Der indonesischen Krakatau-Vulkans schleudert glühende Lava in den Nachthimmel. © Getty Images/Mike Lyvers

Als er am Abend des 5. April 1815, kurz vor Sonnenuntergang, das ferne Grollen vernimmt, ist der erste Gedanke von Thomas Stamford Raffles: eine Kanonade! Man kann es dem Gouverneur von Java nachsehen. Kaum vier Jahre zuvor hat Raffles reichlich Geschützdonner zu hören bekommen. Damals eroberten die Royal Navy und englische Truppen die tropische Inselwelt und machten Niederländisch-Java zu Britisch-Java, heute ein Teil des Staates Indonesien.

Doch das Donnern, das Raffles in seiner Residenz aufschreckt, hat nichts mit dem Krieg zu tun, und es kommt auch nicht aus Geschützrohren. Sondern es dringt aus fast 800 Kilometer Entfernung an sein Ohr: Auf der zu Britisch-Java gehörenden Insel Sumbawa hat an diesem Abend der Ausbruch des Mount Tambora begonnen.

Es ist eine gewaltige Eruption – der größte bezeugte und beschriebene Vulkanausbruch seit Aufzeichnung der Geschichte. Sie dauert mehr als eine Woche. Am Abend des 10. April explodiert der Tambora förmlich. Fast drei Stunden lang wirft er Magma, Gestein und Gas in unvorstellbarer Menge aus. Der Berg ist heute nur gut halb so hoch wie vor der Eruption.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

Ein britischer Leutnant, Owen Philipps, hat das Spektakel beobachtet: "Drei getrennte Feuersäulen stiegen vom Tambora in sehr große Höhen auf, wo sie sich in der Luft in einer bedenklichen, chaotischen Weise vereinigten. Zwischen 9 und 10 Uhr begann es, Asche zu regnen, und ein heftiger Wirbelsturm zog auf, der im Dorf Sang’ir fast jedes Haus zerstörte, die stärksten Bäume an ihren Wurzeln ausriss und fortwirbelte, zusammen mit Menschen, Pferden, Rindern und was immer in seine Bahn kam. Der Wirbelsturm dauerte ungefähr eine Stunde, während der keine Explosionen zu hören waren. Von Mitternacht bis zum Abend des 11. April setzten sie sich ununterbrochen fort, wenngleich mit abgeschwächter Kraft. Bis zum 15. Juli hörten die Explosionen nicht auf."

Im Juni 1816 sind Kanada und die USA tief verschneit

Wie epochal der Ausbruch des Tambora wirklich war, wies die Wissenschaft erst im ausgehenden 20. Jahrhundert nach. Mit modernen Messmethoden wie der Analyse grönländischer oder antarktischer Eisbohrkerne lässt sich heute recht genau rekonstruieren, welche Gasbestandteile die Erdatmosphäre in früheren Jahrhunderten hatte. Wobei der Anteil von Schwefelverbindungen nach Vulkanausbrüchen besonders aufschlussreich ist: Die Untersuchung von Baumjahresringen erlaubt Rückschlüsse auf mittlere Jahrestemperaturen. Diese sogenannten Proxydaten, indirekte Hinweise auf das Klima und seine Veränderungen, werden in einem nächsten Schritt zu historischen Quellen in Beziehung gesetzt. Im Falle der Tambora-Eruption entstand so das Porträt der wohl größten Natur- und Umweltkatastrophe der vergangenen tausend Jahre.

Gas und Asche, schätzt man, wurden bis auf eine Höhe von 43 Kilometer in die Stratosphäre geschleudert. Die Menge des in die Luft geworfenen Materials dürfte mehr als 100 Kubikkilometer betragen haben. Der Vulkanologe Clive Oppenheimer von der Universität Cambridge vermutet, dass nur ein einziger Ausbruch in den letzten beiden Millennien noch höhere Schichten der Atmosphäre erreicht hat – jener des Taupo auf Neuseeland, für den Höhen bis zu 51 Kilometer errechnet wurden. Er ereignete sich 181 nach Christus, als Europa unter der Herrschaft der Römer stand. Auf das Alte Rom geht auch ein wichtiger Terminus der Vulkanologie zurück. In Erinnerung an den römischen Senator und Schriftsteller Plinius den Jüngeren, der den Vesuvausbruch und die Zerstörung von Pompeji im Jahr 79 nach Christus beschrieb, gelten starke Eruptionen als plinianisch oder im Extremfall, wie beim Tambora, als ultraplinianisch.

