen. Und daran wird sich vielleicht erst mal nicht viel ändern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

ZEIT: Hatten Sie nie solche Wünsche?

Nüsslein-Volhard: Ich habe mich mehr für Sachen interessiert als die anderen Mädchen, die mehr an Leuten interessiert waren. Dadurch fand ich selten jemanden, mit dem ich über meine Leidenschaft für Pflanzen, Tiere und die Natur reden konnte. Ich war oft in Gedanken, habe im Garten alle Pflanzen gekannt, hatte auch ein Mikroskop und war gefesselt von meinen Beobachtungen und meinen Büchern. Mit dieser extremen Neigung war ich eine Ausnahmeerscheinung. Ich wäre unglücklich geworden, wenn ich nicht Wissenschaftlerin hätte werden können. Aber ich kenne wenige Frauen, die dafür Verständnis haben.

ZEIT: ... dass Sie Ihre Wochenenden im Labor verbracht und auf Kinder und Familie verzichtet haben?

Nüsslein-Volhard: Viele Frauen schütteln den Kopf und fragen: Warum macht die das? Und wenn Wissenschaftlerinnen dann auch noch Kinder bekommen, dann wird geschimpft, dass sie sich vor lauter Arbeit nicht genügend um sie kümmern. Die anderen, nicht berufstätigen Frauen sind da manchmal richtig aggressiv.

ZEIT: Es sind also nicht nur die Männer, die jungen Wissenschaftlerinnen das Leben schwer machen?

Nüsslein-Volhard: Es gibt Zoff unter den Frauen, da tobt der Kampf um das richtige Rollenbild. Und daneben manche Männer, die immer noch starke Vorurteile pflegen – was aber oft an schlechten Erfahrungen liegt, die sie gemacht haben. Sie wurden nicht selten von Frauen enttäuscht, obwohl sie ihnen gegenüber fördernd und freundlich waren und dann erleben mussten, dass sie ihnen mitten in der Doktorarbeit abhauen oder sich in der Kaffeepause über Schönheit und Leute unterhalten und eben nicht über Wissenschaft. Die verderben den Ruf, wissen Sie!

ZEIT: Mit offener Diskriminierung muss aber keine Frau mehr rechnen?

Nüsslein-Volhard: Das kann sich im heutigen Wissenschaftssystem niemand mehr erlauben. Mir hat zu Beginn meiner Laufbahn mein Chef gesagt: Es gibt keine weiblichen Einsteins. Frauen hätten Qualitäten in anderen Berufen, sie wären zum Beispiel gut im Töpfern.

ZEIT: Wie haben Sie sich trotz solcher Demütigungen nach oben gekämpft?

Nüsslein-Volhard: Ich hab mich schon sehr geärgert über abfällige Bemerkungen. Es wurde ja von vornherein erwartet, dass man scheitert. Mich hat der Zorn gepackt, und ich hab mich ins Zeug gelegt! Mich ständig gefragt, ob ich gut genug bin für diesen harten Job. Heute weiß ich, dass ich mir vieles nicht hätte gefallen lassen müssen. Man hat mir weniger Geld und Ausstattung gegeben als Männern in ähnlicher Situation. Ich dachte aber: Ach, so viel Geld hatte ich noch nie, ist doch toll, anstatt zu schauen: Was haben eigentlich die anderen neben mir? Männer vergleichen immer sofort: Wie groß ist meine Laborfläche, mein Budget, meine Gruppe?

ZEIT: Haben die jungen Nachwuchsforscherinnen heute genügend Biss?

Nüsslein-Volhard: Die sind oft sehr beeindruckend. Viele wollen aber eben nicht so einen riesigen Einflussbereich, weil sie dazu nicht den Ehrgeiz haben. Und ich kann das verstehen. Nur sind in unserem System kleinere selbstständige Projekte leider kaum vorgesehen.