Wladimir Putin in Beijing im November 2014 © Jason Lee/Reuters

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Michail Gorbatschow wusste, wovon er sprach, als er in den späten neunziger Jahren bemerkte: Wenn die Sowjetunion sich so aufgelöst hätte wie das ehemalige Jugoslawien, dann würden die dort tobenden Kriege wie ein Flohwalzer erscheinen.

Ein Jahr nach der generalstabsmäßig vollzogenen Annexion der Krim und der Entfesselung eines militärisch und politisch von Russland genährten Sezessionskriegs im Donbass gibt es wenig Zweifel, dass Wladimir Putin entschlossen ist, die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts", von der er 2005 gesprochen hat, den Zerfall der UdSSR, zu korrigieren. In seiner Antrittsrede zu seiner (faktisch) vierten Amtszeit 2012 steckte er das Ziel noch weiter: Das "Leben künftiger Generationen", sagte er, hänge davon ab, ob die Russen sich als fähig erweisen, "zu den Anführern ganz Eurasiens" zu werden. Das also ist sein historisches Projekt, mit dem er in die Geschichtsbücher eingehen will: als Wiederaufrichter Russlands, als Anführer Eurasiens.

Es stellt die vertraglich fixierte Staatenordnung dieser nachsowjetischen Weltregion infrage und verleiht auch dem an sich vernünftigen Projekt einer Eurasischen Union den Charakter einer imperialen Neugründung. Und die Ukraine ist darin das unverzichtbare Kernstück, der Königshappen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Daher wird die in Minsk unterschriebene Verpflichtung, die territoriale Integrität des Nachbarlandes zu respektieren (minus der Krim), zunächst auf den Versuch hinauslaufen, dieses fragile Staatswesen im Ganzen zu lähmen und zu desorganisieren – eben mithilfe der Separatisten, für deren "Volksrepubliken" Moskau keine Wiederaufbauhilfe leisten und keine Verantwortung übernehmen will. Diese hochgerüsteten Ministaaten haben sich selbst als das Piemont eines von Putin ins Spiel gebrachten neuen Staatswesens namens "Neurussland" proklamiert, mit eigener Fahne und eigenem Parlament. Und dass auf den im Netz kursierenden "historischen Karten" die Grenzen dieses Nebenreichs von Charkiw über Dnipropetrowsk und Mariupol bis Odessa reichen, wo sie Anschluss an das russische Militärprotektorat Transnistrien finden sollen, kann zumindest als konstante Drohung und Katalysator einer "hybriden" verdeckten Kriegführung in diesen Städten und Gebieten dienen. Fest steht jedenfalls eines: Selbst eine "finnlandisierte" Ukraine als ein demokratisch verfasstes, mit der EU assoziiertes, womöglich prosperierendes Staatswesen kann und will Moskau nicht hinnehmen.

Die USA sind entgegen allen Behauptungen an diesem Konflikt auf fatale Weise desinteressiert, da sie Russland für eine Regionalmacht halten und im Nahen Osten wie in Ostasien alle Hände voll zu tun haben. Die EU und die Nato halten bisher in bemerkenswerter Weise zusammen, aber die Risse und Bruchstellen sind unter dem Druck der vielen Krisen leicht auszumachen. Sie auszutesten ist jedenfalls das weiter gehende, parallele Ziel der weltpolitischen Machtprobe, auf die Putin es jetzt anlegt.

In dieser Situation hat die Regierung Merkel/Steinmeier eine beachtliche Standfestigkeit mit nachgerade heroischen Bemühungen verbunden, soweit irgend möglich als Vermittler und Dolmetscher zu dienen, zuletzt eben im Marathon von Minsk, der wenigstens eine Atempause gebracht hat. Man will den Gesprächsfaden (den historischen "Draht nach Moskau") nicht völlig abreißen lassen, versucht zeitgleich, rote Linien zu ziehen (vor Mariupol oder beim estnischen Narva), und stellt allerhand Überlegungen an, wie man Russland mit neuen, weiter greifenden Angeboten saturieren, vielleicht sogar mit einer Art neuer "Neuer Ostpolitik" wieder einbinden könnte.

