Die Schwarzen Hefte Martin Heideggers, des einflussreichsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts, haben im vergangenen Jahr weltweit für Bestürzung gesorgt, nicht nur, weil sich zeigte, dass in den nachgelassenen Notizen drastische antisemitische Passagen stehen, sondern weil in ihnen die Judenfeindschaft philosophisch begründet wird. Nun konnte beim besten Willen nicht mehr die bis dahin übliche Argumentation aufrechterhalten werden, Heidegger sei zwar für kurze Zeit Parteigänger der Nazis gewesen, sein Werk aber sei weitgehend frei vom nationalsozialistischen Gedankengut. Warum nur, musste man sich fragen, waren in den über 80 Bänden der Gesamtausgabe, in all den Schriften, die bis dahin erschienen waren, keine derart massiven judenfeindlichen Passagen aufzufinden gewesen? Hatte sich Heidegger etwa nur in den Schwarzen Heften zu erkennen gegeben?

Nun, es wird, man kann es nicht anders sagen, seit einigen Monaten Skandalöses vermutet. Es scheinen sich Hinweise zu verdichten, dass in der Gesamtausgabe des kleinen, aber renommierten Frankfurter Vittorio Klostermann Verlags nationalsozialistische Bezüge weggefallen sein könnten. Der Journalist Eggert Blum berichtete im vergangenen November in der ZEIT detailliert über Unstimmigkeiten in der Ausgabe, beispielsweise davon, dass Heidegger in einer Handschrift über die "Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum" räsoniert habe, dieser Satz aber auf Betreiben des leitenden Herausgebers Friedrich-Wilhelm von Herrmann und Martin Heideggers Sohn Hermann nicht in Druck gegangen sei. Auch zeigte sich, dass Martin Heidegger seinen Vortrag über Die Zeit des Weltbildes von 1938 nachträglich verändert hat.

Ein Verdacht steht seither im Raum: Hat man in der Heidegger-Ausgabe, die für die internationale Forschung die Grundlage unzähliger Aufsätze und Bücher bildet, versucht, einen von nationalsozialistischer Doktrin befreiten Philosophen zu präsentieren? Sind die jetzt aufgetauchten Fehler der seit 1975 erstellten Ausgabe "letzter Hand" womöglich nur die berüchtigte Spitze des Eisberges?

Das sind nun keine spitzfindigen oder feinschmecklerischen Fragen für Editionsexperten. Nach den so spät veröffentlichten Schwarzen Heften und den aufgespürten Auffälligkeiten in der Gesamtausgabe wird zu Recht verlangt, dass der Umgang mit dem Nachlass endlich geklärt wird, und das heißt vor allem: dass die Forschung unbeschränkten Zugriff auf ihn hat. Unter anderem der Philosoph Rainer Marten, einer der letzten Schüler Heideggers, hat dies vor zwei Wochen in der ZEIT mit Verve gefordert. Bislang ist im Marbacher Literaturarchiv nur die Einsicht in die Handschriften aus dem Nachlass der Familie von bereits erschienenen Bänden möglich.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

Man muss wissen, dass die Heidegger-Gesamtausgabe nicht historisch-kritisch ist. Die unterschiedlichen Textfassungen, die späteren Veränderungen der Werke durch den Philosophen selbst oder jene, die etwa durch die Abschriften seines Bruders Fritz entstanden sind, werden nicht dokumentiert. Vielmehr wird seit Jahrzehnten im kleinen Kreis eine Ausgabe erstellt, in der das Werk in einem Guss präsentiert wird. Den restriktiven Umgang mit dem durch das Urheberrecht geschützten Nachlass hat der Enkel und derzeitige Nachlassverwalter Martin Heideggers, Arnulf Heidegger, in der letzten Ausgabe der ZEIT noch einmal verteidigt.

Plädoyers für eine Ausgabe, die angemessenen wissenschaftlichen Standards genügen würde, waren bislang leider vergeblich. Mittlerweile aber fürchtet offenbar der Verlag selbst, dass ihm die Gesamtausgabe erhebliche Probleme bereiten könnte. Vor wenigen Tagen schrieb der Verleger Vittorio E. Klostermann allen Herausgebern, die für die Bände der Heidegger-Texte aus den dreißiger und vierziger Jahren der Gesamtausgabe zuständig sind, einen eigentümlich sorgenvollen Brief, der der ZEIT vorliegt. Der Verlag sei "nach der Veröffentlichung der Schwarzen Hefte ... mehrfach gefragt" worden, "warum Martin Heideggers Judenfeindschaft nicht schon früher in den Bänden der Gesamtausgabe sichtbar geworden sei". Klostermann verweist in diesem Zusammenhang nicht nur auf die vor Kurzem bekannt gewordenen Funde, sondern auf einen besonderen Lapsus: "Im Band 39 (Hölderlins Hymnen Germanien und Der Rhein)" werde "eine Abkürzung ›N.soz‹ fälschlich als ›Naturwissenschaft‹ gelesen. Der Lesefehler hat sich bis in die gegenwärtige, dritte Auflage gehalten."

