Ob er woanders leben könne? Niemals, soll Miles Davis gesagt haben. "Ich liebe New York. Ich liebe den Lärm. Ich kann ohne Lärm nicht schlafen. Ich kann ohne Lichter nicht schlafen. Ich kann ohne New York nicht schlafen. Ich würde New York nie verlassen. Niemals. Niemals, niemals, niemals, niemals, niemals, niemals, niemals."

Frank Sinatra wollte immer nur aufwachen in einer Stadt, die niemals schläft: New York, New York!

Der Trompeter und der Sänger haben die Stadt schließlich doch verlassen. Wie Benny Goodman und Glenn Miller, wie Charlie Parker und Charles Mingus, wie Duke Ellington und Thelonious Monk. Irgendwann knackt die Nadel in der Auslaufrille. Das war es dann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

Ihr New York aber ist immer noch da, schwarz-weiß in unseren Köpfen. Der Swing, die Ballrooms, die verrauchten Clubs unter den Wolkenkratzern, die schimmernden Saxofone, der Schweiß auf der Stirn, die Schellackplatten, die Gangster, die gerillten Riesenmikrofone, die blaue Stunde: Oh Lord, please let this last!

Die Stadt, in der vor, neben und nach dem Zweiten Weltkrieg alles geht, was man sich vorstellen kann, im Guten wie im Schlechten, ist Inbegriff der westlichen Moderne zwischen Allmachtsfantasie und Blues.

Unter den Musikern, die diesen Mythos geprägt haben, sticht eine Frau heraus, die selber mythische Züge trägt. Billie Holiday. Wie viele Beschreibungen sie auf sich zieht! Sie sei heiter, energisch, empfindsam, erfolgreich, naiv, lüstern, scheu, hilflos, freundlich, ständig pleite, kriminell, versoffen, ein Wrack. Aus Not und Armut kometenhaft aufgestiegen, vom Rauschgift wie vom Rassenhass zu Fall gebracht, bis heute unvergessen.

Spulen wir den Film ihres Lebens zurück und werfen einen Blick auf diese große Sängerin des Jazz, die am 7. April 2015 hundert Jahre alt würde.

Zunächst fällt auf, wie unscharf alles von Beginn an wirkt und wie grob geschnitten. Viele Szenen scheinen nicht zusammenzupassen, ausgedacht zu sein, die Realität zu überzeichnen. Das Drehbuch ergibt sich aus Biografien, Zeugenaussagen und Zeitungsartikeln, aus Liedern und Bildern. An Materialien fehlt es wahrlich nicht. Viele beziehen sich aufeinander, ohne ihre Gegensätzlichkeit dadurch zu mindern.

Wer Billie Holiday ist, scheint sich auch im Rückblick kaum eindeutig sagen zu lassen. Es sei denn, man lässt möglicherweise Wahres neben vielleicht Falschem stehen. Jazz ist ja eine Kunst des Ungenauen. Da muss nicht jeder Ton stimmen.

Sie kommt in Philadelphia zur Welt als eine Schwarze mit auffällig hellem Teint. Sie wird in Staaten hineingeboren, die sich wieder Vereinigte nennen, aber auch fünf Jahrzehnte nach dem furchtbaren Bürgerkrieg längst nicht eins mit sich sind. Da gibt es den offen rassistischen Süden der Baumwollfelder und den siegreichen, sich industrialisierenden Norden, der menschlich sein will, ohne es schon zu sein. Es ist ein Land, in dem die Melodramen Hollywoods noch keine Farbe haben, in dem Kontraste mehr zählen als Nuancen. Jede Schattierung der Haut wirft einen Schatten auf die Person.

Billie Holiday erhebt die Zwischentöne zu ihrer Kunst. Sie kann simplen Schlagern Tiefe geben. Sie kann jedes Wort drehen und dehnen, kann mit ihrem Timbre und ihrem Timing seine Bedeutung verschieben, ja verkehren. Schnulzen gedemütigter Frauen, die ihren Männern hinterherweinen und doch nicht loslassen können, weil es ja Liebe ist, transformiert sie in ergreifende Balladen zwischen persönlichem Schicksal, entfesseltem Eros und ätzender Gesellschaftskritik, ohne dass recht zu verstehen wäre, wie sie das macht.

Was sie zum Klingen bringt, sind die Widersprüche Amerikas

Noten liest sie nicht, sie spürt Schwingungen. Sie variiert Zeilen, die sie Mal um Mal gehört hat, und singt nur, was sie fühlt. Sie legt dasselbe Lied immer anders an, weil ihr Empfinden nie dasselbe ist. Sie findet sich manchmal weinend hinter der Bühne wieder, während draußen der Beifall tobt oder Stille herrscht, weil sich die Ergriffenheit nicht lösen will.