Die hybride Moskauer Weltpolitik

Aber die eigentlichen Proben aufs Exempel der deutschen Standfestigkeit stehen uns erst bevor. So breit die Mehrheiten im Bundestag und in der Koalition noch sind und so unbeirrbar das Gros der Journalisten seine Arbeit tut – es ist nicht zu übersehen, dass in dieser Frage Parteien wie Medien sich in einer gravierenden, zum Teil schrillen Dissonanz zu einem erheblichen Segment der deutschen Öffentlichkeit bewegen. Nicht zu übersehen ist auch, dass diese Dissonanzen inzwischen in einer professionellen Weise geschürt werden, wie wir das in der Zeit des Kalten Kriegs gekannt haben. Nur ist das Strickmuster des Informationskriegs, den Putins Russland offensiv führt, mittlerweile viel ausgeklügelter als das der sowjetischen Propaganda und die Klaviatur der Motive, Affekte, Ressentiments, Interessen und Lebenshaltungen, auf der da gespielt wird, viel weiter aufgefächert. Aber das Instrument liefern wie eh und je wir selbst: die demokratischen Öffentlichkeiten des Westens, die den Moskauer Virtuosen samt Titelstorys, Talkshowbühnen und Internetplattformen zur Verfügung stehen – demokratische Selbstverständlichkeiten, die der Kreml seinen Kritikern keine Minute lang gönnt.

Doch es lohnt nicht, darüber zu lamentieren: Denn wenn diese Propaganda Wirkung erzielt, dann deshalb, weil die neue, hybride Moskauer Weltpolitik an viele aktuelle und historisch verwurzelte Affekte, Mentalitäten und Erfahrungen ihrer Adressaten anknüpfen kann. Dafür ist Deutschland noch immer ein potenziell fruchtbarer Boden.

Dazu gehört an erster Stelle eine Kriegsangst und Konfliktscheu, die eine historisch erworbene zivilisatorische Errungenschaft ist – allerdings nur, insoweit dies nicht bedeutet, sich wohlstandschauvinistisch abzuschirmen und gutschweizerisch im Trockenen zu halten. Das ist oft eine dünne Linie, und war es von Anfang an. Schon Konrad Adenauer mied es während des Aufstands in Ost-Berlin und der DDR im Juni 1953, sich zu zeigen oder zu äußern, so wie beim Mauerbau im August 1961. Die "Neue Ostpolitik" der alten Bundesrepublik hat zur Auflockerung der Blöcke und der Spaltung Europas entscheidend beigetragen. Aber sie konnte (wie in der Zeit der Solidarność und des Kriegsrechts in Polen 1980/81) auch eine ziemlich engherzige, dem Status quo verpflichtete bundesdeutsche Interessenpolitik sein. Sie kam, etwa aus dem Munde von Egon Bahr, der sowjetischen Breschnew-Doktrin, also der Vorläuferin der heutigen Putin-Doktrin einer begrenzten Souveränität der Nachbarstaaten, sehr weit entgegen – wie heute auch wieder. So blieb diese Politik in vielem blind für das Wachstum der Oppositionen und die Zerfallsprozesse in der sowjetischen Machtsphäre, die zum Umbruch von 1989 geführt haben.

Umso mehr haben die Deutschen Michail Gorbatschow verehrt wie keinen anderen ausländischen Staatsmann – ohne zu ahnen, in welchen Bredouillen der Mann längst steckte, und ohne bis zum heutigen Tag zu begreifen, warum Gorbatschow in Russland der verhassteste aller ehemaligen Führer der UdSSR ist. Er wird dort aus denselben Gründen gehasst, aus denen die Deutschen ihn so verehren: als Überwinder des Kalten Kriegs und als Paten der deutschen Einheit. Viele hierzulande sind auch nur zu gern bereit, Putins Dolchstoßlegende zu glauben: dass Helmut Kohl es Gorbatschow damals in die Hand versprochen habe, dass "die Nato nicht vorrücken werde" – als hätte ein deutscher Kanzler einem sowjetischen Staatschef garantieren können oder dürfen, dass für die deutsche Einheit den gerade sich befreienden Ländern Mittelosteuropas ihre in UN-Chartas und OSZE-Abkommen verbrieften Rechte auf Bündnisfreiheit und letztlich auf volle Souveränität zu verwehren seien! Eine Vorstellung, die so ahnungslos wie abgründig ist.

