Ein zäher Brandgeruch liegt in der Luft, aber die Mitarbeiter im Notquartier des Deutschen Historischen Instituts (DHI) in Moskau haben sich schon daran gewöhnt. Die gestapelten Kisten mit dem, was noch zu retten war, muffeln als Zeugnis der Katastrophe. Dienstbesprechungen finden schon mal beim Institutsleiter auf dem heimischen Sofa statt. Seine Stellvertreterin zeigt wie eine Trophäe ihr verrußtes Paar Büroschuhe, das sie aus den Trümmern gezogen hat. Am 30. Januar verließ sie abends das Gebäude des Instituts für Gesellschaftswissenschaften; dort waren die Deutschen Untermieter. Eine Stunde später brannte es.

Es war ein Schock für die geisteswissenschaftliche Welt. Den Präsidenten der Russischen Akademie der Wissenschaften erinnerte das Feuer "an Tschernobyl". Der Brand traf eine der größten Bibliotheken Russlands mit mehr als 14 Millionen Büchern und Dokumenten, von denen nun mindestens jedes siebte beschädigt oder verloren ist. Seit 1918 hatte die Bibliothek Veröffentlichungen zu den Gesellschaftswissenschaften gesammelt, und russische Bewunderer verglichen sie stolz mit der Kongressbibliothek in Washington. Allerdings war das monumentale Siebziger-Jahre-Gebäude schon vor dem Brand nicht mehr im besten Zustand: Der Beton bröckelte, die Eingangstreppe galt als einsturzgefährdet, durch die Fenster zog es, und Kurzschlüsse waren keine Seltenheit. Das DHI im Westflügel hatte noch Glück im Unglück: Das Feuer drang nicht bis hierher vor.

Dennoch kommt der Brand für die Deutschen einer Stunde null nahe. Das Institut hat seine Computer, Stühle, Tische, einen Teil der Bücher, aber vor allem seine gerade renovierten Versammlungsräume und Büros verloren. Es ist heimatlos. Auch hat die Feuerwehr Oberlichter eingeschlagen und ihre Wasserschläuche durch die hauseigene Bibliothek gezogen. 35.000 Bücher müssen jetzt aufwendig getrocknet und von Hand entrußt werden.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Das Unglück hat dazu ein zweites, existenzielles Problem des Instituts verschärft: Es fehlt eine langfristige Bestandsgarantie in Moskau. Denn die spezifisch deutsche Konstruktion passt nicht in russische Amtsschubladen. Das DHI ist über seinen Träger, die Bonner Max Weber Stiftung für deutsche geisteswissenschaftliche Institute im Ausland, zwar vollständig staatsfinanziert, agiert aber eigenständig wie eine Nichtregierungsorganisation. Russische Behörden kennen dagegen nur zwei Kategorien: staatlich oder nichtstaatlich. Zuletzt zitterte sich das DHI alljährlich von einer Sondergenehmigung für die Akkreditierung beim Wissenschaftsministerium zur nächsten. Doch Anfang dieses Jahres wurde die bisherige Akkreditierungsstelle in einem Bürokratenstreich geschlossen, ohne Ersatz zu schaffen. Als Nichtregierungsorganisation oder gar kommerzielles Unternehmen möchte sich das DHI aber nicht registrieren. "Wir sind eine Forschungseinrichtung", sagt Instituts-Chef Nikolaus Katzer. In gut einem halben Jahr schon läuft die gültige Akkreditierung ab.

Auch auf der deutschen Seite klemmt es. Eine Zwischenlösung ist denkbar, doch die Rechtsabteilung des Auswärtigen Amtes lehnt sie bisher ab. Das DHI könnte der Botschaft in Moskau als Außenstelle unterstellt werden. Damit wäre Zeit gewonnen, um in Verhandlungen mit dem russischen Außenministerium zu einer endgültigen Statusklärung zu kommen. Das kann fünf bis zehn Jahre dauern. Aber die deutschen Juristen halten das für unvereinbar mit dem Gesandtschaftsrecht. Bekämen die Mitarbeiter des DHI dann Diplomatenpässe? Nicht auszudenken. Zudem bestände die Gefahr, dass Russland die Lösung im Gegenzug nutzen könnte, um über seine Berliner Botschaft eigene, intransparente Institute in Deutschland zu registrieren.

Hier treffen sich auch Russen und Ukrainer

Ohne eine Bestandsgarantie aber zögern die Geldgeber des DHI mit den nötigen Investitionen in ein neues Gebäude und neues Mobiliar. So gerät ein einzigartiges Institut in Russland in Gefahr. Vor knapp zehn Jahren ist das DHI in Moskau als private Initiative durch die Essener Krupp- und die Hamburger ZEIT-Stiftung gegründet worden. Seit 2009 trägt die Max Weber Stiftung den Unterhalt. Das Institut soll als Brücke zwischen deutschen und russischen Historikern dienen. Weltweit gibt es zehn Deutsche Historische Institute, in Paris zum Beispiel, in Warschau, London und Washington; das Moskauer Haus ist das jüngste von ihnen.

"Das DHI ist eines der wichtigsten wissenschaftlichen Zentren für ganz Russland", urteilt der Historiker Alexander Kamenski von der Höheren Wirtschaftsschule, einer staatlichen Universität. "Es ist ein Ort, wo Studenten und Doktoranden beider Länder zusammenkommen." Zumal auch unter russischen Historikern unsichtbare Grenzen verlaufen: Manche meiden Veranstaltungen in Konkurrenz-Universitäten. Das DHI gilt dagegen als "neutraler" Ort, den sogar ukrainische und russische Historiker trotz wachsender Animositäten gemeinsam besuchen. "In der hiesigen Historikerwelt ist der Austausch untereinander nicht so ausgeprägt", sagt Katzer. "Wir bieten internationale Offenheit für alle, die sie suchen."

In einem großen Projekt nimmt das Institut an der Digitalisierung der "Beuteakten" aus Deutschland teil, die der Roten Armee im und nach dem Krieg in die Hände gefallen sind. Das Koblenzer Bundesarchiv erhält eine Kopie, und die Dokumente werden ins Internet gestellt. Das Institut vergibt Stipendien, fördert Konferenzen und veröffentlicht Arbeiten über die sowjetische Deutschlandpolitik, über Adel und Gesellschaft in der russischen Provinz des 18. Jahrhunderts, über die Eroberung des Kosmos oder die Macht des Gerüchts in der russischen Wirklichkeit. Bei der Auswahl der Themen herrscht Freiheit.