Billie Holiday 1948 in der New Yorker Carnegie Hall © William Gottlieb/Redferns

Ob er woanders leben könne? Niemals, soll Miles Davis gesagt haben. "Ich liebe New York. Ich liebe den Lärm. Ich kann ohne Lärm nicht schlafen. Ich kann ohne Lichter nicht schlafen. Ich kann ohne New York nicht schlafen. Ich würde New York nie verlassen. Niemals. Niemals, niemals, niemals, niemals, niemals, niemals, niemals."

Frank Sinatra wollte immer nur aufwachen in einer Stadt, die niemals schläft: New York, New York!

Der Trompeter und der Sänger haben die Stadt schließlich doch verlassen. Wie Benny Goodman und Glenn Miller, wie Charlie Parker und Charles Mingus, wie Duke Ellington und Thelonious Monk. Irgendwann knackt die Nadel in der Auslaufrille. Das war es dann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

Ihr New York aber ist immer noch da, schwarz-weiß in unseren Köpfen. Der Swing, die Ballrooms, die verrauchten Clubs unter den Wolkenkratzern, die schimmernden Saxofone, der Schweiß auf der Stirn, die Schellackplatten, die Gangster, die gerillten Riesenmikrofone, die blaue Stunde: Oh Lord, please let this last!

Die Stadt, in der vor, neben und nach dem Zweiten Weltkrieg alles geht, was man sich vorstellen kann, im Guten wie im Schlechten, ist Inbegriff der westlichen Moderne zwischen Allmachtsfantasie und Blues.

Unter den Musikern, die diesen Mythos geprägt haben, sticht eine Frau heraus, die selber mythische Züge trägt. Billie Holiday. Wie viele Beschreibungen sie auf sich zieht! Sie sei heiter, energisch, empfindsam, erfolgreich, naiv, lüstern, scheu, hilflos, freundlich, ständig pleite, kriminell, versoffen, ein Wrack. Aus Not und Armut kometenhaft aufgestiegen, vom Rauschgift wie vom Rassenhass zu Fall gebracht, bis heute unvergessen.

Spulen wir den Film ihres Lebens zurück und werfen einen Blick auf diese große Sängerin des Jazz, die am 7. April 2015 hundert Jahre alt würde.

Zunächst fällt auf, wie unscharf alles von Beginn an wirkt und wie grob geschnitten. Viele Szenen scheinen nicht zusammenzupassen, ausgedacht zu sein, die Realität zu überzeichnen. Das Drehbuch ergibt sich aus Biografien, Zeugenaussagen und Zeitungsartikeln, aus Liedern und Bildern. An Materialien fehlt es wahrlich nicht. Viele beziehen sich aufeinander, ohne ihre Gegensätzlichkeit dadurch zu mindern.

Wer Billie Holiday ist, scheint sich auch im Rückblick kaum eindeutig sagen zu lassen. Es sei denn, man lässt möglicherweise Wahres neben vielleicht Falschem stehen. Jazz ist ja eine Kunst des Ungenauen. Da muss nicht jeder Ton stimmen.

Sie kommt in Philadelphia zur Welt als eine Schwarze mit auffällig hellem Teint. Sie wird in Staaten hineingeboren, die sich wieder Vereinigte nennen, aber auch fünf Jahrzehnte nach dem furchtbaren Bürgerkrieg längst nicht eins mit sich sind. Da gibt es den offen rassistischen Süden der Baumwollfelder und den siegreichen, sich industrialisierenden Norden, der menschlich sein will, ohne es schon zu sein. Es ist ein Land, in dem die Melodramen Hollywoods noch keine Farbe haben, in dem Kontraste mehr zählen als Nuancen. Jede Schattierung der Haut wirft einen Schatten auf die Person.

Billie Holiday erhebt die Zwischentöne zu ihrer Kunst. Sie kann simplen Schlagern Tiefe geben. Sie kann jedes Wort drehen und dehnen, kann mit ihrem Timbre und ihrem Timing seine Bedeutung verschieben, ja verkehren. Schnulzen gedemütigter Frauen, die ihren Männern hinterherweinen und doch nicht loslassen können, weil es ja Liebe ist, transformiert sie in ergreifende Balladen zwischen persönlichem Schicksal, entfesseltem Eros und ätzender Gesellschaftskritik, ohne dass recht zu verstehen wäre, wie sie das macht.