Ja, die stets beschworenen "Lektionen der Geschichte"! Wie glatt das geht, dass ein Gutteil der so geschichtsbewussten Bundesdeutschen bereit ist, dem heutigen Russland eine Sicherheits- und Einflusszone zuzugestehen, die in etwa dort verläuft, wo Ribbentrop für Hitler und Molotow für Stalin im August 1939 die Landkarte des östlichen Europa vom Baltikum quer durch Polen bis nach Rumänien geteilt haben. Diese Teilung Europas verlief entlang sehr alter großdeutscher wie großrussischer Mentalitätslinien. In Berlin wie in Moskau galten die 1919/20 geschaffenen und völkerrechtlich anerkannten neuen Staaten Mittelosteuropas nur als ein von den westlichen Siegermächten installierter feindlicher Cordon sanitaire, den die Revisionspolitiken der Weimarer Republik und der Sowjetunion gemeinsam zu durchbrechen suchten. Dazu diente die aus einem doppelten imperialen Interessenfonds gespeiste Zusammenarbeit von Reichswehr und Roter Armee bis 1933 – die im Geiste einer alten Waffenbrüderschaft zwischen 1939 und 1941 noch einmal neu besiegelt wurde. Hier, in der Formel vom störenden und künstlichen Cordon sanitaire, hat das Konstrukt einer angeblich "vorrückenden" Nato, die Russland von Europa und namentlich von Deutschland abriegeln wolle, seinen direkten historischen Vorläufer.

Der Weltkrieg begann für die Deutschen tatsächlich erst 1941, nicht 1939. Bis dahin war alles noch Blitzkrieg und Kraft durch Freude, mit polnischen Gänsen und französischen Nylons. In der tradierten Weltkriegserfahrung der Deutschen ist "Stalingrad" zur zentralen Metapher geworden. Wenn "Auschwitz" die Chiffre einer abstrakten Beschämung ist, aus der politisch nichts Eindeutiges folgt, und wenn "Dresden" als metaphysisches Strafgericht im deutschen Zivilbewusstsein eine eigentümliche Mischung aus bereitwilliger Unterwerfung und untergründigem Ressentiment hinterlassen hat, dann ist "Stalingrad" noch mit der sinnlichsten Anschauung gefüllt. In dieser Chiffre trifft sich das deutsche Durchschnittsbewusstsein mit dem neuen russischen Geschichtsdiskurs: Alle "im Osten" damals begangenen Kriegsverbrechen, ob in Polen oder im Baltikum, in Weißrussland oder in der Ukraine, und alle die immensen im Großen Vaterländischen Krieg erbrachten Opfer der vielen Völker der UdSSR werden moralisch und politisch einem ewigen, mythischen "Russland" aufs historische Habenkonto gesetzt – genauso, wie Putin das heute für sich und sein Restimperium reklamiert.

Nur so ist es ihm überhaupt möglich, eine Politik verdeckter Aggression und offener Landnahme unter dem Banner des "Kampfs gegen den Faschismus" in der Ukraine zu führen. Erstaunlich viele Bundesbürger sind bereit, ihn darin mindestens "zu verstehen" – und so der Klarheit des gegenwärtigen Moments, die uns blendet und (zu Recht) ängstigt, auszuweichen.

"Russland verstehen" kann aber gerade nicht heißen, das, was vor unseren Augen geschieht, zu verleugnen oder wegzudiskutieren – sondern zu verstehen, was Putin und seine Machtelite im Kern antreibt. Das ist die Frage der Stunde. Natürlich kann man hundert Versäumnisse der europäischen Politik gegenüber Russland herunterbeten, und man kann alle möglichen Rechtsbrüche, Anmaßungen und Verbrechen der amerikanischen Weltpolitik aufzählen. Aber nichts davon rechtfertigt die Aggression gegen die Ukraine. Und nichts davon gibt ernstlich Anlass für die paranoiden Weltkonstruktionen, in die Putin und seine Ideologen sich und ihr Volk, und per Außenpropaganda uns alle, jetzt einspinnen.

