Einige Jahre vor dem Ende der DDR lässt sich der Dichter Günter Ullmann alle Zähne ziehen. Ullmann ist verzweifelt. Er glaubt, in seinem Mund seien Wanzen. Wie sonst kann die Stasi so gut Bescheid wissen über Geheimnisse, die er nur engsten Freunden anvertraut hatte? Freunden wie Ibrahim Böhme.

Die beiden kennen sich aus dem thüringischen Greiz. Dorthin ist Böhme 1965 gezogen. Ein früherer Maurerlehrling und Abendschul-Abiturient, nun Aushilfslehrer für Russisch und Geschichte. Dieser junge Mann und SED-Genosse, der eigentlich Manfred Böhme heißt, tritt auf wie ein Dandy: schwarzer Anzug, weißes Hemd, Schlips. Ein notorischer Handküsser. Daheim, über seinem Bett, hängt ein Lenin-Bild. Wie Lenin besitzt er anfangs nur einen Anzug, der aber sieht immer tadellos aus.

Böhme leitet bald das FDJ-Jugendklubhaus, er gründet Lyrik- und Philosophiezirkel, hier wie dort schwingt er seine Reden. 1971 wird er Kreissekretär des Kulturbundes in Greiz. Böhme gibt den Zampano, er schart junge Leute um sich, die ihn fast wie einen Guru verehren. "Ein Blender", sei er gewesen, "ein Schaumschläger, ein Komödiant", schreibt die Biografin Birgit Lahann und zählt seine hervorstechenden Eigenschaften auf: "Intelligenz, Fantasie, Charme, Witz, Larmoyanz, Eitelkeit und ein glänzendes Gedächtnis."

Vor allem Letzteres schlägt sich in unzähligen Akten der Staatssicherheit nieder, für die Böhme von 1968 an Berichte liefert. Etwa 20 Jahre lang sollten seine geheimen Dienste unter Decknamen wie "August Drempker" oder "Paul Bonkarz" währen. Zunächst in Greiz; nach 1978 in Neustrelitz, wo Böhme als Dramaturg am Theater arbeitet, und schließlich von Mitte der achtziger Jahre an in Ost-Berlin. Er verrät Freunde, Bekannte und sogar ein Greizer Ärztepaar – Menschen, die für ihn "Quasi-Eltern" waren. Er selbst ist ohne Eltern aufgewachsen, in einem Kinderheim unweit von Leipzig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten-Ausgabe Nr. 12 vom 19.03.2015.

Zu denen, die Böhme bespitzelt, zählen neben dem Lyriker Ullmann auch die Schriftsteller und Bürgerrechtler Jürgen Fuchs, Markus Meckel, Gerd und Ulrike Poppe, Arnold Vaatz, Lutz Rathenow und Reiner Kunze. Kunze wird nach 1989, in Kenntnis von Böhmes Stasi-Berichten, über diesen urteilen: "Er ist anders als alle Spitzel in meiner Akte. Er hat sich eine Welt geschaffen mit lebendigen Menschen. Er wollte Gott sein." Denn neben haargenauen Überlieferungen finden sich in den IM-Diktaten allerhand Halbwahrheiten und Lügengeschichten. Weiß Böhme über "Staatsfeinde" wie Reiner Kunze gerade nichts Wahres preiszugeben, dichtet er Märchen für die Stasi; so ungestüm, als wolle er es mit Karl May aufnehmen. Er müht sich, vor den Führungsoffizieren als Top-Spion zu gelten. Sein Pech, dass manche Erfindung auffällt.

Fliegt er darum aus der Partei? Landet er deshalb vorübergehend sogar in Haft? Wahrscheinlicher ist, dass diese Vorgänge seiner Legende dienen. Böhme jedenfalls perfektioniert sein Rollenspiel. Ende der achtziger Jahre, als er sich als IM "Maximilian" in Prenzlauer Berg herumtreibt, zweifelt fast niemand in Regimegegnerkreisen daran, dass Böhme einer von ihnen ist. Er gibt sich nun betont liebenswürdig und aufopferungsvoll. 1988 heißt es sogar, Böhme sei von Stasi-Leuten zusammengeschlagen worden. In der Berliner Eliaskirche zeigt er sich mit blutverkrustetem Gesicht, und westdeutsche Fernsehkameras filmen ihn – als Antlitz der Opposition.

Allein Arnold Vaatz warnt einige Mitstreiter vor diesem "Paganini mit Spitzbart". Vergebens.

Dann geht alles schnell: Böhme gründet die Ost-SPD mit, gelangt an ihre Spitze. Selbst als Ende März 1990 der Spiegel Belege für die IM-Tätigkeit Böhmes veröffentlicht, glauben viele noch dessen Unschuldsbeteuerung. Böhme tritt als Parteichef ab, erlebt aber bald ein Comeback: als Polizeibeauftragter des Ost-Berliner Magistrats. Im Herbst 1990 wird er sogar als einziger Ostdeutscher in den SPD-Bundesvorstand gewählt. Zu Jahresende folgt jedoch die endgültige Enttarnung: Da veröffentlicht Reiner Kunze das Buch Deckname "Lyrik", darin auch Passagen aus Spitzelberichten des Ibrahim Böhme.

Die IM-Tätigkeit, liest man, habe ihm nicht immer gefallen. Der Klassenfeind – sein Dissidentenfreundeskreis – sei undiszipliniert, beklagt er sich: Die Leute dort seien oft unpünktlich bei Terminen.