Hurra! Nach zwölf Jahren hat das Bundesverfassungsgericht das pauschale Kopftuchverbot für Lehrerinnen gekippt. Eigentlich könnten wir dieses Urteil als Erfolg für Freiheit und Selbstbestimmung verbuchen. Doch es ist, als hätte es das vergangene Jahrzehnt, die zahlreichen Studien zum Kopftuch und Beispiele von bereits unterrichtenden Lehrerinnen mit Kopftuch nie gegeben. Noch immer beruht der Streit auf den gleichen spekulativen, ideologischen Argumenten, wie der Leitartikel von Iris Radisch aus der vergangenen Woche gezeigt hat (ZEIT Nr. 12/15). Das Lehrerinnenkopftuch sei "eine Selbstdemontage der säkularen Bildungseinrichtungen", schreibt Radisch. Ein Stück Stoff läutet also den Untergang des Säkularstaates ein, ja des gesamten Abendlandes, und wird zum Symbol der Unterdrückung. Kopftuchträgerinnen könnten beileibe kein Vorbild für unsere Töchter sein. Willkommen inmitten der konstruierten Scheindebatte.

Würde man sich mit ebenjenen Lehrerinnen im Staatsdienst unterhalten, wäre schnell klar, dass ihnen die Blicke der Männer herzlich egal sind. Sie tragen ihr Kopftuch als Ausdruck ihrer Spiritualität – wie auch die zahlreichen Studien belegen. Und ja, genau diese Frauen könnten uns Vorbilder sein. Sie sind es gewesen, die seit zwölf Jahren das Grundgesetz gegen das Bundesverfassungsgericht verteidigten. Sie sind es, die sich allen Vorbehalten trotzend durch das Studium, das Referendariat kämpften und bei Bewerbungen Gesinnungsgespräche erduldeten.

Doch noch immer werfen ihnen Kritiker vor, sie seien unterdrückte Handlanger des patriarchalen Islams. Mit welcher Berechtigung aber reißen diese Kritiker die Deutungshoheit über das Kopftuch an sich? Arrogant und paternalistisch ist das – und bedauerlich, dass diese Äußerungen von Frauen wie Iris Radisch oder Alice Schwarzer stammen.

Gerade bei Schwarzer zeigt sich, wie intellektuell versteift ihr Feminismus ist: Er hat uns eben nicht vom starren Idealbild einer Frau befreit, sondern es lediglich durch ein neues für die weiße Frau ersetzt. Muslimische, religiös praktizierende Frauen sind aus dem neuen Idealbild herausdekliniert worden. Sie werden gesellschaftlich geduldet, solange sie niedrig qualifizierte Berufe haben. Steht man sich aber auf Augenhöhe gegenüber, sind diese Frauen eine Bedrohung. Sie sollen sich gefälligst emanzipieren, bilden und integrieren, aber bitte schön nur so, wie es Frau Schwarzer genehm ist. Damit drängt sie diese Frauen raus aus der Öffentlichkeit, rein in die privaten vier Wände.

Wie konstruiert diese Debatte ist, wird deutlich, wenn man den Alltag der Lehrerinnen mit Kopftuch beobachtet. Viele von ihnen haben einen holprigen Start, Gespräche mit der Schulleitung, Getuschel im Lehrerzimmer. Doch wenn sie zu unterrichten beginnen, geschieht: nichts. Eine Freundin erklärte, wie überrascht sie von der Herzlichkeit war, mit der die Schüler sie empfingen. Keine irritierten Fragen, nicht einmal aufgebrachte Eltern. Es war, als gäbe es ihr Kopftuch gar nicht, um das zuvor so viel Trubel gemacht worden war. Am dritten Tag sagte ihre Kollegin: "Wir sollen diesen Schülern Vorbild sein, dabei sind sie uns voraus, toleranter und weltoffener. Peinlich ist das."

Für die Jungen ist das Kopftuch weder fremd noch angsterregend – das zeigt auch eine Studie der Berliner Humboldt-Universität. Offenbar sind es die Alten und ideologisch Verkrampften, die ein Stück Stoff als entscheidend für unsere säkulare Zukunft sehen.

Dabei widerspricht – das sagt auch das Urteil – ein Kopftuch weder der Neutralität der Schule noch den säkularen Idealen unserer Gesellschaft. Das Neutralitätsgebot fordert von Lehrkräften nicht, ihre Überzeugungen an der Garderobe abzulegen. Im Gegenteil, sie dürfen diese im Unterricht offenlegen – stehen aber in der Verantwortung, die Vielfalt an Meinungen darzustellen. Schließlich ist es ihr Auftrag, unsere Kinder zu kritisch denkenden Menschen zu erziehen.

Meine Freundin ist Klassenlehrerin, ihren Schülern ist sie eine Vertrauensperson, an die sie sich in allen Fragen wenden: Zukunft, Familie, der erste Sex. Dass ihnen eine kopftuchtragende Frau gegenübersitzt, über die sich so mancher echauffiert, kümmert sie nicht.

Kübra Gümüşay, Jahrgang 1988, ist eine deutsche Journalistin, Feministin und Kopftuchträgerin.