Jörg Baberowski hat in seinem Text Der Westen kapiert es nicht in der vorigen Ausgabe der ZEIT mit einer ziemlich radikalen, für einen ausgewiesenen Stalinismusforscher erstaunlichen Argumentation dafür plädiert, Russland bei der Wiederaufnahme seiner "imperialen Mission" am besten freie Hand zu lassen. Die "Heimat" von Millionen einstigen Sowjetbürgern, sagt Baberowski, sei nun einmal "das Imperium" gewesen. Die Ukraine sei ein reines "Produkt der sowjetischen Nationalitäten- und Eroberungspolitik", ihre nationalistischen Selbstkonstruktionen und Leidenskulte verdienten keinen besonderen Respekt. Verbrechen wie die Ermordung von Millionen durch Hunger oder Terror seien "an allen Völkern der UdSSR verübt worden", und der poststalinistische Sowjetmythos habe wenigstens "die Opfer auf paradoxe Weise integriert", statt sie in Nationalitäten zu trennen.

Versteht Russland sich selbst?

Im Übrigen habe die große Mehrheit der Russen wie aller ehemaligen Sowjetbürger angesichts der Erfahrungen der Anarchie der neunziger Jahre eine "Diktatur" wie die Putins gern in Kauf genommen. Denn: "Das Ende der Demokratie war der Preis, der dafür entrichtet werden musste", dass eine gewisse "Ordnungssicherheit" wiederhergestellt und der Wohlstand gehoben werden konnte. Ewig herumzunörgeln, dass die große Mehrheit der Russen eine autoritäre einer liberalen Gesellschaftsordnung vorziehe, verstärke nur ihre Gefühle einer "tiefen Demütigung". Die westlichen Politiker und Journalisten kapierten einfach nicht, "dass Imperien andere Interessen verfolgen als Nationalstaaten, dass pluralistische Gesellschaften auf Voraussetzungen beruhen, die mühsam erarbeitet werden müssen".

Man kann natürlich fragen, wer Russland und Putin, der jetzt 15 Jahre regiert hat, daran gehindert hat, diese "Voraussetzungen" zu schaffen. Und ist die Kombination von "Diktatur", einem retortenhaften Pseudokonservativismus und einer aufgefrischten "imperialen Mission" wirklich das, was das Land jetzt braucht – oder nicht eher das Gegenteil? Hat nicht gerade Baberowski uns in seinen Arbeiten über die bolschewistische und stalinistische Nationalitätenpolitik der zwanziger und dreißiger Jahre eindrücklich gezeigt, in welchem Grade die Wiederzusammenführung des "Imperiums" auf einer Vergewaltigung der russischen wie der nichtrussischen Bevölkerung beruht hat?

Dass der Westen Russland nicht versteht, mag sein. Aber versteht Russland sich selbst? Oder ist nicht vielmehr sein Kardinalproblem, dass es weder in der Lage noch dazu bereit ist, dem ins Gesicht zu schauen, was es sich zu einem großen Teil selbst angetan hat, und wirklich zu verstehen, was die Gründe seines erneuten, ureigenen historischen Scheiterns gewesen sind? Stattdessen wird wieder fanatisch nach äußeren Feinden und deren inneren Agenten und "fünften Kolonnen" gefahndet. Sollte dieses Syndrom Jörg Baberowski nicht allzu bekannt vorkommen?

