Endlose Ferienwochen, in denen man stundenlang herumsaß und nichts mit sich anzufangen wusste – an so etwas erinnern sich heute höchstens noch die über 30-Jährigen. Für alle Jüngeren wird Langeweile zunehmend zu einem unbekannten Geisteszustand. Schließlich trägt man doch ständig ein Handy in der Tasche – und wenn nichts los ist, zieht man es reflexhaft heraus und checkt WhatsApp, liest Facebook oder spielt Angry Birds. So wird die Langeweile abgeschafft. Das klingt erst einmal gut – aber es verhindert einen wichtigen Betriebsmodus unseres Gehirns.

Laut einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov ziehen 44 Prozent der Deutschen automatisch ihr Mobiltelefon aus der Tasche, wenn sie nichts weiter zu tun haben, weil sie zum Beispiel auf den Bus warten. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es sogar 73 Prozent. Wer das tut, richtet seine Aufmerksamkeit nach außen, obwohl sich ihm eine gute Gelegenheit bietet, sie nach innen zu wenden. "Diese beiden Formen der Aufmerksamkeit funktionieren wie ein Schalter", schrieb der Psychologe Daniel Willingham von der University of Virginia kürzlich in der New York Times. "Wenn die eine eingeschaltet ist, dann ist die andere ausgeschaltet." Handys machen uns nicht dumm, so seine These, sondern sie stillen unseren "Appetit auf endlose Unterhaltung". Die Folge: Auszeiten fürs Gehirn schwinden – und damit die Gelegenheiten für Geistesblitze.

Denn gerade in den Phasen des ungerichteten Denkens sehen Psychologen eine Quelle der Kreativität. Viele Menschen erzählen, dass ihnen die besten Ideen bei Routinetätigkeiten kommen – beim Duschen, beim Autofahren, beim Aus-dem-Fenster-Gucken im Zug. Wer nicht gerade ein Zen-Mönch ist, der kann nicht verhindern, dass in diesen Situationen das Gehirn unentwegt Ideen fabriziert. Das können sehr unproduktive Gedankenschleifen sein, die sich immer wieder um die gestrige Konfrontation mit dem Chef drehen – aber eben auch Gedankenblitze, die ein lange hin und her gewälztes Problem plötzlich lösen.

"Ich habe irgendwann festgestellt, dass ich mich seit sieben Jahren nicht gelangweilt habe", sagt Manoush Zomorodi, eine Journalistin, die beim New Yorker Radiosender WNYC ein Technik-Blog betreibt. "Seit dem Tag, an dem ich ein Smartphone bekommen habe." Auch ihre beiden Kinder begännen sofort nach Mamas Telefon zu betteln, wenn Langeweile auch nur drohe. "Und ich schäme mich, zuzugeben, dass ich es ihnen oft gebe."

Zomorodi entwickelte einen Sechs-Stufen-Plan, um diesen Handy-Reflex einzudämmen. Im Februar forderte sie ihre Hörer eine Woche lang jeden Tag zu einer neuen Übung auf. Am ersten Tag sollten sie das Telefon in der Tasche lassen, wenn sie sich von A nach B bewegten. Tag 2: Keine Handy-Fotos! Tag 3: Eine besonders häufig genutzte App löschen! Tag 4: Weder E-Mails noch Soziale Netzwerke checken! Tag 5: Bewusst nach kleinen Beobachtungen suchen, die beim steten Blick aufs Handy entgangen wären! Und schließlich, am letzten Tag: "Setze einen ordentlich gefüllten Topf mit Wasser auf den Herd und schaue dabei zu, wie es zum Kochen kommt."

Klingt banal? Viele der 19 000 Teilnehmer berichteten von befreienden Erfahrungen. Vor allem wurde ihnen bewusst, wie sehr sie mit ihrem Smartphone bereits verwachsen waren. "Es gibt Tage, da erwische ich mich dabei, dass ich das Handy nur in der Hand halte, ohne offensichtlichen Grund", kommentierte eine Teilnehmerin. "Als wäre es eine Schmusedecke." Ein anderer pflichtete ihr bei: "Ein Schnuller für die Hand."