"Gib mir ein Lied, bei dem ich etwas fühlen kann, und es wird mir nie Arbeit machen", sagt sie. Man sehe sich nur einmal bei YouTube an, wie sie 1957 ihr Fine And Mellow singt – siebeneinhalb Minuten verzweifelter Lust und Melancholie.

Was Billie Holiday zum Klingen bringt, sind die Widersprüche Amerikas. Sie kann ihr Publikum gleichermaßen betören wie verwirren. Sie ist ein gefallenes Mädchen und eine Diva. Sie ist eine lebenskluge Frau und eine vollgedröhnte Abhängige, die auf die Bühne geführt werden muss. Sie ist immer einsam und nie allein, weil sie immer einen Zuhälter findet, der sie verprügelt. Irgendwann schenkt sie ihr Herz einem Hund. Mister nennt sie den Boxer. Er wartet in der Garderobe auf sie. Sie teilt ihre Drogen mit ihm.

"Meine Urgroßmutter war die Mätresse eines Weißen, seine Geliebte, seine Frau in wilder Ehe oder wie auch immer man es nennen will. Seine Sklavin auf der Plantage war sie allerdings auch. Sie hatte ihr eigenes kleines Haus am Ende der Plantage gehabt, während Charles Fagan, der stattliche Plantagenbesitzer, mit seiner Frau und seinen Kindern im großen Haus lebte. Sie bekam sechzehn Kinder von ihm."

Solche Sätze sagt sie William Dufty, dem Reporter, der 1956 ihre Autobiografie Lady Sings The Blues für sie schreibt.

Dufty ist ein Boulevardmann der New York Post. Er zielt auf Wirkung. Das Krasse kommt gut an, das Buch wird ein Welt-Bestseller, bis heute ist es erhältlich, von Frank Witzel für die Edition Nautilus schmissig ins Deutsche übersetzt.

"Shit, man, I ain’t never read this book", schimpft sie, als es erscheint. Scheiße, Mann, ich hab’s nie gelesen! Abseits der Bühne spricht sie in Flüchen, und dies ist ihre verdammte Wahrheit. Aber der Verlag hat das Buch Seite für Seite von ihr abzeichnen lassen, um sich gegen Klagen zu wappnen. Und später präsentiert sie es stolz in der Carnegie Hall vor großem Publikum.

Billie habe ständig Geschichten erfunden, erinnert sich Carl Drinkard, ihr Pianist zu jener Zeit. "Sie wiederholte sie und veränderte Einzelheiten, und sie hat eine Geschichte so oft erzählt, bis sie allmählich selbst daran glaubte. Sie erzählte sie so, wie sie es am eindrucksvollsten fand, und wenn die Geschichte dadurch jeden Anschein von Wahrheit verlor, war ihr das völlig egal."

Drinkard sagt das in Julia Blackburns 2005 erschienener Gesprächssammlung Billie Holiday, in der nur Freunde, Feinde und Wegbegleiter zu Wort kommen – und einander so lange widersprechen, bis allein gefühlte Wahrheit übrig bleibt.

Ihre Urgroßmutter, sagt Billie Holiday, habe sie in das Schwarz und Weiß des Lebens eingeführt, "was es heißt, Sklave zu sein und mit Haut und Haar von einem weißen Mann besessen zu werden, der der Vater ihrer Kinder war".

Sie zelebriert diese Geschichte als Urgrund ihrer Zerrissenheit. Ihre kaum dokumentierte Kindheit in Philadelphia und Baltimore schildert sie als eine Serie furchtbarer Episoden. Bei ihrer Geburt sei der Vater 15 gewesen, die Mutter 13. Nun, ein paar Jahre älter waren sie schon, wie man inzwischen weiß. Er ein Streuner, sie ein Dienstmädchen, die Tochter in der Obhut wechselnder Verwandter. Die erste Vergewaltigung erlitten mit zehn Jahren, zur Strafe Einweisung in eine katholische Besserungsanstalt, später bei Weißen Treppen putzen für karges Geld. Als Halbwüchsige folgt sie der Mutter nach New York, findet Beschäftigung in einem Bordell, schätzt die saubere Bettwäsche, das gute Einkommen und das Grammofon, an dessen Trichter sie hängt: der sonnige Louis Armstrong, der Blues der Bessie Smith.