Wenn ein deutscher Historiker, der die Geschichte der stalinistischen Sowjetunion als eine Gewaltgeschichte geschrieben hat, nach all seinen Studien zu solch fragwürdigen, letztlich ahistorischen Schlüssen über die imperiale Mentalität der ehemaligen Sowjetbürger gelangt, dann können vielleicht eher die von der weißrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch gesammelten Lebensberichte russischer (und weißrussischer) Männer und Frauen einen Zugang eröffnen, wie sie sie in ihrem Buch Secondhand-Zeit versammelt hat. Dieses polyfone, wie zu einem antiken Schicksalschor sich fügende Konzert von Stimmen ermöglicht es erst, die Tiefe der Verstörungen annähernd zu ermessen, die Krieg und Bürgerkrieg, Hunger, Terror und wieder Krieg, kurzum: die ganze tragische Geschichte Russlands im 20. Jahrhundert in den Gemütern seiner Subjekte hinterlassen hat. Da rühmen alte Männer die eiserne Faust Stalins, der alle inneren Feinde vernichtet habe, bevor er Russland gerettet habe – und berichten dann unvermittelt, wie sie selbst durch die Mühle von Folterungen, Entwürdigungen und Zerstörungen gedreht worden sind und "alles gestanden" haben. Jüngere Intellektuelle, die als Anhänger Gorbatschows im Rausch der Perestroika 1991 auf den Barrikaden in Moskau gestanden haben, um die Panzer der Putschisten aufzuhalten, schauen als unglückliche, dabei nicht einmal erfolglose Businessleute mit zynischer Wehmut auf ihre Naivität zurück.

Damals, als im ganzen weiten Land die Massengräber sich öffneten, als viele ins Vergessen gestoßene Figuren der russischen Literatur, Kunst, Wissenschaft und Philosophie "rehabilitiert", ihre verschwundenen Texte und Bilder wieder gedruckt und ausgestellt wurden, als endlich der ganze Reichtum der russischen Kultur wie der anderen Kulturen dieses Vielvölkerreichs wieder zu besichtigen war, da haben viele Angehörige der sowjetischen Intelligenzia leidenschaftlich versucht, zu verstehen, was ihr Land sich in diesem Jahrhundert selbst angetan hat – und sind daran irre geworden.

Es ist wahr: Nicht wenige haben sogar diesen zaghaften Versuch einer kritischen Revision ihrer Geschichte und ihrer Biografien bereut, als die Sowjetunion, die nun einmal ihre Lebenswelt gewesen war, in der Ära Jelzin über Nacht zusammenbrach und mit ihr die bescheidenen materiellen Sicherheiten und Ersparnisse verschwanden. Dieser katastrophische Umbruch geschah in Wirklichkeit ganz von innen heraus, ohne nennenswerte äußere Feinde. Und genau das war für viele, vielleicht die meisten, allein als Gedanke unerträglich. Schon damals, in den frühen neunziger Jahren, hat das eine Unmenge trüber Verschwörungstheorien und manischer Zwangsgedanken nach oben gespült. Die Supermacht UdSSR war "im Felde unbesiegt" – und doch gefallen. Einige Beobachter sprachen damals von einem "russischen Versailles-Komplex".

Natürlich, alle direkten historischen Analogien sind falsch. Aber man kann aus den Reden Putins und seiner Stichwortgeber eine erstaunliche Zitatologie zusammenstellen, die in vielem eben doch an die deutschen Hysterien dieser Zwischenkriegszeit erinnert. Russland, heißt es da, sei heute wie seit Jahrhunderten das Objekt einer Politik der Eindämmung, die im Grunde darauf abziele, es zu zerstückeln. Dabei sei Russland schon "die größte geteilte Nation der Welt". Die Russen müssten aufpassen, so Putins obsessive Mahnung, "sich nicht selbst zu verlieren", sonst werde ihr Land "in der Welt aufgelöst werden". Sie müssten zu den "traditionellen Werten" ihrer Geschichte zurückkehren, denen sie alle ihre historischen Siege verdankten.

Nur, was sind die "traditionellen Werte" dieser russisch-sowjetischen Geschichte? Seit Jahren hat Putin persönlich versucht, mithilfe ganzer Stäbe von Spindoktoren und Ideologiedesignern eine neue, hyperpatriotische Staatserzählung zu erarbeiten. In ihr soll alles von der realen Geschichte Russlands und seines 1917 zusammengestürzten und von den Bolschewiki gewaltsam wiederaufgerichteten Imperiums miteinander gepaart werden: der Zar und Stalin, die Kirche und die Geheimpolizei, die weißen Generäle und die roten Kommissare, die namenlosen Opfer des Terrors und ihre willigen Exekutoren. Einen Historiker kann es angesichts dessen eigentlich nur schaudern. Aber darin bildet sich eben nicht nur ein mentales, sondern auch ein reales Symptom ab, das man ernst nehmen muss: das einer inneren Leere und einer fundamentalen Selbstunsicherheit.

