Naomi Klein während einer Rede am 22. März in Berlin © Adam Berry/Getty Images

Naomi Klein tourt durch Deutschland, um ihr neues Buch "Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima" vorzustellen. Vergangene Woche war sie in Frankfurt, genau am 18. März, als der Umzug der Europäischen Zentralbank in ein neues Gebäude gewalttätige Krawalle auslöste. Am Nachmittag sprach sie zu Blockupy-Anhängern auf dem Römerberg. Drei Tage später ist sie in Berlin, es ist grau, es regnet. Der Winter ist für einen Tag lang zurück, und das Gebäude, in dem sie die Presse empfängt – heute ein Designhotel – wurde zwischen 1938 und 1940 errichtet und sieht auch so aus. Naomi Klein trinkt Wasser.

DIE ZEIT: Frau Klein, Sie waren in Frankfurt am Main und haben zu den Mitgliedern von Blockupy gesprochen. Was haben Sie für eine Meinung zu den dortigen Ausschreitungen?

Naomi Klein: Ich bin darin nicht involviert. Aber die Leute sind offenbar verärgert über die Politik der EZB.

ZEIT: Können Sie sich Situationen vorstellen, in denen Gewalt gerechtfertigt wäre?

Klein: Ich fühle mich mit dem Gedanken an Gewalt extrem unwohl. Ich selbst meide sie, aber selbstverständlich sind Situationen denkbar, in denen sie zu rechtfertigen ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

ZEIT: Die jungen Menschen, die auf die Straße gehen, lesen Ihre Bücher. Sie beziehen sich auf Sie ...

Klein: Wenn sie meine Bücher lesen, wissen sie, dass ich diese Art von Protest nicht empfehle, okay?

ZEIT: Was halten Sie denn generell von Protesten gegen Marktwirtschaft und Finanzindustrie?

Klein: Ich halte viel davon. Ich unterstütze sie, und ich finde, jetzt ist ein wichtiger Moment, um aufzustehen und an Prinzipien der Demokratie zu erinnern. Griechenland hat eine Regierung gewählt, die das Mandat hat, gewisse Dinge zu tun – und nun daran gehindert wird. Das ist eine Krise der Demokratie, und davon geht eine gefährliche Botschaft aus, besonders für die jungen Leute, die zum ersten Mal mit Politik in Berührung kommen und den Eindruck haben, dass immer dieselbe Politik herauskommt, egal, wen du wählst. Ich finde es sehr aufregend, wenn die Jugend in Spanien der Podemos-Bewegung folgt und nun auch eine eigene Partei gegründet hat. Diese politische Vision ist sehr aufregend.

ZEIT: Glauben Sie, dass die griechische Regierung ein linkes Leitbild sein könnte?

Klein: Die Botschaft, die junge Leute nun aus Griechenland hören, ist: Wenn ihr etwas anderes versucht, werdet ihr bestraft. In Frankfurt waren die Proteste von Blockupy deswegen ein unbeschreiblich wichtiger Augenblick. Es gibt Widerstand. Ich selbst beschreibe in meinem neuen Buch übrigens einen zweiten Krisenzusammenhang: den zwischen der Austeritätspolitik und dem Klimawandel.

ZEIT: Worin besteht der?

Klein: Wenn ein Land sich in einer Krise befindet, scheinen Umweltfragen auf einmal sehr fern zu liegen. Die Budgetkürzungen in Spanien, Griechenland oder Portugal haben die Klimapolitik zurückgeworfen. In Italien oder Griechenland sucht man wieder nach Öl und Gas. Ich glaube, es ist jetzt ein Schlüsselmoment in Europa, aufzustehen und konstruktiv seine Opposition zum Ausdruck zu bringen.

ZEIT: Wieso ist das denn jetzt ein europäischer Schlüsselmoment?

Klein: Griechenland ist ein Testfall, ob man einen anderen Weg wählen kann.

ZEIT: Wie kommen Sie darauf, dass das griechische Volk angesichts seiner Finanzprobleme und des Zustandes seiner politischen Kultur einen politischen Weg frei wählen kann?

Klein: Nun, man muss sehen, was am Ende daraus wird. Der Grund, wieso die Griechen es im Augenblick so schwer haben, liegt doch darin, dass es in Europa Interessen gibt, die die griechische Regierung scheitern lassen möchten, weil eine Ansteckungsgefahr von ihr ausgeht. Sie glauben nicht daran?

ZEIT: Die neue griechische Regierung wurde in Europa mit Sympathien empfangen, aber das hat sich gelegt. Tsipras macht sich bisher weder an die Korruptionsbekämpfung, noch überzeugt er die Griechen, dass es nötig ist, Steuern zu zahlen, noch bekämpft er die Macht der Oligarchen in seinem Land. Solche Reformen haben zunächst einmal nichts mit der Politik der Troika zu tun. Löst die Lage Griechenlands unter Aktivisten wirklich Zuversicht aus?

Klein: Was ich beobachte, ist eine No-win-Situation für eine ganze Generation von Aktivisten. Von den Medien werden sie geradezu in den Müll gestopft: Wenn sie neue Wege vorschlagen, ist es falsch, wenn sie protestieren, ist es falsch. Ich sehe ehrlich gesagt nicht, wie sie gewinnen können.