DIE ZEIT: Die Misere junger Forscher in Deutschland ist bekannt. Jetzt hat die Max-Planck-Gesellschaft ein großes Paket zur besseren Betreuung und Finanzierung ihres wissenschaftlichen Nachwuchses verabschiedet. Man dachte eigentlich, gerade Ihren Instituten seien die Doktoranden und Postdocs auch früher schon wichtig und teuer gewesen.

Martin Stratmann: Das waren sie auch. Sonst würden nicht so viele Bewerber bei uns promovieren wollen oder eine wissenschaftliche Karriere anstreben. Und wir wären auch nicht so erfolgreich. Max-Planck hat beileibe kein generelles Betreuungsproblem.

ZEIT: Aber ein Vergütungsproblem? Kritiker sprechen von einer Zwei-Klassen-Gesellschaft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

Stratmann: Richtig ist, dass ein Teil der Doktoranden an ihrem Institut mit einem Vertrag beschäftigt ist, während andere ein Stipendium erhalten. International sind Stipendien üblich. Aber die Betroffenen erhalten keine Sozialleistungen, und das wird als ungerecht empfunden, gerade von ausländischen Doktoranden, die oft als Stipendiaten zu uns kommen und mittlerweile über fünfzig Prozent der Promovenden ausmachen. Diese Praxis werden wir deshalb ändern: In Zukunft erhält bei uns jeder Doktorand einen Vertrag.

ZEIT: Das könnte ein schlechter Deal sein, ein Angestellter kann im Institut für Fremdarbeit eingespannt werden, ein Stipendiat nicht.

Stratmann: Unsere Doktorandenverträge verbinden die Freiheit des Stipendiums mit der Absicherung der Anstellung – für volle drei Jahre plus die Möglichkeit, um ein Jahr zu verlängern. Das ist im deutschen Wissenschaftssystem einmalig.

ZEIT: Während der Zeit fallen keine Hiwi-Arbeiten im Labor an?

Stratmann: Wer bei Max-Planck promoviert, kann und soll sich zu hundert Prozent seiner Dissertation widmen. Übrigens lassen wir uns die Reform viel Geld kosten.

ZEIT: Da werden viele sagen, die Max-Planck-Gesellschaft hat’s ja.

Stratmann: 50 Millionen Euro pro Jahr zusätzlich für den Nachwuchs bezahlen auch wir nicht aus der Portokasse. Um dieses Geld haben wir hart gerungen. Mit derselben Summe könnten wir zwei oder drei neue Institute gründen.

ZEIT: Es geht nicht nur um Geld. In einer Befragung zeigte sich jeder zweite Ihrer Doktoranden unzufrieden mit der Betreuung.

Stratmann: Wir müssen schauen, was hinter der Unzufriedenheit steckt. Zum einen stellen wir fest, dass heutige Doktoranden in der Regel jünger sind und nicht wie früher eine einjährige Diplomarbeit verfasst haben. Wir müssen mehr Hilfen anbieten, um alle Doktoranden auf das gleich hohe Qualifikationsniveau zu bringen. Zum anderen müssen wir viel stärker berücksichtigen, dass nur wenige unserer Doktoranden einen Platz in der Wissenschaft finden.

ZEIT: … konkret weniger als zehn Prozent.

Stratmann: Korrekt. Über 90 Prozent der Doktoranden und Postdocs machen außerhalb der Wissenschaft Karriere. Sie wünschen sich eine Beratung, wie es nach der Promotion weitergehen könnte. Hier müssen wir hart an uns arbeiten – auch weil wir so viele ausländische Nachwuchsforscher haben. Ein nicht geringer Teil von ihnen würde gerne in der deutschen Wirtschaft arbeiten. Uns fehlt hier eine Willkommenskultur, um ausländische Wissenschaftler im Land zu halten. Das ist auch eine Frage der Akzeptanz in unserer Gesellschaft – die Pegida-Demonstrationen senden da ein ganz falsches Signal. Wenn ausländische Mitarbeiter sich in Dresden nur noch gehemmt bewegen oder gar Angst haben, ist das eine fatale Situation.

ZEIT: Wie soll ein Nachwuchsforscher wissen, ob er als Wissenschaftler eine Chance hat?

Stratmann: Da brauchen wir mehr Ehrlichkeit vonseiten der Professoren, gerade gegenüber den Postdocs. Als Betreuer sollte ich nach zwei Jahren einschätzen können, ob jemand sich für eine wissenschaftliche Karriere eignet. Ist das nicht der Fall, muss ich ihm raten, sich frühzeitig nach etwas anderem umzuschauen, auch wenn ich dadurch einen für mein Projekt wichtigen Mitarbeiter verliere. Wer einen Postdoc mit falschen Versprechungen oder immer neuen Verträgen im System hält, missbraucht seine Verantwortung.