Die heutige Russische Föderation ist, auch nachdem sie sich als Macht- und Territorialstaat berappelt hat, noch immer nur ein Staatswesen mit einem Sozialprodukt, vergleichbar dem Italiens, das zum übergroßen Teil aus Energie- und Rohstoffexporten generiert wird, in zweiter Linie aus Rüstungsgütern – nicht gerade ein neues "Obervolta mit Raketen", wie Helmut Schmidt die alte Sowjetunion einmal sehr überspitzt genannt hat, sondern eher eine Art gigantisches Scheichtum mit Raketen und Geschwadern. Es hat sich in der Ära Putin bis tief in die Gesellschaft hinein remilitarisiert, nicht zuletzt in Form paramilitärischer, von Reservisten geführter, von Priestern gesegneter, von Geheimdienstlern instruierter Verbände, die jetzt auch das Rückgrat der Donbass-Verteidiger und Neurussland-Eroberer bilden.

Aber von wenigen Ausnahmen abgesehen, hat das postsowjetische Russland keine eigene zivile Industriebasis mit den dazugehörigen technologischen und wissenschaftlichen Ressourcen zu erhalten oder neu zu begründen vermocht. Das ist der fundamentale Unterschied gegenüber der zweiten Hauptmacht des ehemaligen Weltkommunismus, der Volksrepublik China – an die Putin sein Restimperium unter dem Druck der westlichen Sanktionen jetzt durch einen vermeintlich triumphalen, womöglich aber ruinösen Pipeline-Vertrag angekoppelt hat. Wenn Russland von irgendeiner Seite in seinem Bestand gefährdet wäre, dann wohl am ehesten von einem schleichenden friendly take-over durch China.

Denn Russland als Gesellschaft schrumpft – und keineswegs nur an seiner sibirischen Peripherie, sondern mitten in seinen Zentralprovinzen, in denen Zehntausende Dörfer verlassen sind und ehemalige industrielle "Monotowns" veröden. Die Bevölkerungszahl sinkt rapide, von den neunziger Jahren bis heute um acht Millionen. Diese demografische Abwärtsspirale ist mit den entsprechenden Phänomenen in den entwickelten Ländern Europas nicht zu verwechseln. Vielmehr kombiniert sich darin eine niedrige Geburtenrate mit der massiven Abwanderung gerade der jüngeren, gebildeten, städtischen Schichten (eine Million im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends), vor allem aber mit der fast auf afrikanischem Niveau stagnierenden Lebenserwartung der Männer, die wenig älter als 60 Jahre werden.

"Russland verstehen" und der deutsch-russischen Verstrickungen im Krieg wie im Frieden eingedenk sein heißt gerade, sich des fatalen Zirkels bewusst zu werden, in den dieses von seinen imperialen Erbschaften erdrückte, von Phantomschmerzen geplagte Land einzuschwenken wieder im Begriff steht. Und ein sprichwörtlicher Bärendienst ist es, wenn ausgerechnet von deutscher Seite – wie ein fernes Echo der alten, eigenen Faszination am "russischen Raum" – dieses imperial überspannte, zugleich kollabierende und expandierende Staatswesen von Neuem in die Rolle eines Antagonisten amerikanischer oder westlicher Hegemonialansprüche gerückt wird, an der es sich schon mehrfach ruiniert hat.

Alle Angebote für Kooperation, Frieden, gute Nachbarschaft können und dürfen nicht signalisieren, man sei bereit, militärisch geschaffene Fakten schrittweise hinzunehmen. Würde aus Minsk II ein Dayton II, hieße das, die Ukraine in eine bosnische Lähmung zu stürzen, die für alle Seiten katastrophal wäre. Standhaftigkeit ist erforderlich, bis das neoimperiale Projekt Putins an seine inneren und äußeren Grenzen stößt – die es in Wirklichkeit längst erreicht hat.