Um die Gewalt des Ereignisses vor 200 Jahren einzuschätzen, hilft ein Blick auf den sogenannten Vulkanexplosivitätsindex. Auf der bis acht reichenden Skala bekommt die antike Vesuvkatastrophe eine Fünf, die Explosion auf der indonesischen Insel Krakatau 1883 eine Sechs. Dem Ausbruch des Tambora wird als einem von fünf Ausbrüchen der Indexwert sieben zugesprochen; nur zwei kommen auf einen Wert von acht, beide liegen indes in prähistorischer Zeit.

Die Region rings um den Tambora liegt nach der Eruption für mehrere Tage in vollkommener Dunkelheit: eine Welt der Zerstörung. Der von der Vulkanexplosion ausgelöste Tsunami trifft gegen Mitternacht des 10. April 1815 die Küsten des östlichen Java. Zwischen 71.000 und 100.000 Menschen kommen in den Wassermassen ums Leben. Während der folgenden Monate fordern Hunger und Seuchen weitere Opfer – und das nicht nur im Tsunamigebiet: Atmosphärische Veränderungen, die auf die Vulkanemissionen zurückzuführen sind, begünstigen während des 19. Jahrhunderts in ganz Asien die Verbreitung verheerender Seuchen. So vermuten Wissenschaftler heute, dass die Unterbrechung der Monsune und andere Wetterabnormitäten auf dem indischen Subkontinent zu einer Mutation der dort endemischen Cholerabakterien beigetragen haben. Die Folge: Von 1817 an breitet sich die Cholera aus und wird zu einer globalen Seuche.

Das "Jahr ohne Sommer"

Für die vom Tambora so weit entfernt gelegenen Kontinente wie Europa und Nordamerika hat die Eruption eine noch unmittelbarere Konsequenz. Sie erleben einen Klimawandel, so akut und dramatisch wie nie zuvor. Denn so verheerend die Heimsuchungen durch die direkte Gewalt des Vulkans, durch Tsunami und Ascheregen, in Südostasien sind: Globale Auswirkungen haben vor allem die vom Mount Tambora in die Stratosphäre geblasenen Schwefelgase. Diese verbinden sich mit Feuchtigkeit und festen Schwebeteilchen zu geschätzten 200 Megatonnen Schwefelaerosol. Die grönländischen Eisbohrkerne haben für die vergangenen zweitausend Jahre nur einen Vulkanausbruch nachgewiesen, der eine noch stärkere Konzentration von Schwefelverbindungen nach sich zog. Er muss sich 1258 ereignet haben – wo, ist nicht bekannt.

Aufgrund der äquatornahen Lage des Tambora ziehen die Aerosolwolken 1815 um den ganzen Globus und absorbieren vielerorts große Mengen Sonnenlicht. Die Eruption führt dadurch 1816 zu einem in der Neuzeit einzigartigen Phänomen: dem "Jahr ohne Sommer".

Natürlich ist nicht jede Region in gleichem Maße betroffen. Vor allem im Osten Europas herrschen annähernd vertraute Verhältnisse. In weiten Teilen der westlichen Welt aber scheint die Natur aus den Fugen geraten zu sein. Memoiren, Briefe und Presseberichte legen Zeugnis davon ab, als wie bedrückend die Zeitgenossen das Wetter empfanden.

In Nordamerika sehen die Menschen 1816 nach einem bitterkalten Winter – "der Körper zittert und schrumpft durch die Kälte, die wir durchmachen", notiert Ex-Präsident Thomas Jefferson im Januar – hoffnungsvoll dem Sommer entgegen. Doch stattdessen kehrt nach einem kurzen Frühjahr der Winter zurück. "Die Häuser, die Straßen, die Plätze der Stadt sind vollständig mit Schnee bedeckt", schreibt die Quebec Gazette am 8. Juni, "und dem ganzen umgebenden Land geht es genauso; es sieht aus wie im Dezember."

Dichter Schnee hüllt auch die südlicher an der Ostküste gelegenen Neuenglandstaaten ein, und der in Danville im US-Bundesstaat Vermont erscheinende North Star kommt zu der vollkommen richtigen Einschätzung: "Wahrscheinlich hat niemand, der im Land lebt, je so ein Wetter erlebt und vor allem nicht von so langer Dauer."

