Ich saß in Warten auf Godot im DT und zählte die Minuten bis zum Ende der Vorstellung. Zwei Männer, die aneinander und an der Wirklichkeit vorbeireden und auf einen dritten Mann warten, den sie nicht kennen und den es vielleicht gar nicht gibt? Zu viel Bedeutung, dachte ich, zu wenig Dramaturgie, und darum wahnsinnig langweilig. Alle anderen im Deutschen Theater langweilten sich nicht. Sie kicherten eingeweiht und ziemlich überheblich, wenn Wladimir und Estragon ihre tiefsinnigen Pseudo-Witze über Godot machten, von dem sie, die beiden Beckett-Figuren, als Einzige im Saal nicht wussten, dass er nicht kommt, und wahrscheinlich fand ich das Lachen des Publikums vor allem deshalb so bildungsbürgerlich weltfremd und falsch, weil ich eben erst im Taxi zum Theater im Radio gehört hatte, dass in der Ukraine schon wieder Krieg war und die IS-Leute inzwischen ihre Geiseln vor laufenden Kameras wie Streichhölzer anzündeten. Wenn Warten auf Godot von der Absurdität menschlicher Existenz handelt, dachte ich, als endlich Schluss war, heißt das umgekehrt, dass das Leben genauso blutleer und absurd ist wie dieses weltberühmte, blasierte Theaterstück? Oder heißt es nur, dass Beckett und seine Fans absichtlich das Theater mit dem echten Leben verwechseln, damit sie es besser ignorieren können?

Nach der Vorstellung war ich mit Samuel, der Wladimir spielte – und zwar sehr viel besser, als es Beckett und seine Fans verdient hatten –, im 3 Minutes! in der Torstraße zum Essen verabredet. Samuel kam nicht allein. Er brachte Dr. Neubauer und dessen Frau mit, die für ein paar Tage aus Wien nach Berlin gekommen waren, um hier fast jeden Abend ins Theater zu gehen. Das machten sie oft, sagten sie mit dem fast schon triumphierenden Lächeln aller Berlin-Touristen, außerdem seien sie Mitglieder in der Internationalen Thomas-Bernhard-Gesellschaft, und die habe hier gerade getagt und Dr. Neubauer zu ihrem neuen Präsidenten gewählt.

"Herzlichen Glückwunsch", sagte ich, aber ich meinte es nicht so. Dr. Neubauer lächelte höflich und misstrauisch. "Welches Stück von Thomas Bernhard ist das beste?", sagte ich dann. " Heldenplatz", sagten die Neubauers fast gleichzeitig. "Und wie fanden Sie den Beckett heute Abend?" – "Toll!"

Dr. Neubauer – offenes, intelligentes, russisch-jüdisches Gesicht – ist Anwalt. Sein Großvater kam aus Odessa, der Vater war auch schon Anwalt in Wien. Während des Kriegs floh die Familie in die Schweiz, danach versuchten sie es mit Amerika, aber schließlich kehrten die Neubauers nach Österreich zurück. Statt New York oder Miami, dachte ich, Wien. Statt David Mamet oder Larry David der schreibende Parvenü Thomas Bernhard, dessen humorloser Hass auf Nazis und Österreicher immer etwas sehr Nazihaftes hatte. Statt Witz und Tempo das ganz normale öde, wirre, sakrale und superautoritäre deutsch-österreichische Stadttheater-Programm.

"Wie schaffst du das eigentlich?", sagte ich zu Samuel, als die Steaks kamen. "Was meinst du?", sagte Samuel. Er hatte, noch müde von der Vorstellung, bis jetzt wenig gesagt, und ziemlich blass war er auch.

"Du stammst aus einer alten sephardischen Familie", sagte ich. "Du bist erst mit zwanzig aus Bulgarien nach Berlin gekommen und kannst dir inzwischen in jedem deutschen Theater die Rolle aussuchen, die du spielen willst. Aber du musst mit Leuten arbeiten, deren Großväter mit Novalis-Gedichten und dem Faust im Tornister halb Europa zerstört haben und die wahrscheinlich deshalb mit ihrem ewigen Geschrei jede Bühne in einen Kasernenhof verwandeln. Und manchmal" – jetzt wurde ich selbst etwas zu fanatisch und zu laut – "sind sie wie der strenge, rasende Pastor, der absolut nichts zu sagen hat, und die Zuschauer sind die Gemeinde, die das alles geduldig erträgt, weil sie hofft, dass sie dafür in den Himmel kommt!"

Die Neubauers guckten mich wie einen Verrückten an. Samuel nicht. Er machte sein ironisches, extrem sympathisches Samuel-Finzi-Gesicht, das jetzt gar nicht mehr blass war, und sagte: "Und wie schaffst du das? Wer sind deine Kritiker? Wer sind deine Leser? Lauter tschechisch-russische Bildungsbürgerkinder mit ruthenischen Vorfahren wie du?" – "Schon gut", sagte ich, "ich hab ja nur einen Witz gemacht. Na ja – halb."