Michel Houellebecq, Schriftsteller, würde Gauck endlich wieder in die Schlagzeilen bringen

Gut, Michel Houellebecq hat das vielleicht gerade nicht nötig, aber fragen kostet ja nix: Wäre er, dieser Mittfünfziger mit Hang zur Polemik, nicht der Mann, der die richtigen Worte finden könnte für die Reden des immerzu auf Ausgleich sinnenden Mittsiebzigers Joachim Gauck?

Houellebecqs Bewerbung gehört im Stapel des Bundespräsidialamts ganz nach oben. Denn, mal ehrlich: Womit könnte der Bundespräsident aus Nordostdeutschland noch richtig Furore machen? Also: so richtig? So, dass die Republik wackelt? Mit einer gewagten Ansprache zu Krieg und Frieden? Hat er schon versucht. Mit einem Rücktritt? Ja, das würde funktionieren, ist aber dann doch ein sehr drastisches Mittel.

Nur ein Skandal-Autor kann Gauck mal eine richtige Skandal-Rede schreiben! Am besten über den Islam, denn damit lässt es sich noch schön provozieren. Joachim Gauck, der Freiheitspräsident, stach ja ausgerechnet bei diesem Thema noch nicht sonderlich hervor – im Gegenteil, er unterbot seinen Vorgänger.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Nr. 13 vom 26.03.2015.

Michel Houellebecq hat ein Buch geschrieben, über das viel gestritten wurde, das den Titel Unterwerfung trägt und davon handelt, wie im Jahr 2022 ein muslimischer Politiker das Amt des französischen Präsidenten übernimmt. Man kann das Buch auf unzählige Weisen lesen, aber es war Gesprächsstoff.

Für den Dichter hätte das Engagement im Bellevue unbestreitbare Vorteile. Nie mehr von Tantiemen abhängig sein (wir reden von einer A-15-Stelle, 5.923,78 Euro Grundgehalt!). Vor allem wäre der Job ein Spaziergang, null Umgewöhnung: Seine Bücher sind ja in aller Regel aus der Ich-Perspektive eines gebildeten Herrn im reifen Alter verfasst.

Katja Kessler, Ehefrau des Bild-Chefs, wüsste Gauck vorm Boulevard zu schützen

Die Bild, das weiß seit dem Drama um Christian Wulffs Rücktritt das ganze Land, kann wesentlich dazu beitragen, Karrieren zu beenden. Sogar die von Bundespräsidenten. Vor den Fallstricken des Boulevards schützt nur eine solide, langfristige Arbeitsbeziehung. Zum Beispiel zu Bild -Chef Kai Diekmann.

Oder wenigstens zu dessen Frau, Ex-Bild-Kolumnistin Katja Kessler. Diese sollte Gauck ans Bundespräsidialamt binden. Sie hatte einst Dieter Bohlen dabei geholfen, eine Autobiografie zu schreiben. Und Bohlen konnte sich anschließend über schlechte Bild- Berichterstattung nicht beklagen. Zuletzt schrieb Kessler ein Buch über die Zeit ihrer Familie in Amerika: Silicon Wahnsinn: Wie ich mal mit Schatzi nach Kalifornien auswanderte. Die Frau hat eine, sagen wir: pfiffige Schreibe. Passt also zu Gaucks Ausschreibung, perfekt sogar.

Ohnehin wird es höchste Zeit, Gaucks Verhältnis zum Boulevard zu überarbeiten. Oder besser: zu professionalisieren. Denn wer aufmerksam verfolgt hat, wie Bild in den vergangenen Monaten über Gauck berichtet, muss Angst um den Präsidenten bekommen.

"Lieber Joachim Gauck", säuselte Kolumnist Franz Josef Wagner. "Sie haben eine sehr wichtige Rede gehalten." Wenig später, nicht weniger beunruhigend, druckte die Zeitung ein Plädoyer dafür, dass Gauck eine zweite Amtszeit wagen müsse: "Herrlich, dieser Joachim Gauck! (...) Er fügt sich nicht. Er redet nicht nach dem Mund. Deutschland braucht diesen Gauck! Auch ein zweites Mal."

Die Alarmglocken müssen im Bundespräsidialamt spätestens im Dezember geschrillt haben, als Bild ein freundliches Interview mit Gaucks Lebensgefährtin Daniela Schadt führte. Überschrift: Mein Spagat zwischen Glanz und Elend. Und im Januar erschien ein Geburtstagsschreiben der Gauck-Enkelin Josefine an Großpapa: "Lieber Opa Jochen, ..."

Es hat schon einmal einen Bundespräsidenten gegeben, über den Bild zunächst sehr freundlich berichtet hatte. Der hieß Christian Wulff. Katja, hilf!