Die Schwanzflosse schwebt über dem Wasser, kalt und tot klaffen die Augen über dem aufgerissenen Schlund mit den sorgfältig aufgereihten Zähnen, der gleich die drei glitzernd gewandeten Figuren verschlingen wird. Die Unmöglichkeit des Todes in den Gedanken eines Lebenden, denkt man, eine Referenz an das wohl berühmteste Kunstwerk der Neunziger, Damien Hirsts Hai. Aber nein, die Schnauze ist zu rund, die Rückenflosse zu geschwungen. Es ist kein Hai, der den Zuschauer zu verschlucken droht, sondern ein Orka, der bei René Pollesch in der Volksbühne in der Luft hängt. Sieben Meter lang, von Schauspielern begeh- und bekletterbar und innen mit einer Kamera ausgestattet. Dabei hat man einen Immobilienhai erwartet, keinen Killerwal, heißt Polleschs Stück doch Von einem der auszog, weil er sich die Miete nicht mehr leisten konnte. Es ist nicht nur ein großartiger Pollesch, es ist auch das erste Musiktheater, das Dirk von Lowtzow geschrieben hat, Sänger von Tocotronic. Man wünscht sich mehr von diesen Liedern, die zwischen Brecht und Hollywoodfilmmusik wechseln und vom Filmorchester Babelsberg gespielt werden. Der Kinderchor gruselt so schön, wenn glockenhelle Stimmen singen: "Werden wir jemals zufrieden sein? Nein, nein, nein!"

Thematisch bleibt Pollesch näher an Hirsts Hai als am Gentrifizierungsdiskurs. Es geht um die großen Fragen der Liebe und der Psyche. Eine riesige unstrukturierte Textgeschwulst brandet über die mit glitzernden Fäden behangene Bühne. Zwei sehen sich zum ersten Mal wieder, zehn Jahre nachdem sie sich verliebt haben. Der Zufall zerstört das Fantasma: "Es gibt dich nicht mehr – ich meine, begehrenstechnisch." Dieser "riesige Realitätsverlust", der sich durch das Eindringen der Realität in die Fantasie einstellt, wird wunderbar verhandelt von Martin Wuttke und Lilith Stangenberg, während Franz Beil ihnen roboterhaft hinterherstolpert. Der Roboter bleibt allein, denn "eine Welt ist vorstellbar, in der wir nur hysterisch Einzelwesen sind", wie er einmal verzweifelt brüllt. Verzweifelt wohl ob der Inszenierung, die ihn fast verschwinden lässt. Dafür darf er einmal, an Schnüren aufgehängt, wunderschön neben dem Wal durch die Luft schwimmen, während die anderen ein Duett singen. Ihnen möchte man stundenlang dabei zusehen, wie sie in die Abgründe und Inkonsistenzen ihrer Psyche hineintorkeln wie zwei Patienten beim Pariser Starpsychologen der Fünfziger, Jacques Lacan, die niemals geheilt werden, denn darum geht es weder bei Lacan noch jetzt bei Pollesch. "Wir machen Liebe zu einem metaphysischen Ereignis", rufen sie angewidert und singen doch im Duett: "Ich hafte an dir / wie Tinte auf Papier / Wie eine Zecke an einem Tier." Aber ist da nicht noch mehr? Pollesch über die der Welt der menschlichen Psyche hinaus, zum dem was jenseits der Gesellschaft und der ewigen Beschäftigung mit sich selbst liegt. "Wir bestehen doch aus Zellen", weiß Stangenberg. Das ist die etwas andere Schöpfungsgeschichte, die in Interviews angekündigt war. Es ist eine Geschichte davon, wie Biologie und Identität zusammenhängen, wie sie beide konstruiert sind. "Ich will nicht eine Röhre sein für die Selbstwerdung eines anderen", verzweifelt Stangenberg.

In einer Zeit, in der diffuses Unbehagen am Neoliberalismus gründliches Nachdenken und Theoriefestigkeit ersetzt hat, ist es erfrischend, sich den wirklich großen Fragen zu widmen, nach der Liebe, dem Universum und allem. Selbst wenn Martin Wuttke mitten im metaphysischen Flug über den Geschäftsbericht von Google nachdenkt und man enttäuscht den Boden des profanen Alltags im Markenkapitalismus auf sich zurasen sieht, dann zieht er daraus trotzdem eine Beobachtung der menschlichen Natur, jenseits des Kapitalismus: Die Nutzer erkennen eigentlich keinen Qualitätsunterschied zwischen Google und seinen Konkurrenten, bleiben also aus purer Gewohnheit bei der Suchmaschine – wie Menschen in ihren Beziehungen. Das mag banal sein, aber unser Verhalten in Liebesdingen ist transzendenter als die Verstrickungen eines kalifornischen Softwareunternehmens.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Ganz lassen kann es Pollesch mit der Kapitalismuskritik nicht, verpackt er doch etwas Gentrifizierungsdebatte im Titel des Stücks. Allerdings bleibt unklar, warum das Stück diesen Namen trägt. Vielleicht ist es eine Anspielung auf Stadt als Beute, das erste Stück, in dem Pollesch ein Lied von von Lowtzow einsetzte. Vielleicht hat er sich auch nur einen Spaß daraus gemacht, ganz Berlin mit dem Spruch zuzukleistern, um so Diskussionen um die Unwägbarkeiten des Immobilienmarktes im Spätkapitalismus anzuregen, am Küchentisch oder an der Bushaltestelle. Nur eine Vaudeville-Miniatur, eingeschoben von Lilith Stangenberg, verweist auf den Titel. Die Einlage soll dem Vorwurf des Etikettenschwindels zuvorkommen. Um diesen Verdacht abzuwehren, wurde auch Bariton Martin Gerke noch in den Killerwal gestellt, um zum Schluss zwei Opernstücke zum Besten zu geben.

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