Hat Leipzig jetzt eine Art Rütli-Schule? Rütli, das war diese Problemschule in Berlin-Neukölln, die 2006 Schlagzeilen machte, weil es drunter und drüber ging: überforderte Lehrer, Probleme mit der Integration von Kindern aus Migrantenfamilien.

Seit dieser Woche bewegt das Thema plötzlich Sachsens Kultusministerium, die Medien und allerlei Lehrer: Es geht um die Grundschule am Rabet im Leipziger Osten. Sie ist diejenige mit dem sachsenweit höchsten Anteil von Kindern aus Zuwandererfamilien, 61,6 Prozent. Und die Einrichtung, behaupten Elternvertreter, sei hoffnungslos überfordert, damit umzugehen.

Die Eltern haben deshalb eine konzertierte Aktion gestartet. "Wir wussten uns nicht anders zu helfen", sagt Ulrike Geisler, 29, stellvertretende Vorsitzende des Elternrats. Am Montag verschickte Geisler einen offenen Brief an Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU), unterzeichnet vom Elternrat und dem Förderverein der Schule. Darin ist von "gravierenden Missständen" die Rede, Schüler würden von Lehrern "angebrüllt, beschimpft und sogar geschlagen", das Kindeswohl sei gefährdet. Es sind heftige Vorwürfe.

Die Eltern schildern Probleme, die man bislang nicht mit den Schulen Ostdeutschlands in Verbindung gebracht hat. "Kinder wurden hier schon von Mitschülern verprügelt, ja regelrecht verdroschen", sagt Geisler und zeigt auf den Spielplatz vor dem kargen Schulgebäude, das graubraun verputzt ist – triste DDR-Architektur. Drinnen, hinter der Eingangstür, hängt eine gebastelte Weltkarte und in den bunten Buchstaben der Satz "Wir sind Kinder einer Welt". Die Schüler kommen aus 24 unterschiedlichen Nationen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe Nr. 12 vom 19.03.2015.

Dieser Fall ist außergewöhnlich, weil er tatsächlich an den der Rütli-Schule erinnert. Dort waren es einst die Lehrer gewesen, die einen offenen Brief an den Berliner Senat schrieben: Die Stimmung in den Klassen sei geprägt "von Aggressivität, Respektlosigkeit und Ignoranz", hieß es. Der Brandbrief löste eine Debatte darüber aus, wie Unterricht in sogenannten Problemvierteln gelingen kann.

Auch wenn von der Leipziger Eisenbahnstraße die Rede ist, fällt oft das Wort "Problemviertel". Die Grundschule am Rabet liegt an dieser Straße im Leipziger Osten. Zwei Gehminuten entfernt führt die Elternrätin Ulrike Geisler ins Café am Rabet, wo der Kaffee einen Euro kostet, Männer vorm Spielautomaten rauchen. "Hier fühlen Sie das Flair des Stadtteils", sagt sie. Im vorigen August nannten Medien die Gegend "Gefahrenzone", eine neue Polizei-Außendienststelle wurde eröffnet. Die Kriminalitätsquote ist hoch, Arbeitslosigkeit ein großes Problem. Dies sei die "schlimmste Straße Deutschlands", hieß es in einem TV-Beitrag.

"Das ist ein ehrlicher Stadtteil", sagt Ulrike Geisler. "Die Leute kommen aus allen Regionen der Welt. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, von hier wegzuziehen, ich muss mein Kind nicht vor allem schützen." Das soll so eine Art Klarstellung sein: Mit Pegida oder Legida, diesen zuwanderungskritischen Bewegungen, habe sie nichts gemein. Aber Probleme an der Schule müssten trotzdem benannt werden. "Natürlich gibt es Schwierigkeiten in diesem Stadtteil", erwidert Roman Schulz, der Pressesprecher der zuständigen Bildungsagentur, aber bislang habe die Schule diese gut gemeistert. Der Elternrat sieht das anders, er listet seine Vorwürfe wie folgt auf: Es hätten sich schon Eltern gegenseitig verklagt, weil deren Kinder mit auffälligen blauen Flecken heimgekommen seien. Im vorigen Schuljahr habe eine Schülerin Lehrer geschlagen, das Mobiliar zertrümmert, sei weggerannt. Immer wieder würden Lehrer die Kontrolle über sich verlieren, Kinder hart anpacken, an die Wand drücken, sie anbrüllen. Eine Pädagogin habe ein Kind am Kopf geschlagen, ein Kollege den Ranzen eines Schülers getreten. Einem Mobbing-Opfer sei geraten worden, die Schule zu wechseln. Ohne Sozialarbeiterin sei in manchen Klassen kein Unterricht möglich. Und ausgerechnet diese Sozialarbeiterin sei nun dauerhaft erkrankt. Aus Stress? Der Führungsstil der Schulleiterin sei schlecht, behauptet der Elternrat.

"Eine Hetzkampagne", sagt die Schulleiterin

Wer in diesen Tagen mit der Schulleiterin reden will, mit Bettina Trummer, der braucht Glück. Frau Trummer will nicht viel sagen, nur in Kürze das: "Ich bin entsetzt und überrumpelt. Die Vorwürfe sind unhaltbar und unglaublich. Die Art und Weise, wie hier eine Hetzkampagne gefahren wird, entsetzt mich. Wir sind keine Problemschule. Wenn Sie unbedingt wollen, finden Sie auf jedem Schulhof Kinder, die sich prügeln." So endet das Gespräch. Also alles nicht so wild?

Die zuständige Bildungsagentur in Leipzig pflichtet der Rektorin bei. "Das ist eine relativ normale Schule", sagt Roman Schulz, der Pressesprecher. Ja, es gebe problematische Schüler, aber die gebe es überall. Die Quote der Sitzenbleiber – zehn Prozent immerhin – sei hoch. Aber nicht dramatisch. Außerdem habe die Bildungsagentur im vergangenen Jahr schon einmal einen professionellen Moderator an die Schule geschickt, um zwischen Eltern, Lehrern und Schulleiterin zu vermitteln. Alsbald werde man sich mit den Elternsprechern aller Klassen wieder zusammensetzen.

Ein grundsätzliches Problem aber diskutiert man kaum weg: dass Grundschulen, zumal solche mit schwierigen Bedingungen wie jene am Rabet, personell nicht gut aufgestellt sind; dass Pädagogen mitunter geradezu überfordert sein müssen. Die Strategie der Elternräte ist deshalb jetzt Öffentlichkeit. Sie wissen: Schulen, die in der Vergangenheit als Problemschulen bekannt wurden, erhielten später oft außergewöhnliche Unterstützung. Aus Rütli ist ein Vorzeigeprojekt geworden.

Doch wer eine Aufsteigergeschichte erleben will, muss zunächst eingestehen, ein Problem überhaupt zu haben. Vor zwei Jahren war die Grundschule am Rabet schon einmal in den Schlagzeilen. Eine Sportlehrerin versuchte damals, aus aggressiven Kindern friedliebende zu machen. Sie startete eine Judo-AG namens "Raufen und Zweikampf nach Regeln", das sprach sich herum. Der MDR drehte eine Doku. Bald jedoch verließ die Sportlehrerin die Schule wieder. Sie hatte sich mit der Schulleiterin überworfen. Diese sah ihre Einrichtung durch die Berichterstattung über aggressive Kinder in ein falsches Licht gerückt.