Nun seien, gibt Vittorio E. Klostermann zu bedenken, diejenigen Manuskripte der Bände, die innerhalb der Gesamtausgabe erschienen sind, der Forschung im Literaturarchiv in Marbach zugänglich. Ein Umstand, der als bedrohlich eingestuft wird: "Die Funde der letzten Zeit lassen befürchten, dass nach weiteren Unstimmigkeiten in der Gesamtausgabe gesucht werden wird. Jede relevante Differenz, die von Dritten aufgespießt werden könnte, brächte Verlag und Herausgeber in die Defensive und könnte dem Ruf der Ausgabe insgesamt schaden." Um dies zu verhindern, möchte sich der Verlag offensichtlich wappnen. Alle Herausgeber, die an den Schriften aus der Nazizeit beteiligt waren, sollen nun mitteilen, "ob ihnen problematische Abweichungen der ggf. autorisierten Abschriften zur Handschrift bekannt sind, ob es nachträgliche Streichungen gegeben hat oder eventuell später entdeckte Lesefehler".

Den Brief werten manche der Herausgeber durchaus als Affront: Wenn es "problematische Abweichungen", "nachträgliche Streichungen" und "Lesefehler" gäbe, dann müssten diese von den Herausgebern ja zumindest mitverantwortet oder gar betrieben worden sein. Es ist ein in der deutschen Editionsgeschichte wohl einmaliger Vorgang: Die Herausgeber sollen bitte schön bekennen, ob sie etwas weggelassen oder manipuliert haben – und dürften daher fortan befürchten, dass die Verantwortung maßgeblich auf sie gelenkt wird, sollten in Zukunft weitere "Lesefehler" aufgespießt werden. Dabei ist die Ausgabe im Zusammenspiel von Verlag, Herausgebern und der Familie Heidegger über Jahrzehnte gemeinsam entstanden. Der Vorgang empört vor allem jene Forscher, die ihre Editionsarbeit nach bestem Wissen und Gewissen betrieben haben und die sich nun rechtfertigen sollen. Ausdrücklich wird verlangt, dass sich die Herausgeber auch dann beim Verlag melden sollen, wenn ihnen keine "Lesefehler" unterlaufen sein sollten ("Bitte geben Sie mir auch dann Nachricht, wenn es nichts derartiges mitzuteilen gäbe").

Der Verlag blickt misstrauisch auf die eigene Ausgabe und verlangt von den Herausgebern, allerdings nur intern, jetzt Aufklärung. Das ist durchaus verständlich. Ist der Verlag aber nicht selbst mitverantwortlich dafür, dass versäumt worden war, transparente und verbindliche Standards für die Editionen aufzustellen? Sogar eine Herausgeberin der Gesamtausgabe, die Philosophin Marion Heinz, beklagte vor zwei Wochen in der ZEIT, die Forscher tappten schlechterdings im Dunkeln: "Keiner weiß, wo Passagen gestrichen wurden, wo etwas aus Mitschriften oder Nachschriften eingefügt wurde. Wir haben keine verlässliche Grundlage, um Heideggers Philosophie ... erforschen und beurteilen zu können." Das ist kein kleiner Vorwurf nach 40 Jahren Editionsarbeit, wenn man bedenkt, dass große Teile der Philosophie jüngerer Zeit, vor allem die existenzialistische und poststrukturalistische in Frankreich, auf der Exegese von Heideggers Werk beruhen.

Bekanntlich hatte Heidegger selbst eine ablehnende Haltung zur modernen Öffentlichkeit. Das "Man", das Gerede, die Geschäftigkeit bedrohe ein authentisches, wahrheitsorientiertes Leben. Die abgründige Modernekritik, die Heideggers Ruhm bis heute zu Recht begründet, taugt nun gewiss nicht als Leitlinie für eine Gesamtausgabe seiner Werke. Das Beste wäre es, eine Kommission von außen einzusetzen und zumindest Standards aufzustellen, nach denen man die Überprüfung der Bände jetzt vornehmen kann. Denn es geht eben nicht um ein editionstechnisches Detailproblem für Freaks, sondern um Forscher auf der ganzen Welt, die doch aus gutem Grund wissen wollen, mit welcher Konsequenz der "Nationalsozialismus" bei Heidegger zur "Naturwissenschaft" wurde.