Dumm genug, wenn die Kinder fiebernd, verlaust und mit Ausschlag von der Hortreise oder vom Skifahren zurückkehren. Noch dümmer aber, wenn man mit ihnen zum Arzt will. Und es keinen gibt. Nein, hier ist nicht die Rede vom östlichen Mecklenburg-Vorpommern, wo man mehr Wölfe trifft als Ärzte. Sondern von einem Gebiet mitten in Hamburg. Der Neustadt, Postleitzahl 20459, knapp 8.000 Einwohner, acht Zahnarztpraxen – aber kein einziger Kinderarzt.

Eine Ausnahme, ein Zufall? Nein, da sind noch mehr solcher Stadtteile, darunter auch der Postbezirk 20259 in Eimsbüttel. Ein Viertel mit so vielen besorgten Eltern, dass es hier 46 Psychotherapeuten gibt. Aber nicht einen Arzt für die Kinder.

Frage an Jochen Kriens von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV): Hat Hamburg zu wenige Kinderärzte? Falsch, lacht der, "die Stadt ist überversorgt!".

Darüber lässt sich streiten. Seit 1993 versuchen Funktionäre, die Mediziner im Land gleichmäßig zu verteilen. Dazu zerschnitt man Deutschland in 883 Gebiete und legte fest, wie viele Menschen dort höchstens auf einen Arzt kommen dürfen. Gibt es mehr Einwohner pro Doktor, gilt die Gegend als "unter-", gibt es weniger, als "überversorgt".

Hamburg hat mit 167 Kinderärzten demnach ein Viertel mehr als nötig. Wie irrwitzig diese Kalkulation ist, weiß jeder, der einen halben Tag in einem überfüllten Wartezimmer voll brüllender, fiebernder, mit Ausschlag übersäter Jungs und Mädchen verbrachte.

Und dafür noch dankbar sein musste. Denn viele Praxen wollen keine neuen Kinder annehmen, schon gar nicht Kinder, die gesetzlich versichert sind. Das lohnt sich in sozial schwächeren Vierteln nur, wenn der Doktor eine ähnliche Einstellung hat wie Jesus Christus. Auch in "normalen" Vierteln wie der Neustadt oder Eimsbüttel rechnet sich das offenbar nicht.

Aber zum Beispiel in Sasel. Sasel hat viele Einfamilienhäuser, hohe Kaufkraft, und das Leben dort ist so beschaulich, dass es nur 14 Psychotherapeuten gibt. Dafür aber: acht (!) Kinderärzte. Könnte man nicht ein paar von denen dazu bringen, in andere Viertel ...?

Jochen Kriens von der KV hat einen anderen Tipp: "Verlassen Sie die Neustadt!"

Wie? Für immer?

Nein, nur um im Nachbarviertel zum Kinderarzt zu gehen. Erst mal.

Denn der Weg könnte bald viel weiter werden. Die Bundesregierung will nämlich in "überversorgten" Gebieten wie Hamburg – Kinderarztpraxen abbauen.