Was mich wundert, jetzt, da der Kaufvertrag unterschrieben und die Doppelhaushälfte bezogen ist: dass uns niemand gewarnt hat. Freunde, Kollegen, Familie, sie alle plädierten für Kaufen oder jedenfalls nicht dagegen. Obwohl wir wenig über die Immobilienpreise in Wentorf bei Hamburg wussten. Obwohl wir kaum Zeit für die Entscheidung hatten. Und obwohl der Kauf schon deswegen teuer war, weil das Land Schleswig-Holstein 6,5 Prozent des Preises als Grunderwerbssteuer verlangt und die Maklerin rund sechs Prozent Provision abgerechnet hat. "Frechheit", meinte ein guter Freund, selbst Eigentümer eines renditeträchtigen Mehrfamilienhauses in Halle, "aber ihr könnt nicht viel falsch machen bei dem Hammer-Zins."

Dieser "Hammer-Zins" lockt in diesen Tagen viele Menschen wie uns: Tausende Deutsche nahmen in den vergangenen Jahren ein Darlehen auf, um ihren Hauskauf zu finanzieren; im Dezember 2014 laut Bundesbank im Schnitt zu 2,22 Prozent Zinsen. Das sind Konditionen, von denen meine Eltern nur träumen konnten: Sie haben ihr Leben lang lieber zur Miete gewohnt. Verschiedene Banken boten uns anfangs zwischen 1,99 und 2,67 Prozent; am Ende unterschrieben wir für 1,73 Prozent. Bei einer Zinsbindung von 15 Jahren wohlgemerkt. Das bedeutet: Sollten die Zinsen in dieser Zeit steigen, kann uns das egal sein. Und weil wir nach zehn Jahren aus dem Vertrag aussteigen können, bleiben uns fünf Jahre Zeit, eine günstige Anschlussfinanzierung zu besorgen.

Die Kehrseite des günstigen Geldes: hohe Hauspreise. Glaubt man dem Immobilienindex von ImmobilienScout24, sind sie in Hamburg seit dem Jahr 2007 um mehr als 30 Prozent gestiegen. Ob das so weitergeht? Fraglich. Ob wir mit Aktien mehr Rendite erzielt hätten? Vermutlich. Ob wir zu teuer gekauft haben? Möglich. Ob wir ein "Klumpenrisiko" eingegangen sind, weil unser Erspartes nun in unseren vier Wänden steckt? Wahrscheinlich.

Aber uns bestärkt eine einfache Rechnung: Würde man die Doppelhaushälfte vermieten, würde sie über 20 Jahre annähernd so viel Kaltmiete einbringen, wie wir für sie bezahlt haben. Wir sind optimistisch, dass die Miete Zins und Tilgung deckt. Sollten wir umziehen, wäre das Haus keine allzu schlechte Geldanlage – vorausgesetzt, es fallen keine teuren Reparaturen an.

Wobei: Eigentlich wollen wir nicht wieder weg. Und das ist vielleicht der wichtigste Grund: Das Haus gefällt uns – es hat einen großen Garten und einen gemütlichen Kachelofen. Die Nachbarn sind nett, der Kindergarten ist nicht weit entfernt. Nebenbei hat es uns die lange Suche nach einer bezahlbaren Mietwohnung und kinderlieben Vermietern erspart. Und wir haben reichlich Platz für Gäste. Vielleicht haben deshalb alle "Kaufen" gerufen. Die ersten Freunde jedenfalls haben sich schon angekündigt.

Jens Tönnesmann