Fritz J. Raddatz (1931–2015) © Christian Charisius/dpa

Der Abschiedsbrief von Fritz J. Raddatz kam am 27. Februar. Der Postbote klingelte, weil der Umschlag zu groß für den Briefkasten war, ich öffnete und erhielt ein braunes Couvert mit der bekannten Handschrift, darin sein letzter Brief an mich und sein Tagebuch aus den letzten Wochen. Unmöglich, diese Handschrift zu sehen ohne ein Zurückschrecken. Tags zuvor hatte mich aus Zürich die Nachricht erreicht, daß Raddatz tot war.

Zehn Jahre war es her, daß ich, im März 2005, einen ersten Brief von Raddatz bekommen hatte. Damals begann unsere Zusammenarbeit, aus der im ganzen sieben Bücher entstanden sind, die ersten jeweils im Abstand einiger Jahre, die späteren in dichter Folge, und in deren Mittelpunkt ohne Zweifel die Herausgabe der Tagebücher in zwei Bänden stand. Des Hauptwerks, der Lebenshinterlassenschaft.

Ich kann hier nicht beschreiben, was für ein Vergnügen diese Zusammenarbeit bedeutet hat, und zwar uneingeschränkt, ohne Mißhelligkeiten, Streit. Den Streit allerdings hat Raddatz immer erwartet. "Wann kommt denn nun", fragte er ohne jede Ironie, "endlich unser großes Zerwürfnis?" Doch stattdessen arbeiteten wir nur, und aus den anfangs sporadischen Treffen in seiner Wohnung wurden, dem Rhythmus der Bücher folgend, regelmäßige.

Von einem gewissen Zeitpunkt an, wann genau, kann ich nicht sagen, doch fällt er zusammen mit dem Beginn dessen, was Raddatz "unsere Befreundung" nannte, gehorchten die Treffen einem von ihm entworfenen Zeremoniell. Erst Arbeiten im Wintergarten, vor uns die Manuskripte, daneben seitenlange Listen mit Fragen, die geklärt werden sollten und die Raddatz Punkt für Punkt abhakte, gleichzeitig am Rand mit neuen Notizen beschrieb. Dann Champagner im Wohnzimmer, dann das Abendessen im Eßzimmer, dann Käse und Rotwein wieder im Wintergarten. Es kam ihm darauf an, daß ich bei alldem keinen Handschlag tat: "Sie bleiben sitzen ... ich bediene Sie!" An jedem der Orte lagen für mich Zigaretten bereit – er hatte seine, ich meine –, eigene Streichhölzer, ein eigener Aschenbecher. Außerdem verschiedene Gläser, die er für uns ausgewählt hatte; waren es Fadengläser, von ihm geliebt und gesammelt, entsprach ihre Farbe einer bestimmten Idee von Stimmung, die er für den Tag vorgesehen hatte. Und niemand konnte Stimmungen, Hoch- und Höchststimmungen dirigieren wie er. Mühelos, wie es schien.

Lesen Sie dazu auch Fritz J. Raddatz' Abschiedsbrief an Alexander Fest (S. 50) sowie sein letztes Tagebuch (S. 51) in der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

In den letzten Jahren, schon vor der Veröffentlichung des zweiten Tagebuchs Anfang 2014, schlug die Stimmung, wenn es spät geworden war, nicht selten um. Am Ende regelmäßig, jedesmal. Er sei ein Talent gewesen, jetzt ausgelebt, leergelebt, er blicke nach innen. Er war ganz ruhig in diesen Momenten, saß zurückgelehnt da mit übergeschlagenen Beinen und rauchte. Wer seine Ideen nicht, wie er, fortwährend am gesellschaftlichen Umgang prüft, klärt, bestätigt findet oder eben nicht und Umriß und Verwirklichung nicht nur vom Sozialen nimmt, in völliger, unbekümmerter Verausgabung, wird das nicht verstehen. Das Soziale war für ihn Unbefangenheit und Freiheit, es war Genuß, es war das ausschließliche, fast einzige Erlebnis. Der Blick nach innen war das nicht. Die Selbstentblößung der Tagebücher, für manche eine solche Strapaze, daß sie nicht weiterlesen konnten, ist für ihn selbst nicht wahrzunehmen gewesen. Ich versuchte ihn umzustimmen: Funktioniere sein Kopf nicht wie früher? Schreibe er nicht genauso gut wie früher? Ich könne kein Nachlassen der Kraft erkennen, körperlich nicht, geistig nicht. Schon richtig, sagte er, aber für den Schritt, den er tun müsse, brauche man ja auch Kraft. Große sogar.

Im Grunde, und nicht bloß ex post betrachtet, beschreibt schon der zweite Band der Tagebücher den Weg zu diesem Schritt an der Grenze gänzlicher Offenheit. Was im ersten Band entworfen wird, der große Gesellschaftsroman der deutschen Intellektuellen, "ein kaum erträgliches Kunstwerk", wie eine kluge Stimme sagte, wird im zweiten Band Stück für Stück zurückgenommen und schließlich abgetragen. "Ich sehe niemanden mehr", schreibt Raddatz. "Spiegel einsamer Schwärze." Daß er am Ende FINIS unter die letzte Seite setzte, zeigt, worauf es ihm ankam; auf Selbstbestimmung. Auch das Tagebuch sollte mit einem Entschluß, nicht einfach mit dem Leben selber enden.

Am 3. September, seinem Geburtstag, hatte ich ihm deshalb in meinem Geburtstagsfax nach den üblichen Glückwünschen geschrieben: "Und dann noch ein Wunsch für mich – ja, auch dies an dieser Stelle – oder doch nicht nur für mich? Daß Sie mir erhalten bleiben."

In seinem letzten Brief kommt er darauf zurück und machte in einem PS klar, daß eine Publikation, "falls irgendeine ›Öffentlichkeit‹ an meinem Aufgeben interessiert" sein sollte, für ihn vorstellbar sei. Das hieß aber für uns, die wir ihn kannten: gewünscht. So nah ist er uns geblieben, wird er uns bleiben, Mißverständnis unmöglich. Dieser Wunsch wird hier erfüllt.

Ergänzend: Das Ende des Tagebuchs ist auch diesmal nicht das Ende gewesen. Es folgte noch die Publikation des herrlichen Ledig-Buchs, das Rowohlt begleiten wird, solange es den Verlag gibt, die Buchvorstellung mit Ulrich Matthes und eine Lesung in der Buchhandlung Felix Jud in Hamburg. Am wichtigsten aber, es gab eine Aussprache mit Gerhard Bruns-Raddatz, dem die Hauptsorge des Schriftstellers gegolten hatte. Mehrere Tage lang sprachen die beiden über das, was jetzt geschehen sollte.

Erst dann endgültig, wie Raddatz es gesagt haben könnte, der Blick nach innen.