Knöterich wächst im Freien. Die Schlingpflanze wird auch Architektentrost genannt, weil sie an Fassaden hochrankt und mit ihren grünen Blättern so manche Bausünde verdeckt. Das Problem der Alt-Lankwitzer-Grundschule im Süden Berlins lässt sich allerdings auch unter Knöterich nicht mehr verstecken. Dort wächst die Pflanze nämlich ins Gebäude hinein. Durch eine Fuge. Direkt ins Klassenzimmer der 1b.

Das marode Gebäude, in dem die Grundschüler unterrichtet werden, steht seit den siebziger Jahren auf den Schulhof. Damals war es als Übergangslösung gedacht. Heute ist nicht nur die Fuge undicht, auf den Fensterbrettern wuchert Moos, von den Rahmen blättert der Lack. Damit es im Klassenzimmer wenigstens sauber ist, putzen die Eltern. "Wir bedanken uns bei den Familien für das Saubermachen", steht auf einem bunten, selbst gemalten Schild an der Tür des Klassenzimmers.

Wie das sein kann?

Die Schulleiterin darf diese Frage nicht beantworten.

Die Sprecherin des zuständigen Senators verweist auf künftige Renovierungsprogramme und darauf, dass es vor allem um den guten Willen aller Beteiligten gehe. Und dass man Schulen verstärkt saniere. Jetzt und demnächst.

Dabei ist das Problem der Lankwitzer nicht neu. Und auch nicht einzigartig. An der Berliner Fichte-Oberschule droht so viel Putz von der Wand zu fallen, dass sich niemand mehr der Fassade nähern darf. In der Schule am Hasengrund stinken die Toiletten, und viele Fenster können nicht mehr geöffnet werden. Im Hort der Rothenburg-Grundschule riecht es nach Schimmel. In der Schule am Karpfenteich fehlt seit sieben Jahren die Turnhalle, an zwanzig anderen Schulen der Stadt gibt es zwar Turnhallen, die aber nicht mehr genutzt werden können.

Man will sein Kind eigentlich nicht in solche Schulen schicken. Und doch haben Eltern, die sich Privatschulen nicht leisten können oder wollen, oft gar keine andere Wahl.

Daniela von Treuenfels hat versucht, etwas zu verändern. Die Mutter von fünf Kindern mischt sich seit einem Jahrzehnt ehrenamtlich in die Schulpolitik ein. Weil eines ihrer Kinder zwar den ganzen Tag Unterricht hatte, es aber keine Mensa gab. Weil die Fenster in der Turnhalle eines anderen Kindes aus großen, lichtdurchlässigen Plastikplatten bestanden. Weil sie etwas verbessern wollte, nicht nur für die eigenen Kinder.

So wurde die schlanke, langhaarige Frau zur Expertin für Bauschäden, Schlamperei und Behördenwirrwarr. Immer wieder hat sie mit Berliner Verwaltungsmitarbeitern und Politikern geredet. Mal wegen kaputter Toiletten, mal wegen bröckelnder Fassaden oder fehlender Turnhallen. Sie hat Protestveranstaltungen organisiert und sogar einen Blog – Einstürzende Schulbauten heißt er und dokumentierte im vergangenen Advent jeden Tag einen neuen Skandal. Klickt man durch die Einträge, wähnt man sich in Griechenland oder in noch ärmeren Teilen der Welt. Dabei wurden viele der Fotos im reichen Berliner Westen geknipst.