Das neue Hamburg ist hässlich. Wer ist schuld? Die Architekten. Denn die bauen es ja. So versteht es jeder Bürger, so steht es in jeder Zeitung. Vor zwei Wochen war es Hanno Rauterberg, der mal wieder zeigte, wie schlicht und schlecht heute in Hamburg gebaut wird. Früher war alles besser, da gab es noch den Milchmann um die Ecke, die Straßen waren nicht mit Autos vollgeparkt, und wohlproportionierte Kranzgesimse zierten die Häuser.

Die Architekten selbst? Sie fühlen sich verantwortlich für gebaute Schönheit und jammern über die vielen Hindernisse, die ihnen in den Weg gelegt würden – durch Bauherren, Behörden, Vorschriften. Stimmt auch alles. Aber warum?

Die Voraussetzungen waren ja durchaus positiv: Da verkündet ein Bürgermeisterkandidat: Wenn ihr mich wählt, lasse ich 6000 Wohnungen im Jahr bauen! Daraufhin wird er gewählt. Was in der Politik nicht ganz selbstverständlich ist: Olaf Scholz fühlt sich an sein Versprechen gebunden, es müssen also neue Wohnungen her, auf Deubel komm raus. Übrigens: Er hatte Wohnungen versprochen, keine lebendigen Stadtteile.

Dann tut die Stadt etwas sehr Richtiges: Sie pflastert nicht, wie in den 1960er Jahren, freie Flächen am Stadtrand zu, sondern sucht Baulücken im Stadtinneren. Was auch den Wünschen der zukünftigen Bewohner entspricht. Jetzt stehen wenigen mittelgroßen Flächen – Altona-Mitte, HafenCity, Pergolenviertel, Othmarschenpark – viele kleine gegenüber, die sich ins bestehende städtische Geflecht einfügen müssen, mit allen Problemen. Denn die Bürger sind zwar abstrakt dafür, dass Wohnungen gebaut werden, konkret aber dagegen, wenn es vor ihrer Haustür geschieht.

So weit die Voraussetzungen. Sie verhindern noch nicht, dass das Neue auch das Schöne wird. Dafür gibt es drei Ursachen.

Die erste leuchtet jedem ein: Wir wollen möglichst innerstädtisch wohnen, da sind die Grundstücke teuer. Unsere Wohnungen sollen möglichst groß, ökologisch vertretbar, altengerecht, klimaschonend und leise sein – von allem etwas mehr. Nur mehr kosten dürfen sie nicht.

Ja, wie denn nun? Mehr Wärmedämmung, mehr Lärmschutz, mehr ökologisch einwandfreie Produkte, mehr Barrierefreiheit, mehr Wohnfläche, außerdem noch schön gestaltete Außenanlagen, in denen wir unsere Nachbarn treffen, und das alles bezahlbar? Eben – das wäre die Quadratur des Zirkels. Der erste Grund also: Höhere Anforderungen an den Wohnungsbau bei gleichen Kosten gehen zulasten der "Schönheit", zulasten von fantasievollen Grundrissen und aufwendigen Fassaden.

Ein Beispiel: Beim Othmarschenpark, einem der neuen Baugebiete, haben mehrere Architektenwettbewerbe und eine Vielzahl von Bauherren Voraussetzungen für bunte Vielfalt geschaffen, dennoch sieht das Gebiet ziemlich langweilig aus. Vier- bis sechsgeschossige Baukörper, ähnliche Wohnungsgrundrisse, familienfreundliche Außenanlagen. Man kann sicher sein, dass die Spielgeräte für die Kinder normgerecht und TÜV-geprüft sind. Aber das brüllende städtische Leben? Fehlanzeige.

Aber werden die hier wohnenden Familien tatsächlich das städtische Leben so vermissen wie der Stadtkritiker, der einsam durch die Straßen flaniert. Hat man mal untersucht, wer denn tatsächlich den Milchmann an der einen, die gemütliche Kneipe an der anderen Ecke vermisst – außer den Kritikern? Das Kleingewerbe in den Erdgeschossen hat vor hundert Jahren die Stadt "lebendig" gemacht, zusammen mit der Enge und Überbelegung der Wohnungen. Laut war es damals auch. Wer das heute wieder einrichten möchte, der muss Bundesgesetze ändern, die diese Art der Mischnutzung verbieten. Und wenn die Stadt aus einem "reinen" ein "allgemeines Wohngebiet" oder gar ein "Mischgebiet" machen will – wetten, dass dann sofort eine Bürgerinitiative gegen drohenden Lärm von Sportplatz, Werkstatt, Kneipe wettert?