Den Zusammenhang mit dem Ausbruch des Tambora im Jahr zuvor entdeckt man freilich nicht. Man vermutet stattdessen, die verringerte Sonnenflecken-Aktivität in jenen Jahren könne eine Ursache des plötzlichen Klimawandels sein. Vor allem aber wird den Menschen schmerzlich bewusst, dass es ihnen an Wissen und an Daten fehlt. Dabei wäre es doch, wie der Daily Advertiser von Albany im Bundesstaat New York mutmaßt, gar nicht so schwierig, den Geheimnissen des Wetters auf die Spur zu kommen: "Eine große Masse von nützlichen Informationen über unser Klima und die Jahreszeiten könnte zusammengetragen werden", schlägt die Zeitung vor, "wenn Gentlemen, welche die notwendigen Instrumente besitzen, jeden Tag ein paar Minuten der Dokumentierung des Wetters und der Temperatur unserer Atmosphäre widmen könnten."

In Europa macht sich die Wetterkatastrophe weniger durch Schnee und Winterkälte bemerkbar. Vielmehr verdunkeln im Sommer 1816 unauflösliche Regenwolken den Himmel. Sie erstrecken sich von Skandinavien über Deutschland und die Schweiz bis nach Spanien. Die englische Zeitung Norfolk Chronicle schreibt von "melancholischen Berichten über die ungewöhnliche Feuchtigkeit der Jahreszeit, die aus allen Teilen des Kontinents eingehen". Überschwemmungen spülten ganze Besitzungen fort, Weinbergen und Getreidefeldern werde "unermesslicher Schaden zugefügt".

In den Niederlanden folgt eine Überschwemmung der anderen. Auch weite Teile Unterfrankens erleben nach den Worten eines Zeitzeugen "ständigen Regen, sintflutartig, wie wir ihn nie zuvor gesehen haben, gefolgt von Hagelstürmen". In so gut wie allen Teilen des deutschen Sprachraums kommt es zu desaströsen Missernten, und im Spätsommer stellt eine englische Reisende nach Durchquerung Preußens fest: "Wie kalt und trist ist doch dieses weite Deutschland!" Kurz darauf, in Dresden, findet sie "das Wetter abscheulich kalt, von dauernden Regengüssen und allgegenwärtiger Feuchtigkeit". In Deutschland nennen die Menschen das Katastrophenjahr bitter-spöttisch "Achtzehnhundertunderfroren".

Die mittleren Tagestemperaturen in West- und Mitteleuropa liegen im Sommer 1816 tatsächlich um ein bis zwei Grad Celsius unter den Durchschnittstemperaturen der Jahre 1810 bis 1819, einer Dekade, die ohnehin eine der kältesten zwischen 1800 und heute ist. Im Vergleich zu den Jahren 1951 bis 1970 ist der Sommer von 1816 sogar um bis zu drei Grad Celsius kühler, in der Klimatologie ein enormer Unterschied. Auf der nördlichen Hemisphäre wird er der zweitkälteste seit 1400; lediglich die Menschen im Jahr 1601 haben noch tiefere Sommertemperaturen ertragen müssen.

Der Astrophysiker Wolfgang Rammacher hat die Messdaten von 15 europäischen Wetterstationen zwischen Edinburgh und St. Petersburg im Norden bis Mailand und Palermo im Süden ausgewertet. Fast überall weichen die Mittelwerte des Jahres 1816 deutlich, mancherorts um zwei Grad oder mehr, von jenen der gesamten Epoche 1801 bis 1830 ab. In Paris ist 1816 gar der kälteste Sommer zwischen 1771 und 1990.

Das "Jahr ohne Sommer" ereignet sich just zu einem Zeitpunkt, als der Kontinent ein Vierteljahrhundert fast permanenter Kriege und sozialer Umwälzungen hinter sich hat. Die Napoleonischen Kriege haben weite Landstriche verwüstet zurückgelassen, Zehntausende ehemaliger Soldaten sind, vor allem in Frankreich, auf der Suche nach Arbeit und Brot. Und dieses Brot wird nun knapp.

Historiker sehen in den Jahren 1816/17 die letzte wirklich ausgedehnte Hungersnot in Kontinentaleuropa (30 Jahre später wird die irische Insel noch einmal eine fürchterliche Hungerkatastrophe erleiden). Vereinzelt brechen Unruhen aus wie im englischen East Anglia, wo Demonstranten mit Plakaten wie "Bread or Blood" – Brot oder Blut – im Städtchen Ely bei Cambridge zusammenkommen, den Magistrat gefangen nehmen und sich Straßenkämpfe mit der Miliz liefern.

