Im Speckgürtel von St. Louis stört ein prominenter Nachbar die idyllische Ruhe des grünen Vorortes Chesterfield. Bei Monsanto wird gebaut. Wo bislang Autos parkten, wachsen neue Labore und Treibhäuser. Mehr als 675 weitere Forscher will der Konzern hier einstellen. Ein 400-Millionen-Dollar-Projekt.

Schon diese Expansion wäre Anlass genug, einmal genau hinzusehen. Ist doch Monsanto bereits der größte Biotechnologie- und Saatgutkonzern der Welt. Seine Marktmacht verdankt er nicht zuletzt hohen Investitionen in neue Technologien. Allein 2014 waren es 1,7 Milliarden Dollar. Der Agrargigant bestimmt auch an anderen Forschungssitzen die Zukunft der Landwirtschaft mit. Die Zukunft nicht nur für Farmer im amerikanischen Getreidegürtel, sondern für Bauern weltweit.

Noch mehr Neugierde weckt aber die Parole, die Monsanto derzeit überall ausgibt: Nachhaltigkeit! We are a sustainable company. Moment mal: Monsanto soll ergrünen? Ausgerechnet jener Konzern, der als "Monsatan" oder "Monsantox" für viele zum Symbol für die Monotonie von Mais- und Sojawüsten "mit Gift und Genen" wurde, für die ökologischen Sünden der globalen Fleisch- und Biospritwirtschaft?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Ausufernde Patentanträge, Prozesswellen gegen Bauern und Konkurrenten, knallharte Einflussnahme auf Handels- und Saatgutgesetze rund um den Globus: Auch mit seiner ungehobelten Interessenpolitik hat Monsanto sich weiträumig unbeliebt gemacht. Da kann Nachhaltigkeit doch nur Schminke sein!

Oder gibt es ein Richtiges im Falschen?

Also auf nach Missouri, um bei Robert "Robb" Fraley mehr zu erfahren. Der Biochemiker war in den achtziger Jahren ein Gentechnikpionier, heute ist er Monsantos Vorstandsvize und Technologiechef. Federnder Schritt, zügiger Handschlag: "Schön, dass Sie mal nach der Zukunft fragen", sagt der 61-Jährige zur Begrüßung. Dann schildert er seine Sicht der Welt: Die Bevölkerung wächst, bis 2050 werden "zwei weitere Chinas" den Planeten bewohnen. Weil die Ackerflächen nicht mitwachsen, muss der Anbau viel intensiver werden. Also sucht Monsanto nach neuen Wegen, wie Bauern mehr Nahrungsmittel herstellen und trotzdem den Einsatz von Erdöl, Wasser, Dünger und Pestiziden beschränken können.

"Mehr mit weniger" – so klingt auch das Mantra der anderen großen Agrokonzerne von BASF bis Dupont-Pioneer. Mit neuen Züchtungsverfahren, digitaler Landtechnik und Bioziden soll die Landwirtschaft effizienter werden.

Fraleys Lippen sind schmal, in Blick und Stimme liegt ein Hauch von Trotz. Gegenüber seiner Besucherin aus Europa schwingt Frustration mit über die "Verrücktheit", die er den gentechnikkritischen Aktivisten dort bescheinigt. Ihnen gibt der Midwesterner die Schuld dafür, dass Monsanto mit seinen Gentechnikpflanzen in der EU einfach nicht landen konnte. Letztes Jahr kündigten die Manager entnervt an, dass sie einstweilen keine neuen Zulassungsanträge mehr stellen wollen. Aus Brüssel zogen sie sich in den mondänen Schmollwinkel Morges am Genfer See zurück, um sich neu zu sortieren. Zur Neuaufstellung gehört auch eine mediale Charmeoffensive. "Ich habe gelernt", sagt Robert Fraley, "dass wir der Gesellschaft besser erklären müssen, was wir tun."

Also sitzen wir beim Self-Service-Lunch in einem im Herrenreiter-Stil holzgetäfelten Manager-Kasino aus den fünfziger Jahren, das heute als Kantine für alle dient. Es liegt einige Kilometer von Chesterfield entfernt, im Vorort Creve Cœur. Wie poetisch das klingt: "Gebrochenes Herz". Auf diesem Gelände siedelte Monsanto schon, als die Firma noch Plastik und synthetische Fasern herstellte und auch so scheußliche Produkte wie das im Vietnamkrieg eingesetzte Entlaubungsmittel Agent Orange.

Seither hat sich der Konzern mehrmals verwandelt: vom Chemieriesen zum Biotechnologie- und Saatgutriesen. Steht jetzt also die nächste Mutation an? Eher eine Ausweitung: "Wir werden alle Aspekte der Landwirtschaft nachhaltiger machen", erklärt Fraley, der gern seine Wurzeln in einem Familienbetrieb betont, den Weg zum All-inclusive-Agrarkonzern. Und auch in der bodenständigsten aller Branchen lautet das Zauberwort: Big Data. Daten regieren im Treibhaus, sie entstehen auf dem Traktor wie im Labor.

Züchtung im Zeitraffer – Wie massiv die Revolution der Informationstechnologien die Pflanzenzüchtung beeinflusst, schildert Gary Barton, ein alter Monsanto-Hase. Beim Gang durch die Forschungslabore wird seine Begeisterung weniger von den Klimakammern und Hightech-Treibhäusern angestachelt als vom Maschinen- und Rechnerpark.