DIE ZEIT: Frau Fahimi, Herr Buschkowsky, ist Integration in Deutschland gescheitert? Ist Neukölln überall?

Heinz Buschkowsky: Mein Buchtitel Neukölln ist überall ist eine Botschaft an all diejenigen, die zu Haus im Sessel sitzen und nach einem Fernsehfilm über reale Lebensbedingungen sagen: "Gell Mutti, es ist schön, dass wir da nicht leben." Es ist die Aufforderung, sich doch einmal umzusehen im Nachbarkiez der eigenen Stadt wie zum Beispiel Kiel-Gaarden, Hamburg-Veddel, Bremerhaven, Duisburg-Marxloh, Dortmund-Nord, Essen-Katernberg, oder in anderen Städten wie Mannheim und vielen anderen mehr. Man trifft dort überall auf die gleichen oder sehr ähnliche Milieus: perfekte Parallelgesellschaften, in denen man die deutsche Sprache zur Alltagsbewältigung nicht benötigt und in denen unsere Lebensart als sündig verpönt ist. Hier gelten eigene Wertewelten, die mit den Prinzipien einer westlichen Demokratie wenig zu tun haben. In den überreligiösen muslimischen Gruppierungen sind sie sogar das Feindbild schlechthin.

Yasmin Fahimi: Das geht mir zu weit. Die Segregation von Migranten ist nicht zu bestreiten. Das Problem können wir nur über einen längeren Zeitraum lösen. Aber es ist kein Problem, das allein mit dem Islam zusammenhängt. Wenn Neukölln überall wäre, dann hätten wir keine 16,5 Millionen Deutsche mit sogenanntem Migrationshintergrund in unserem Land, die bestens integriert sind. Wie unter anderem ein Bezirksbürgermeister namens Buschkowsky und eine SPD-Generalsekretärin namens Fahimi belegen. Das meine ich mit stiller Integration, die wir viel zu wenig zur Kenntnis nehmen. Ich möchte weg davon, Zuwanderung stets als Defizit zu beschreiben. In der öffentlichen Wahrnehmung sind Ausländer entweder immer nur Täter oder immer nur Opfer. Ich will sie als aktive, mündige und stolze Bürger dieses Landes sehen. Wir brauchen einen modernen Patriotismus, für den die Zuwanderer gerne Deutsche werden wollen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

Buschkowsky: Das ist mir zu viel Einwanderer-Kitsch. Natürlich gibt es massenhaft gelungene Integrationskarrieren. Die sind doch nicht unser Thema. Wir müssen uns dort kümmern, wo die Dinge aus dem Ruder laufen und die sozialen Verwerfungen als normal gelten. Wo 15-jährige muslimische Jungs das Lernen mit dem Puppenspielen für Mädchen vergleichen und als ihr Berufsziel Polizist oder Bodyguard angeben: "Jedenfalls irgendetwas, das mit Kämpfen zu tun hat." Die Eltern wollen zwar, dass ihre Söhne Arzt oder Pilot werden, begreifen aber nicht, dass sie selber mit ihrer Erziehung dafür sorgen müssen, dass traditionelle Rollenbilder überwunden werden. Mit Hartz IV kommt man zu keinem großen BMW. Es sei denn, man klaut ihn oder rutscht in die Kriminalität ab. Schulversagen, keine Ausbildung und keine Perspektive machen anfällig für die ethnische Radikalisierung. "Komm zu uns, wir führen ein gottgefälliges Leben, wir stehen als Freunde füreinander ein und kämpfen für Allah!", flöten die Fundamentalisten und Islamisten. Da ist der Weg zum Dschihadisten, dem Gotteskrieger, nicht weit.

Fahimi: Ich bestreite nicht, dass die Verhältnisse in Neukölln genau so sind, wie du sie beschreibst. Mein Punkt ist nur: Das hat nicht in erster Linie mit dem Islam zu tun, und es ist auch nur ein kleiner Teil der Realität von Zuwanderung. Die heutigen Zustände sind das Ergebnis davon, dass wir früher bildungsferne Schichten als Gastarbeiter nach Deutschland geholt und sie auch genau so behandelt haben. Diese Bildungsferne hat sich über die Generationen vererbt – das ist vor allem ein klassisches soziales Problem, das wir ebenso aus deutschen Familien kennen.

Buschkowsky: Das sind die übliche entschuldigende Haltung und die Sicht auf den Einwanderer als Patienten. Ein Webfehler unserer Integrationspolitik: "Integration heißt Angebote machen. Werden diese nicht angenommen, sind die Angebote schlecht." Eine selbstbewusste und aufnahmebereite Gesellschaft ist schon das Angebot. Sie braucht sich nicht noch mundgerecht kleinzumachen. Einwanderer müssen zur Integration bereit sein, sie müssen Teil der neuen Gesellschaft werden wollen. Fordert das eine Gesellschaft nicht ein, so wird sie nicht respektiert werden. Ihre Lebensart verendet auf dem Altar der Beliebigkeit. Das heimatliche Dorf als Ausstellungsstück auf die Kommode stellen und es jeden Morgen abstauben ist der falsche Weg. Einwanderung ist keine Sozialveranstaltung, sie soll die Gesellschaft stärken und inspirieren. Die Verniedlichung der IS-Dschihadisten als nur verirrte junge Leute haut mich fast vom Stuhl. Wir reden hier von Massenschändungen, Geiselexekutionen und Völkermord. Vom Schleifen unwiederbringlicher Kulturgüter und der Errichtung von Kalifaten. Was wir erleben, ist ein Kulturkampf mit der westlichen Welt und ein Glaubenskrieg innerhalb des Islams.