In Frankreich setzt die Regierung nach der Erfahrung von 1789 – die große Revolution war nach einer Abfolge von Missernten ausgebrochen – alles daran, den Brotpreis in Paris niedrig zu halten: Die Hauptstadt soll von Unruhen verschont bleiben. Andernorts gibt es auch Zeichen der Solidarität der Wohlhabenden mit den ganz Schwachen. In einigen deutschen Städten wie Düsseldorf, Elberfeld und Frankfurt gründen reiche Bürger "Kornvereine", die Getreide importieren und die Grundversorgung der Armen mit Brot sicherstellen sollen.

Zu dem wenigen Guten, das der düstere Sommer 1816 mit sich bringt, gehören die bombastisch farbenprächtigen Sonnenuntergänge (wenn es nicht gerade regnet oder schneit), zu denen die Aerosole in den oberen Luftschichten beitragen. Der englische Maler William Turner bannt diese Pracht auf Leinwand. Die lebhaften Erdfarben und die besonderen Abendstimmungen in jenem fragilen Jahr 1816 prägen sein Werk über Jahrzehnte.

Auch Mary Shelleys "Frankenstein" ist ein Echo jenes Sommers

Im badischen Karlsruhe hingegen – einer Stadt mit einem besonders kalten Sommer – beflügelt die Wetterkatastrophe den Erfindergeist. Dort sieht sich Karl Freiherr Drais durch die Pferdeknappheit und das Pferdesterben infolge des Futtermangels dazu motiviert, eine neue Form der Fortbewegung zu konzipieren. Im folgenden Jahr meldet er seine "Laufmaschine", die Draisine, zum Patent an, ein zweirädriges Gefährt, aus dem sich später das Fahrrad entwickeln wird.

Ein anderes Land, das – noch weit von seinem heutigen Wohlstand entfernt – von monatelangen Regenfällen und Überschwemmungen heimgesucht und in besonderem Maße von Missernten, Hunger und Elend gebeutelt wird, ist die Schweiz. Hier wird das literarische Monument jenes Jahres entstehen. Denn just in den Sommermonaten 1816 reist Mary Wollstonecraft Godwin mit ihrem Liebhaber, dem Dichter Percy Shelley, dem gemeinsamen Sohn William und der Stiefschwester Claire über den Kontinent. Schon in den französischen Alpen macht es kaum noch Spaß: "Die Kälte war exzessiv. Als wir die Berge hinaufstiegen, schütteten die gleichen Wolken, die im Tal auf uns hinabgeregnet hatten, schnelle und dichte Schneeflocken aus", schreibt Mary Wollstonecraft.

Die Szenerie am Genfer See empfindet sie als "desolat", und so mietet man sich eine abgeschiedene Villa, die Maison Chapuis. "Unglücklicherweise", so notiert Mary im Juni, "fesselt uns der unaufhörliche Regen an das Haus. Die Gewitter, die über uns hereinbrechen, sind grandioser und schrecklicher als alles, was ich bisher gesehen habe." Bald stößt George Byron hinzu, der Aufenthalt schwankt zwischen Spannungen und Kreativität hin und her: "Die ganze Jahreszeit war kalt und verregnet, und an den Abenden versammelten wir uns um das knisternde Feuer und amüsierten uns mit deutschen Gespenstergeschichten." Byron schreibt das Gedicht Die Finsternis: "Die helle Sonn’ war ausgelöscht ..."

Mary Wollstonecraft Godwin, die spätere Mary Shelley, hat auf der Reise der Not jener Zeit ins Gesicht geblickt, den Heimatlosen, Hungernden, die durch das Land streifen. In der Maison Chapuis nun formt sie aus diesen Begegnungen die Geschichte einer Kreatur, die all diese Gefühle kennt, und legt ihrer Schöpfung in den Mund, dass sie an der "Gnadenlosigkeit der Jahreszeit", aber "mehr noch an der Barbarei des Menschen" leide.

Sie gibt ihrem Roman den Titel Frankenstein. 1818 erschien das Werk, anonym. In ungezählte Sprachen wurde es seither übersetzt und später zigfach verfilmt. Die Geschichte des Schweizer Doktors Frankenstein und seines künstlichen Menschen, der "Kreatur", kündet von Hybris und Untergang und von des Menschen eitlem Unterfangen, die Schöpfung beherrschen zu wollen. Auch dies, ganz ungewollt und doch bezeichnend, ein Echo auf die Erfahrung jenes Winters und jenes Sommers, als alle so viel vom Wetter sprachen.