Sie singt lange vor sich hin, bevor sie zum ersten Mal einen Dollar dafür zugesteckt bekommt, in Harlem, dem schwarzen Manhattan. Sie geht in den Bars von Tisch zu Tisch, singt im Grey Dawn, im Brownie’s, im Clam House, im Pod’s and Jerry’s, im Nest Club, im Hot Cha. Die Namen der Lokale können sich täglich ändern, denn sie werden sofort geschlossen, wenn die Polizei kommt. Tags darauf sind sie dann wieder da, heißen nur anders. Es ist die Zeit des absoluten Alkoholverbots, der Prohibition, und in den Hinterzimmern gibt es Bier mit Äther.

Sie wohnt mit der Mutter, die auf ewig Clarence nachtrauert, ihrem ersten Mann, Billies Vater. Der ist inzwischen ein leidlich erfolgreicher Gitarrist mit wechselnden Liebschaften; er zürnt Billie, wenn sie sich im Kreise seiner jungen Groupies als Tochter zu erkennen gibt. Gib mir Geld, fordert sie, dann halte ich die Klappe. Sie bekommt es.

Sadie, die Mutter, heißt mit Nachnamen Harris-Fagan, Billie aber nennt sich Holiday nach dem Vater. Auch den Vornamen hat sie sich gewählt. Ursprünglich Eleanora, ruft der Vater sie Bill, weil sie so ein wildes Mädchen ist. Und Billie heißt die Stummfilmkönigin, für die sie schwärmt, Billie Dove. So erfindet sich ein schwarzes Mädchen eine zukunftsträchtige Identität, die man heute auf der ganzen Welt kennt.

Es ließen sich nun die Namen all der Männer aufzählen, denen Billie sich hingibt, bei denen sie Halt sucht, die sie zum Teufel jagt. Es sind sehr, sehr viele. Ein paarmal verheiratet ist sie auch. Sie liebt, wie sie singt, voller Sehnsucht und Schmerz.

Das beste Verhältnis hat sie zu Lester Young, dem Poeten des Saxofons, der ihr ein Bruder ist, kein Liebhaber. Ihre Stimme und sein Ton, das klingt magisch zusammen. Er, der allen seinen Musikern Spitznamen gibt, nennt sie Lady Day. Sie nennt ihn Pres, von President, und gemeinsam trinken sie ihren Lieblingsdrink Himmel und Hölle, halb Rotwein, halb Gin.

Lady Days Karriere ist eine Achterbahn. Im Jahr 1937, als 22-Jährige, tourt sie mit Artie Shaw und seiner Big Band durch die Weiten Amerikas. 16 weiße Musiker und eine schwarze Sängerin, das hat es noch nie gegeben. Und viele, die sie unterwegs treffen, Veranstalter, Zuschauer, Ordnungshüter, reagieren voller Wut auf dieses Zeichen der neuen Zeit. Eine Schwarze in unserem Hotel? Eine Schwarze bei uns im Restaurant? Eine Schwarze bei uns aufs Klo? Eine Schwarze in unserem Lift? Sie soll den Lastenaufzug nehmen! Und wenn sie ins Haus will zur Bühne: durch den Hintereingang! Manchmal darf sie nicht einmal auftreten. Dann sitzt sie allein draußen im Bus und hört ihre Männer ohne sie spielen.

"Der erste bedeutende Protest in Wort und Musik"


Als sie einmal mit der schwarzen Big Band von Count Basie im von Rassenunruhen geschüttelten Detroit auftreten soll, ist sie dem Veranstalter zur Abwechslung nicht schwarz genug. Die Sängerin sehe zu gelb aus, bekommt der Bandleader zu hören. Man könnte sie für eine Weiße halten. Also drücken sie Lady Day schwarze Creme in die Hand. Sie bebt, sie tobt. Dann schwärzt sie sich ein.

"Du kannst bis zu den Brüsten in weißer Seide stecken, mit Gardenien im Haar, kein Zuckerrohr weit und breit, und trotzdem immer noch auf einer Plantage arbeiten", heißt es in ihrer Autobiografie. Mehr als einmal schmeißt sie alles hin, weil sie die Anfeindungen nicht erträgt.

Ende der dreißiger Jahre eröffnet in Greenwich Village in Manhattan ein Club, der zwischen Schwarz und Weiß keinen Unterschied mehr macht. Jeder darf hinein, egal welcher Hautfarbe. Das Café Society beschreibt sich spöttisch als "der richtige Ort für die falschen Leute".

Im Frühjahr 1939 kommt hier ein junger Lehrer auf Billie Holiday zu, Lewis Allan. Er habe einen Song geschrieben, ob sie ihn nicht singen wolle. Es ist Strange Fruit, ein unerhörtes Lied:

Southern trees bear a strange fruit
Blood on the leaves and blood at the root
Black bodies swinging in the southern breeze
Strange fruit hanging from the poplar trees

An den Pappeln des Südens hängen seltsame Früchte, Blut auf den Blättern, Blut an der Wurzel, schwarze Körper im Wind. Es sind die blutigen Opfer des lynchenden Mobs. In Billie Holidays Geburtsjahr hat sich der Ku-Klux-Klan neu gegründet; 1924, als sie neun ist, hat er so viele Mitglieder wie nie zuvor: vier Millionen.

