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Michail Gorbatschow wusste, wovon er sprach, als er in den späten neunziger Jahren bemerkte: Wenn die Sowjetunion sich so aufgelöst hätte wie das ehemalige Jugoslawien, dann würden die dort tobenden Kriege wie ein Flohwalzer erscheinen.

Ein Jahr nach der generalstabsmäßig vollzogenen Annexion der Krim und der Entfesselung eines militärisch und politisch von Russland genährten Sezessionskriegs im Donbass gibt es wenig Zweifel, dass Wladimir Putin entschlossen ist, die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts", von der er 2005 gesprochen hat, den Zerfall der UdSSR, zu korrigieren. In seiner Antrittsrede zu seiner (faktisch) vierten Amtszeit 2012 steckte er das Ziel noch weiter: Das "Leben künftiger Generationen", sagte er, hänge davon ab, ob die Russen sich als fähig erweisen, "zu den Anführern ganz Eurasiens" zu werden. Das also ist sein historisches Projekt, mit dem er in die Geschichtsbücher eingehen will: als Wiederaufrichter Russlands, als Anführer Eurasiens.

Es stellt die vertraglich fixierte Staatenordnung dieser nachsowjetischen Weltregion infrage und verleiht auch dem an sich vernünftigen Projekt einer Eurasischen Union den Charakter einer imperialen Neugründung. Und die Ukraine ist darin das unverzichtbare Kernstück, der Königshappen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Daher wird die in Minsk unterschriebene Verpflichtung, die territoriale Integrität des Nachbarlandes zu respektieren (minus der Krim), zunächst auf den Versuch hinauslaufen, dieses fragile Staatswesen im Ganzen zu lähmen und zu desorganisieren – eben mithilfe der Separatisten, für deren "Volksrepubliken" Moskau keine Wiederaufbauhilfe leisten und keine Verantwortung übernehmen will. Diese hochgerüsteten Ministaaten haben sich selbst als das Piemont eines von Putin ins Spiel gebrachten neuen Staatswesens namens "Neurussland" proklamiert, mit eigener Fahne und eigenem Parlament. Und dass auf den im Netz kursierenden "historischen Karten" die Grenzen dieses Nebenreichs von Charkiw über Dnipropetrowsk und Mariupol bis Odessa reichen, wo sie Anschluss an das russische Militärprotektorat Transnistrien finden sollen, kann zumindest als konstante Drohung und Katalysator einer "hybriden" verdeckten Kriegführung in diesen Städten und Gebieten dienen. Fest steht jedenfalls eines: Selbst eine "finnlandisierte" Ukraine als ein demokratisch verfasstes, mit der EU assoziiertes, womöglich prosperierendes Staatswesen kann und will Moskau nicht hinnehmen.

Die USA sind entgegen allen Behauptungen an diesem Konflikt auf fatale Weise desinteressiert, da sie Russland für eine Regionalmacht halten und im Nahen Osten wie in Ostasien alle Hände voll zu tun haben. Die EU und die Nato halten bisher in bemerkenswerter Weise zusammen, aber die Risse und Bruchstellen sind unter dem Druck der vielen Krisen leicht auszumachen. Sie auszutesten ist jedenfalls das weiter gehende, parallele Ziel der weltpolitischen Machtprobe, auf die Putin es jetzt anlegt.

In dieser Situation hat die Regierung Merkel/Steinmeier eine beachtliche Standfestigkeit mit nachgerade heroischen Bemühungen verbunden, soweit irgend möglich als Vermittler und Dolmetscher zu dienen, zuletzt eben im Marathon von Minsk, der wenigstens eine Atempause gebracht hat. Man will den Gesprächsfaden (den historischen "Draht nach Moskau") nicht völlig abreißen lassen, versucht zeitgleich, rote Linien zu ziehen (vor Mariupol oder beim estnischen Narva), und stellt allerhand Überlegungen an, wie man Russland mit neuen, weiter greifenden Angeboten saturieren, vielleicht sogar mit einer Art neuer "Neuer Ostpolitik" wieder einbinden könnte.