Julius-Bär-Chef Boris Collardi auf einer Pressekonferenz in Zürich im Februar © Patrick B. Krämer/dpa

DIE ZEIT: Wie haben Sie am 15. Januar erfahren, dass der Wert des Franken nicht mehr an den Euro gekoppelt ist?

Boris Collardi: Die Nachricht erreichte mich während einer Sitzung der Geschäftsleitung in Zürich, in der es um die strategischen Ziele für das neue Jahr ging. Auf einmal erhielten meine Kollegen Nachrichten von überall her, und plötzlich fragte einer in der Runde: "Hey, was ist da los? Der Euro stürzt ab." Wir sind sofort in unseren Handelssaal einen Stock tiefer gegangen. Dann kam die offizielle Meldung der Schweizer Nationalbank – und wir wussten: Jetzt müssen wir nochmals über die Bücher.

ZEIT: Wie haben Sie bei Julius Bär reagiert?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Collardi: Wir haben sofort mit vielen Kundenberatern gesprochen, um uns ein Bild von der Lage zu machen. Für uns als Vermögensverwalter ging es vor allem um die Frage: Wie steht es um das Geld der Kunden? Wir erhielten Tausende E-Mails und Anrufe. Alle wollten wissen, was los ist. Viele waren sehr, sehr nervös. Das war absolutes Krisenmanagement, vier Tage lang, bis zum darauffolgenden Montag, erst von da an stabilisierte sich die Situation wieder.

ZEIT: Nicht nur in der Schweiz, weltweit überraschen Notenbanken derzeit die Märkte. Sie senken die Zinsen und schwächen ihre Währungen, wie in einem Wettlauf. Ist das gefährlich?

Collardi: Der Job des Zentralbankers ist der spannendste Job, den Banker derzeit haben können. Weltweit gilt es, den Konsum, die Exporte zu steigern und die Kosten zu senken – um Wachstum zu generieren. Bei all dem spielt die Währung eine Rolle, daher haben die Zentralbanken heute überproportional viel Macht. Kurzfristig ist die Geldpolitik wohl das einzige Mittel. Strukturreformen brauchen mehr Zeit.

ZEIT: Besteht die Gefahr, dass sich alles hochschaukelt, weil jeder nur an sich selbst denkt?

Collardi: Möglich ist heutzutage alles, wirklich alles. Das ist eine der Lehren aus den vergangenen Jahren. Das Problem ist: Mehr Instabilität führt an den Märkten zu größeren Ausschlägen, was zu mehr Unsicherheit, mehr Unzufriedenheit und mehr nationalistischem Denken führt. Wenn aber jedes Land nur an sein Wohl denkt und ohne Rücksicht auf Folgen handelt, erzeugt das neue Instabilität. Das ist fast ein Teufelskreis.

ZEIT: Haben Sie keine Hoffnung?

Collardi: Ich glaube, dass sich die Lage im Verlauf dieses Jahres wieder beruhigt. Europa braucht einen schwachen Euro, um die Wirtschaft zu stärken. Nutzt es die Zeit, um strukturelle Reformen anzugehen, zum Beispiel auf dem Arbeitsmarkt, könnte das die Basis legen für einen stärkeren Euro und höhere Zinsen.

ZEIT: In der Schweiz belegt die Zentralbank Einlagen mit Negativzinsen. Viele Banken geben diese an die Kunden weiter. Sie auch?

Collardi: Nein. Nehmen wir an, Sie als Privatkunde vertrauen uns 250.000 Euro an – dann erwarten Sie nicht, dass ich Ihnen einen Brief schreibe, dass Sie uns dafür pro Jahr 0,75 Prozent zahlen müssen. Dieses Vertrauen wollen wir nicht verletzen. Wir machen lieber unseren Job und sagen: Lieber Kunde, solltest du dein Geld weiter in bar auf dem Konto lassen, werden wir dafür irgendwann Geld nehmen müssen – aber es gibt Alternativen. Produkte, mit denen sich selbst heute noch Geld verdienen lässt.

ZEIT: Sie wollen nicht für alle Zeiten ausschließen, dass Sie Zinsen auf Einlagen verlangen?

Collardi: Nein, das können wir nicht. Im Dezember forderte die Notenbank auf Geld, das Banken bei ihr parken, minus 0,25 Prozent, jetzt sind es bereits minus 0,75 Prozent – wir kennen die weitere Entwicklung nicht.