Früher musste die Hausfrau jeden Tag einkaufen gehen, weil die Milch sonst sauer wurde. Heute haben wir Kühlschränke. Um heute die Menschen auf die Bürgersteige zu zwingen, braucht es schon ein Rauchverbot. Außerdem ergibt eine simple Rechnung: Wenn vor hundert Jahren die Wohnfläche bei zehn Quadratmetern pro Person lag und heute bei vierzig, dann verteilt sich die Zahl derer, die Kneipe, Gemüsehöker oder Kleingewerbe suchen, auf die vierfache Fläche. Auf dem Weg zu meiner Eckkneipe muss ich also doppelt so weit laufen.

Es ist menschlich, Neues als hässlich zu empfinden

Dabei gibt es ja ein Quartier, in dem die Nutzungsmischung programmatisch durchgesetzt wird. Rauterberg hat es vorsichtshalber nicht erwähnt. Sein "Ottensen für die Gegenwart" ist die HafenCity, in der immerhin einmal 12.000 Einwohner leben sollen. Hier wurde durchgesetzt, dass in den hohen Erdgeschossen alle Nutzungen möglich sind. Die Mieten sind dort allerdings viel niedriger als in der Innenstadt, nicht gerade ein Anreiz für Bauherren. Und was geschieht, wenn weitere 80.000 Quadratmeter Verkaufsfläche im Überseezentrum hinzukommen? Wie das in Quartieren funktionieren soll, die weniger als die HafenCity die Gunst der Lage und der Touristen genießen, das weiß keiner. Denn die Gewerbetreibenden treiben es lieber im Gewerbegebiet. Das wissen die Bauherren – und verzichten auf das Angebot.

In Zeiten von Kühlschrank, Supermarkt und Onlinehandel ist der Traum vom gemischten, lebendigen Quartier des 19. Jahrhunderts ausgeträumt, das ist der zweite Grund für die gleichförmige Stadtteilplanung unserer Tage. Wenn die HafenCity langfristig funktioniert, dann hat das mehr mit Tourismus, Kreuzfahrt und Wasserlage zu tun als mit einem verallgemeinerbaren Städtebaukonzept. Elbphilharmonien und Kreuzfahrtterminals lassen sich nicht überall einrichten.

Schließlich ein dritter Grund für unsere Unzufriedenheit mit zumindest einigen der neuen Wohnquartiere: Es ist die simple Tatsache, dass diese Quartiere neu sind. Es ist offenbar menschlich, Neues als hässlich zu empfinden. Der Begriff "Gotik" war einmal ein Schimpfwort. Als Mitte des 19. Jahrhunderts Baron Haussmann ein "neues Paris" baute, beklagten die Kritiker den Verlust der alten, gemütlichen Stadt. Die beliebten Gründerzeitquartiere waren viele Jahre lang ein Feindbild von Stadtplanern und Bewohnern – es ist eben ein Unterschied, ob auf 40 Quadratmetern eine sechsköpfige Familie wohnt oder ein Single. 2009 beklagten wir den drohenden Verlust einiger maroder Häuser als unersetzliche Erinnerung an ein historisches Gängeviertel, in dem keiner von uns jemals freiwillig leben würde: Es bestand aus Slums in der Innenstadt. An deren Stelle ist das Kontorhausviertel der 1920er Jahre getreten, das jetzt Welterbe werden soll. Dessen Häuserschluchten sind immer noch düsterer und schluchtartiger als das meiste, was in den letzten zehn Jahren gebaut worden ist.

Warum fällt es dem Neuen so schwer, sich durchzusetzen? Der wichtigste Grund liegt jenseits von "schön" oder "hässlich": Die Städte verändern sich, und das können wir nicht ertragen, weil es die feste Wand als brüchig darstellt, zu der wir mit dem Rücken stehen. Das Gebaute aus Straßen, Plätzen und Häusern bildet unsere feste Umgebung, die wir als Heimat empfinden. Wir brauchen keine "Gebung", sondern eine "Um-Gebung": etwas, in dem wir uns zurechtfinden. Wer will schon morgens, noch verschlafen, auf dem Weg zum Backshop neue Häuser sehen? Jede Veränderung bedarf der emotionalen Anstrengung, sich darin einzurichten. Das nimmt man nicht als schön oder hässlich wahr, sondern als vertraut oder unvertraut. Das Leben ist auch so schon schwer genug, wenn man die Finanzkrise und die Bedienungsanleitung seines Handys nicht versteht.

Übrigens: Wenn man die genannten Gründe für die Schwierigkeiten beim Bauen schöner Häuser beseitigt, entsteht nicht zwangsläufig gute Architektur in lebendigen Quartieren.

Aber man darf den Architekten nicht die Chance geben, die Schuld am Misslingen auf Bauherren, Vorschriften und Behörden zu schieben. Man darf sie nicht hindern, etwas Schönes zu bauen. Man muss sie kritisieren, wenn das nicht gelingt. Aber nicht immer liegt es an den Architekten.

Gert Kähler ist Architekturhistoriker und arbeitet als freier Publizist