Der Prenzlauer Berg beherbergt mindestens ebenso viele Menschen wie Klischees. Je nach persönlicher Vorliebe und Erwartungshaltung entdecken Besucher des bunten Berliner Viertels dort vor allem kreative Gründer und Kleinunternehmer, radikale Gegner der Masernimpfung oder Latte macchiato trinkende Mamis mit teuren Kinderwagen.

Wer aber nur sieht, was er ohnehin sehen will, würde jemanden wie Georg Wurth niemals wahrnehmen. Viel zu unauffällig wirkt der 42-Jährige mit seinem schmalen Gesicht und den raspelkurzen Haaren. Auch sein Büro im Erdgeschoss eines Altbaus in der Rykestraße wirkt wenig glamourös, einziger Schmuck ist eine Yuccapalme in der Ecke. Man hätte dort eher ein paar Cannabis-Stauden erwartet.

Wurth ist Chef des Deutschen Hanfverbands (DHV). Er wirbt also für ein Produkt, das für die allermeisten Bundesbürger gar nicht erhältlich ist – zumindest nicht legal. Das macht ihn zum Revoluzzer in der Berliner Lobbyistenszene, die sonst eher aus Vertretern arrivierter Branchen besteht. Wurths Mission: eine Droge, die unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, zum erlaubten Genussmittel zu machen (siehe u.a. ZEIT 10/15). Wie Alkohol. Wie Nikotin. Genauso sehen es die Grünen, die in der vergangenen Woche einen Gesetzentwurf zur Legalisierung von Cannabis ins Parlament eingebracht haben.

Der ehemalige Lokalpolitiker spricht akzentfreies Behördendeutsch

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

"Es gibt keine vernünftigen Gründe, am Verbot festzuhalten", erklärt Wurth. Millionen Erwachsene, die zum Feierabend hin und wieder einen Joint rauchen, würden kriminalisiert. Dabei sei Cannabis für sie, in Maßen konsumiert, weitgehend harmlos. Wurth betrachtet die Droge sogar als eine Art Chillout-Zone inmitten der Leistungsgesellschaft: "Cannabis hilft den Menschen, sich zu entspannen. Unsere Volkswirtschaft profitiert von Arbeitnehmern, die in der Lage sind, auch einmal abzuschalten." Kiffen für mehr Wachstum – eine in der Debatte ungewöhnliche Botschaft.

Im vergangenen Jahr wurde der Hanfverband, der bis dahin allenfalls Drogenexperten ein Begriff war, deutschlandweit bekannt. Wurth ließ Kinowerbung in mehr als 200 Städten zeigen. Scharfe Statements gegen das Cannabisverbot waren das. So wie das "Scarface"-Szenario, das demonstrieren sollte, wie Prohibition gefährlichen Drogenkartellen in die Hände spielt. In dem Spot fuchtelt ein durchgeknallter Mafioso, der mit Marihuana reich geworden war, wild mit einer Knarre herum.

Das Geld für die Werbekampagne hat Wurth im Fernsehen aufgetrieben. Ein Dreivierteljahr zuvor hatte er die Millionärswahl gewonnen, eine Castingshow von ProSiebenSat.1, in der Underdogs kuriose Projekte vorstellen durften. Die Show war ein Flop, doch das Preisgeld ebnete Wurth und dem Verband den Weg in die Öffentlichkeit. Der hatte bis dahin durch Mitgliedsbeiträge und Spenden nicht mehr Jahreseinnahmen erzielt als ein kleiner Handwerksbetrieb. Nun hatten sie eine Million Euro.

Im Gründungsjahr 2002 sei er noch "Deutschlands einziger hauptberuflicher Hanflobbyist" gewesen, sagt Wurth und inhaliert den Tabakdampf einer E-Zigarette. Heute beschäftigt er vier Angestellte.

In seinen frühen Zwanzigern hat er sich noch mit den Paragrafen der Abgabenordnung befasst. An der Fachhochschule für Finanzen im münsterländischen Nordkirchen studierte er Steuerrecht, strebte eine Laufbahn im gehobenen Dienst beim Fiskus an. Eine Vollkasko-Karriere, die er jedoch nie antrat. "Zu langweilig", fand er. Denn schon während des Studiums hatte er seine Leidenschaft für Politik entdeckt. In seiner Heimatstadt Remscheid saß er für die Grünen in politischen Gremien. Im Alter von 24 Jahren, kurz nach seinem Diplom, wurde er sogar Vorsitzender der Ratsfraktion. Er stritt um neue Bushaltestellen und Tempo-30-Zonen, diskutierte mit Aufsichtsräten von Stadtwerken und Abfallbetrieben. Die Jahre in der Provinz waren lehrreich: Wurth ist heute erprobt in der Hinterzimmerkommunikation mit Amtsträgern und spricht akzentfreies Behördendeutsch. Eine seltene Kombination in der zur Esoterik neigenden Legalisierungsbewegung.

Das Thema Gras entdeckte er 1996, wagte als Kommunalpolitiker und Gelegenheitskiffer ein öffentliches Experiment: Wurth legte 3,29 Gramm Marihuana in seinen Küchenschrank und zeigte sich selbst wegen Drogenbesitzes an. Ein Gericht verurteilte ihn schließlich zu 600 Mark Geldstrafe auf Bewährung. Wurth, eigentlich ein bedächtiger Typ, regt sich darüber heute noch auf: "Wegen ein paar Gramm Gras soll man ein Straftäter sein?!"

Nach dem Prozess dreht Wurth als grüner Drogenpolitiker auf. In NRW gründet er eine Landesarbeitsgemeinschaft, wenig später wird er Gründungsmitglied des Bundesnetzwerks Drogenpolitik. Er marschiert auf Demos und verteilt Flyer in Fußgängerzonen. Nach einer zehnmonatigen Weltreise gewinnt er die Erkenntnis, dass es noch andere Wege geben muss. Er beendet die Parteiarbeit und gründet mit ein paar Aktivisten den Hanfverband.