Columbia, ihre Plattenfirma, verweigert die Aufnahme . Das lasse sich im Süden nicht verkaufen. Ein kleines, linkes Ein-Mann-Plattenlabel, Commodore, bringt das Lied heraus. Der Jazzkritiker Leonard Feather schreibt 1972, drei Jahrzehnte später: "Dies war der erste bedeutende Protest in Wort und Musik, der erste nicht erstickte Aufschrei gegen den Rassismus." Die Bürgerrechtlerin Angela Davis schreibt 1998: "Diesen tief bewegenden Appell gegen das Lynchen hörten sie letztlich Millionen singen – mehr, als sie sich je hätte vorstellen können. Sie konnte nicht vorhersehen, dass dieses Strange Fruit Menschen so antreiben würde, einen bis dahin in ihnen schlummernden Ruf nach politischer Aktivität zu entdecken, aber das tat es, und das tut es."

Genauso gut taugt sie als Vorbild für Amy Winehouse

Ist Billie Holiday also eine Bürgerrechtlerin? – Sie macht Platten, kein Manifest. Sie schreibt kaum ein Lied selbst und ansonsten nur Einkaufszettel. Ihre letzte Sekretärin, Alice Vrbsky, kann einen retten: "75 Watt (2), 60er-Birne, Zucker, Brot, 12 Eier, 4 Klopapier, ½ Schinken, 2 Stück Camy, 2 Stück Lux, 1 großes Lestol, 1 Comet, Brathuhn, bisschen größer."

Der englische Jazzkritiker Max Jones, der Billie Holiday in den fünfziger Jahren zweimal begegnet, spricht mit ihr über "Musik, Alk, Sex, Drogen, Politik, Gangster, Filmschauspieler, Clubbesitzer, Schriftsteller und die Schickeria. Und über Hunde und Kleider und Einkäufe."

Sie gibt sich, bei allem Hang zur Erfindung, keine Mühe, jemand anderes zu sein, als sie ist.

Dennoch oder deswegen wird sie vielen Sängerinnen zum Vorbild. "Sie ist eine der größten Feministinnen und politischen Aktivistinnen des 20. Jahrhunderts", schwärmt Neneh Cherry 2003. Joan Baez, Emmylou Harris, Suzanne Vega und Tori Amos preisen ihre Schönheit, ihre Würde, ihren freien Geist und fragen sich, wie sie die Welt verändern würde, wenn sie noch am Leben wäre.

Aber taugt sie als Vorbild nicht genauso gut für Amy Winehouse? They tried to make me go to rehab /But I said no, no, no.

Billie Holiday schenkt dem Protest ein Lied, sie führt ihn nicht an. Sie ist Künstlerin, keine Aktivistin. Sie hat genug mit sich selbst zu tun, mit ihrer Labilität und Verlorenheit, mit Heroin und Kokain. Entzugsversuche, Rückfälle, Razzien, Vernehmungen, Auftrittsverbote, Haft, der Ärger nimmt kein Ende. Die weißen Drogenfahnder sind hinter ihr her; sie deutet es als Rache für Strange Fruit.

Im Jahr 1954 schafft sie es über den Atlantik, singt in Kopenhagen, London, im vom Krieg zerstörten Berlin. Europa, das sind "40 Konzerte in 30 Tagen", wenn man ihr glauben darf, und sie trifft auf "Menschen, die schon seit Jahren meine Verehrer waren, die mich liebten und mich behandelten, als wäre ich zurück nach Hause gekommen". Auch die Kritiker in Europa, schwärmt sie, verstünden mehr von Musik. "In Amerika bedeutet man nichts, bis man tot ist, dann allerdings ist man der Größte."

Auf tragische Weise behält sie damit recht. Nach einer zweiten Europatournee, die sie kaum durchsteht, bricht sie zusammen und wird in ein New Yorker Hospital eingeliefert. Sie ist ans Bett gefesselt, zwei Polizisten bewachen das Zimmer. Man hofft bis zuletzt auf ihre Genesung, um sie wegen Drogenbesitzes einmal mehr vor Gericht zu stellen. Sie stirbt in der Nacht auf den 17. Juli 1959. Zu ihrer Beerdigung in der Bronx kommen 3.000 Gäste. Es gibt keine Musik. Niemand singt.