Das Haar blond gefärbt, die Augen blau ummalt, sitzt Geneviève Blanc frühmorgens im Café des Burgstädtchens La Verdière. Ihre Zigarette im Mundwinkel, ruft sie dem heranradelnden Reporter zu: "Na, wie waren die Radwege?" Der hält an und weiß keine Antwort. "Eben, weil es bei uns noch keine Radwege gibt. Wir vom Front National wollen das ändern." Marine Le Pens rechte Partei als Interessenvertreterin der Radfahrer?

In La Verdière ist der Front National (FN) auch das. Madame Blanc, 50 Jahre alt und Kandidatin für die Departement-Wahlen, spricht über Radwege wie eine Grüne, über den reichen Burgbesitzer wie eine Linke, über das aussterbende Dorfleben wie eine Konservative. Und über das politische System, Europa und die Ausländerfrage redet sie als Rechtsradikale. Am vergangenen Wochenende holte sie damit in ihrem Wahlkreis 38,3 Prozent, die nächsten Konkurrenten lagen bei 25,8 Prozent. Am heutigen Sonntag will sie die Stichwahl gewinnen.

Eigentlich sind Wahlen in den Departements die unwichtigsten von allen in Frankreich. Lange Zeit waren sie auch kein Spielfeld des FN, der nicht genug Kader hat, um in Städten und Gemeinden flächendeckend zu agitieren. Diesmal aber stellte die rechtsradikale Partei alle möglichen Leute auf, unbekannte, unpolitische, ungeschickte – die Partei erhielt trotzdem jede vierte Stimme. Denn die Wähler dachten nicht ans Lokale, sondern ans Nationale.

Der FN wurde nach der bürgerlichen Rechten die zweitstärkste Partei; die sozialistische Regierungspartei kam nur auf 21,8 Prozent. Heute kann der FN in rund der Hälfte der Wahlkreise in die Stichwahl gehen: Dieser Erfolg hat die Departement-Wahlen auf einmal bedeutsam werden lassen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

Die Immobilienmaklerin des Dorfes, Jacqueline Pagès, kommt am Café vorbei. Die Frauen begrüßen sich mit Wangenküsschen. "Geneviève und der Front National stehen heute als Einzige für Optimismus", sagt Pagès und legt ihren Arm um sie. Von der Terrasse des Cafés schauen sie auf den Bergzug Sainte-Victoire. Paul Cézanne malte ihn im 19. Jahrhundert immer wieder und schuf damit Grundlagen der modernen Malerei. Picasso ließ sich im Schatten des Berges begraben. Die Résistance gegen die Nazis erblühte in der Provence ebenso wie der Mythos Brigitte Bardot. Sie rekelte sich im Jahr 1956 für den Streifen Und immer lockt das Weib am Strand von Saint-Tropez – Szenen, die den Beginn der sexuellen Revolution markierten.

Die Provence und das Departement Var, in dem Geneviève Blanc kandidiert, gehören zum aufgeklärten, weltzugewandten Europa. Doch es hat sich etwas verschoben.

In vielen Bergdörfern des Var, wo die Bauern einst stolz auf ihre revolutionären Traditionen waren, klebt heute nur noch eine Partei Plakate: der FN. In den wohlhabenden Weindörfern der Region, seit je stramm rechts, geben die Rechtsradikalen inzwischen ebenso den Ton an wie in den ehemals linken provenzalischen Bergarbeiterstädtchen. Das gilt erst recht für die mondänen Küstenorte, wo sich zugezogene Wohlhabende aus ganz Frankreich nach einem Leben ohne politische Verantwortung, Drogen und Ausländer sehnen. Im Var gewann der FN 38,9 Prozent der Stimmen im ersten Wahlgang, das ist mehr als in jedem anderen Departement.

Der Var ist keine Krisenregion. Er empfängt allein wegen der Côte d’Azur jedes Jahr neun Millionen Touristen, nur Paris hat mehr Besucher. Die Arbeitslosigkeit liegt zwar leicht über dem nationalen Durchschnitt, aber die Wirtschaft wächst – alles in allem ein anderes Bild als in den verarmten, von der Industrie verlassenen Regionen anderswo in Frankreich, wo der FN bisher seine Hochburgen eingerichtet hat.