DIE ZEIT: Herr Kretschmann, gibt es den Schutzengel eigentlich noch, den Sie zu Beginn Ihrer Amtszeit auf Ihren Schreibtisch gestellt haben?

Winfried Kretschmann: Ja. Das war das Geschenk einer befreundeten evangelischen Pfarrerin.

ZEIT: Wovor hat der Engel Sie bisher beschützt?

Kretschmann: Vor Überheblichkeit, hoffentlich, vor Ängsten, eben vor vielem, was einen immer bedroht in so einem Amt.

ZEIT: Spricht der Engel zu Ihnen, oder sprechen Sie zu ihm?

Kretschmann: Er redet natürlich nicht, er ist ja erst mal ein Kunstwerk. Aber er spricht mich an: Wo liegen meine Gefährdungen, wo liegen meine Ängste, wo liegen meine Grenzen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 12 vom 19.03.2015.

ZEIT: Ist das Gott für Sie: jemand, der einen erinnert an die eigenen Grenzen?

Kretschmann: Aber sicher. Ich glaube nicht an einen Gott, der einem die schweren Dinge im Leben einfach abnimmt.

ZEIT: Katholiken, die so offen wie Sie über Ihren Glauben sprechen, gibt es kaum mehr in der Politik: Wolfgang Thierse ist weg, Christian Wulff ist weg, genauso Philipp Rösler oder Annette Schavan. Sind Sie der Letzte Ihrer Art?

Kretschmann: Ist mir noch gar nicht aufgefallen. (denkt nach) Stimmt vielleicht. Wobei das nicht nur für Katholiken gilt.

ZEIT: Woran liegt der Christenschwund in der Politik?

Kretschmann: Die Ursache ist sicher, wie überall in der Gesellschaft, die Säkularisierung. Du kannst heute als Politiker in der Kirche sein oder nicht, das spielt keine Rolle mehr bei Wahlen, nicht mal bei Bürgermeisterwahlen im traditionell schwarzen Oberschwaben, wo ich herkomme. Wobei ich das kein Unglück finde: Eine Partei kann nun mal nicht in die Nachfolge von Jesus Christus treten.

ZEIT: Nicht mal eine Partei, die so missionarisch ist wie die Grünen?

Kretschmann: Auch wir Grüne nicht. Wobei ich nicht abstreiten will, dass der Idealismus in unserer Gründungsphase zivilreligiös aufgeladen war – und manche Parteitage schon Anklänge an eine Messe hatten.

ZEIT: Der Veggie Day war doch ein klassisches Missionsprojekt: Wir wissen, was gut ist für euch – und wenn ihr das nicht einseht, dann biegen wir es euch schon bei.

Kretschmann: Das ist jetzt eine Karikatur! Aber der Hang von uns Grünen, über das gute Leben zu reden, führt leicht dazu, auch den anderen zu sagen, wie das am besten aussehen könnte.

ZEIT: Ehe Sie zu den Gründern der Grünen stießen, Ende der siebziger Jahre, haben Sie eine extreme Erfahrung gemacht: Sie gehörten einer kommunistischen Sekte an, wie Sie das selbst nannten. Haben Sie damals zu viel geglaubt?

Kretschmann: Jedenfalls habe ich zu unreflektiert geglaubt, und vor allem zu eng. Das war der Geist der K-Gruppen.

ZEIT: Wie sind Sie dazu gekommen?

Kretschmann: Das geht mir bis heute nach: Wie kommt es, dass man als gebildeter Mensch auf einmal in so einer Sekte landet? Dass man die Welt nur noch durch einen Tunnelblick sehen kann? Wenn ich heute manchmal am Bahnhof an den Zeugen Jehovas mit ihrem Wachtturm vorbeilaufe, denke ich: Ja, so bist du mit der Kommunistischen Volkszeitung vor irgendeinem großen Betrieb gestanden.

ZEIT: Waren Sie erfolgreich?

Kretschmann: Einmal, da hat’s geregnet, hat einer eine Zeitung genommen. Der hatte offensichtlich Mitleid mit mir.