Der Künstler sagt: "Leipzig ist der Ort, an den ich immer wieder zurückkehre, wenn ich es anderswo nicht mehr aushalte."

Der Galerist sagt: "Leipzig ist die Stadt, in der ich Kunstgeschichte geschrieben habe."

Der Schriftsteller sagt: "Leipzig ist Zuhause, Heeme, wie wir in Sachsen sagen. Ich könnte nirgends anders leben."

Als Leipziger freut es ihn natürlich, dass die alte Handelsstadt, die nach der Wende über 100.000 Einwohner verloren hatte, wieder wächst, dass junge Menschen zu Tausenden herziehen. Während früher ein Studienplatz in Leipzig für viele einer Höchststrafe gleichkam, bewerben sich inzwischen zehn Abiturienten auf einen Studienplatz. Viele bleiben nach der Ausbildung, weil sie das Gefühl haben, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Leipzig ist im Begriff, das nächste große Hipster-Ding zu werden, mit allem, was dazugehört: ständig neue Kneipen und Cafés, ausgefallene Start-up-Ideen und junge Künstler, denen Freiheit wichtiger ist als ein regelmäßiges Einkommen. Erst kürzlich hat die New York Times die Stadt, die dieses Jahr auch noch ihren 1000. Geburtstag feiert, wieder mal zu einer von Mitteleuropas dynamischsten Citys erklärt. Clemens Meyer allerdings interessiert das alles nur am Rande. "Ich brauche mehr Fallhöhe", sagt er.

Der Schriftsteller ist am östlichen Stadtrand aufgewachsen, in Anger-Crottendorf. Hier spielen die meisten seiner Bücher, auch Als wir träumten, sein soeben von Andreas Dresen verfilmtes Debüt aus dem Jahr 2006. Mit dem Fahrrad braucht man vom Hauptbahnhof etwa zehn Minuten, und schon auf der Hälfte der Strecke kommen Osteuropa-Gefühle auf. Dunkle, fensterlose Fassaden säumen die Zweinaundorfer Straße, überwucherte Brachen, Häuserstümpfe. Allein die schicke neue Hem-Tankstelle beweist, dass auch in Anger-Crottendorf nicht alles Vergangenheit und Verfall ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Meyer, der in einem langen schwarzen Mantel zur Verabredung gekommen ist, schlägt vor, dass wir in der Tanke erst mal einen Kaffee nehmen. Nicht dass der bei Hem besonders gut wäre. Gott bewahre. Es gibt nur sonst nirgends welchen. Die Pizzeria, die Dönerbude, auch die letzte richtige Bierväterkneipe sind alle längst weg. Außerdem lag hier, wo wir jetzt Espresso aus Plastikbechern trinken, früher einmal das Eastside, Vorbild für den illegalen Techno-Club aus seinem Roman. Im Film zerbrechen an diesem Ort alle Hoffnungen innerhalb einer Nacht.

Als wir träumten spielt in einer doppelten Zwischenzeit. Draußen ist die DDR am Ende, die alten Regeln gelten nicht mehr, im Inneren der fünf Helden läuft die Spätpubertät Amok. Sie saufen, prügeln, fahren geklaute Autos zu Schrott, weil es für sie nur noch Gegenwart, aber keine Zukunft gibt. Dass der Film in Anger-Crottendorf ohne größere Umbaumaßnahmen am Originalschauplatz gedreht werden konnte, leuchtet sofort ein. Wir laufen durch Straßen, in denen keine Autos stehen, stromern durch Hinterhöfe, in denen niemand mehr werkelt. Doch Meyer, der hier noch immer eine Wohnung hat, scheint durch die Tristesse hindurchschauen zu können. Wie ein Kunsthistoriker freut er sich über eine alte Feuerwache, über die für diese Gegend typischen ausladenden Satteldächer, über einen schönen, glücklicherweise noch nicht verfaulten Holzbalkon.

Auch das Immergrün, eine kleine Kaschemme am Rande einer Schrebergartenkolonie, die wider Erwarten geöffnet ist, möchte er gleich unter Denkmalschutz stellen lassen: völlig zugerümpelt und schon am frühen Nachmittag verraucht; an der Bar eine übergewichtige Thekenfrau, die die Kippe nicht aus dem Mund nimmt, während sie ein Helles zapft. "Ich mein, wo gibt’s das noch?" So souverän und gleichzeitig so verloren.

Meyer, dessen Texte meist um Gewalt, Sex, Boxsport, Alkohol und Drogen kreisen, ist ziemlich gut darin, den Rand der Gesellschaft in den Mittelpunkt zu rücken und Würde und Poesie gerade dort zu finden, wo sie nicht offensichtlich sind. Und wer einen Nachmittag mit ihm durch sein Viertel spaziert ist, sieht sein Anger-Crottendorf auf dem Weg zurück ins Stadtzentrum erst mal überall. War die gigantische Kaufhausruine hinter dem Grassi-Museum heute früh auch schon da? Die ollen Plattenbauten am Rande der nach allen Regeln der Kunst restaurierten Altstadt? Und kann es sein, dass Leipzig gerade deshalb so großen Spaß macht, weil es hier selbst kurz vor der großen 1000-Jahr-Feier noch so viel Unfertiges gibt, so viele Orte, an denen jeder seinen ganz privaten Ambitionen nachgehen darf?