Wenn man es positiv formulieren will, könnte man sagen: Das Bundesverfassungsgericht hat es mit seinem neuen Kopftuchurteil vertrauensvoll der Gesellschaft überlassen, den Streit um die Kopfbedeckung von Lehrerinnen zu regeln. Nicht jedes Kopftuch bedrohe schon den "Schulfrieden", sagen die Richter, ein Generalverdacht sei nicht gerechtfertigt. Aber das soll nicht ausnahmslos gelten. Wo der Schulfrieden konkret bedroht werde, darf Lehrerinnen auch in Zukunft untersagt werden, das Kopftuch zu tragen. Was das aber eigentlich ist, der Schulfrieden, und wann er gestört ist, dazu sagt das Gericht: nichts.

Weniger euphorisch gewendet, muss man daher feststellen, dass der Streit um das Kopftuch dorthin verlagert wird, wo er wohl am wenigsten hingehört: in die Schulen. Ist der Schulfrieden schon gestört, wenn eine Kopftuch tragende Lehrerin ihren Schülerinnen erklärt, warum sie das Tuch trägt? Oder erst wenn sie deutlich dafür wirbt, es ihr nachzumachen? Ist es eine Störung, wenn Eltern sich weigern, ihre Kinder von einer Kopftuch tragenden Lehrerin unterrichten zu lassen, und wer wäre überhaupt der Störer – die Eltern oder die Lehrerin? Was ist mit dem denkbaren Protest von Schülern, Eltern und Lehrern, die sich in der Schule von den Glaubensbekundungen der Lehrer und Lehrerinnen nicht behelligen lassen möchten, also ihre "negative Religionsfreiheit" in Anspruch nehmen wollen?

In Zukunft, das wird eine Folge der Entscheidung sein, müssen Schulen, Eltern und Lehrer diese Fragen für sich klären oder die zuständigen Schulverwaltungen und Ministerien. Einzelne Schulen oder Schulbezirke, das sagen die Karlsruher Richter in ihrer Entscheidung selbst, können dabei zu ganz unterschiedlichen Regelungen kommen. Durchaus denkbar also, dass, nur zum Beispiel, in Berlin-Neukölln ein Kopftuchverbot verhängt wird, in Zehlendorf aber nicht – oder, auch nicht auszuschließen, gerade umgekehrt: in den "weißen" Vororten dürfen nur Kopftuchlose unterrichten, weil sonst die Eltern aufbegehren, in den stärker migrantisch geprägten Bezirken, wo das Kopftuch ohnehin zum Alltag gehört, wird es auch an den Schulen erlaubt. Logisch? Keineswegs. Pädagogisch wertvoll? Wohl kaum.

Lesen Sie dazu auch den Leitartikel "Nicht mit mir!" in der ZEIT Nr. 12.

Im zweitschlechtesten Fall führt all das zu einer weiteren Bürokratisierung des Schulalltags. Im allerschlechtesten Fall werden die neuen Regeln in einem zähen Kleinkrieg zwischen Schulleitern und Lehrern, Lehrern und Eltern ausgefochten und schließlich von Gerichten entschieden. Schulfrieden sieht anders aus.

Dass der Streit um das Kopftuch existiert und weitergehen wird und auch nicht mit einem Federstrich der Verfassungsrichter verschwindet – das zeigt ironischerweise am deutlichsten das Gericht selbst. Selten, wenn überhaupt je, war das Verfassungsgericht in einer Frage derart zerstritten wie in dieser: Der Erste Senat, der eine der beiden Spruchkörper des Gerichts, sieht die Sache fundamental anders als der Zweite Senat. Und innerhalb des Ersten Senats, der jetzt das allgemeine Kopftuchverbot aufgehoben hat, lehnen zwei der acht Richter das Urteil entschieden ab. Mehr noch, der Vorsitzende des Ersten Senats, Vizepräsident Ferdinand Kirchhof, konnte nicht an dem Urteil mitwirken, weil er als Wissenschaftler bei der Formulierung ebenjener Gesetze beratend tätig war, die seine Senatskollegen jetzt als verfassungswidrig verworfen haben – mehr Durcheinander war nie in Karlsruhe.

Eine langfristige Folge des Urteils könnte daher sein, dass die Religion, gleich, welcher Spielart, komplett aus der Schule verbannt würde – das wäre das französische Modell, das freilich der anspruchsvollen deutschen Tradition der Verschränkung und wohlwollenden Koexistenz von Kirche, Religion und Staat widerspricht. Oder aber alle Beteiligten, Lehrerinnen wie Schulverwaltungen, Eltern und Schüler, ringen sich durch, ihre Rechtspositionen und Ansprüche nicht zu maximieren, sondern Toleranz zu üben und die neu gewonnene Freiheit rücksichtsvoll zu nutzen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio