Dieses Buch geht jeden an. Jeden, der ein Dach über dem Kopf hat. Der sich in seinen vier Wänden einrichtet. Nur weil die allermeisten Menschen in architektonischen Fragen zu wenig geschult sind, lassen sie sich etwas bieten, was sie als Unbehagen durchaus spüren, wenn sie durch triste Neubauviertel oder einfallslose Siedlungen streifen. Sie nehmen allerlei Zumutungen als gegeben hin und erdulden ein unerträgliches Paradox: Während wir in allen Bereichen einen rasanten gesellschaftlichen Wandel erleben, stecken wir beim Thema Behausung noch tief in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Anders gesagt: Wohnen und Leben passen nicht mehr zusammen.

Allen, die darunter leiden, öffnet Niklas Maak mit seinem Buch Wohnkomplex – Warum wir andere Häuser brauchen die Augen. Der Leiter des Kunstressorts der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, einer der profiliertesten Architekturkritiker des Landes, erläutert Zusammenhänge, schonungslos analysiert er Missstände, mit Lust an polemischer Zuspitzung attackiert er "Sicherheitshysterie" und "Dämmungsmanie", "Fassadenpfusch" und "Halbverkachelung" der Dächer mit Solarpaneelen.

Maak macht die gerade in der Immobilienbranche gern verschleierten Hintergründe transparent, stellt fest, dass Bauen "in den allermeisten Fällen eben keine primär ästhetische, sondern eine vor allem ökonomische Disziplin (ist), was man den meisten Bauten leider auch sehr deutlich ansieht", und resümiert illusionslos: "Die Stadt ist das Abbild der Renditebestrebungen der Bauwirtschaft". Zugleich beklagt er "das Versagen der Institutionen, die den profitorientierten Billigkästen-Wildwuchs und die Überkronung von Freiflächen mit Luxusghettos eindämmen könnten".

Niklas Maak ist auch überzeugt, dass Architektur die Gesellschaft und die Lebensformen reformieren könnte. Gesetzgebung, Planung und Projektsteuerung verhindern dies in den meisten Fällen. Sie sind darauf angelegt, Kosten und Risiken zu minimieren – so befördern sie nicht das Neue, sondern die Wiederholung des Bestehenden.

Überall wird Wohnraum für Familien geschaffen, obwohl es in Deutschland mit 40 Prozent – in Großstädten sogar über 50 Prozent – deutlich mehr Einpersonenhaushalte gibt, Tendenz steigend. Absurderweise wurden neu gebaute Wohnungen über die Jahre immer größer – und teurer. Die Frage ist, wie lange wir uns solche Fehlentwicklungen leisten können.

Niklas Maak gibt nicht vor, die Lösung zu haben. Er streitet jedoch für ein Umdenken, eine, wie er es nennt, "Radikalisierung" des Wohnens. Statt einem "Quadratmeterfetischismus" zu huldigen und es für unmöglich zu halten, "mit vier Personen einigermaßen entspannt auf 75 Quadratmetern zu wohnen", plädiert Maak für Häuser, in denen notwendige Rückzugsräume kleiner sind und Geld und Platz für großzügigere Gemeinschaftsflächen – Dachterrassen oder kollektive Gärten – genutzt werden: die Kultur des Sharings, übertragen auf das Wohnen. So werde "das Privatsein nicht eingeschränkt, sondern anders organisiert; die kleinere Wohnfläche ist keine Einbuße, sondern eine Bereicherung: Im Haus, wo alles aufs Wesentliche reduziert ist, ist es umso intimer, davor umso offener und großzügiger".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

Diese Vision hat einen Schönheitsfehler: Das Ideal vieler Mieter und Bauherren – genährt vom Marketing der Baulobby – ist das Haus im Grünen. Das weiß Maak und legt sich ins Zeug, um mit einem Feuerwerk von anthropologischen, philosophischen, kulturhistorischen und soziologischen Argumenten für seine "neue Form von kollektiver Wohnutopie" zu werben. Unter anderem ruft er uns in Erinnerung, dass die vermeintliche Bastion der Privatheit, die großbürgerliche Wohnung, früher alles andere als ein Ort der Abgeschlossenheit war: Angestellte waren anwesend, die Salons quasiöffentlich. Nicht anders bei Handwerkern, Arbeitern und Bauern – sie "lebten in ihren Häusern mit Schlafgängern, Gesellen, Lehrlingen, Knechten und Mägden. … Erst die frühe Moderne entwickelt eine Abneigung gegen das Offene."

Maak führt uns in Modellhäuser, die seinen Vorstellungen nahekommen. Besonders faszinieren ihn japanische Häuser von Avantgarde-Architekten wie Sou Fujimoto oder Ryue Nishizawa, in denen die Grenze zwischen innen und außen aufgelöst ist. Ob diese Entwicklung auf andere Länder und Kulturen übertragbar ist? Maak muss einräumen, dass es in Japan keinen Begriff der privacy gibt wie im europäisch-amerikanischen Denken. Auf eines der interessantesten Projekte in Deutschland, bezeichnenderweise auch von einem Japaner, Kazunari Sakamoto, geplant, kann Maak nur einen Nachruf schreiben: Die Werkbundsiedlung Wiesenfeld auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne in München hätte vor einigen Jahren "ein asiatisches Verdichtungskunstwerk" werden können, ein "Wald aus kleinen Türmen mit hängenden Gärten, Loggien und begrünten Dächern, ein modernes San Gimignano", eine "bezahlbare, reizvolle Stadtarchitektur" als Alternative zum Wohnen im "ästhetischen Massaker" an der Peripherie. Eine "ängstliche städtische Wohnungsbaugesellschaft" und Bedenkenträger im Stadtrat hätten das Projekt gekillt.

Maaks Werk ist amüsant und lehrreich, auch wenn nicht jedes Kapitel zum Thema passt, weil sich das Buch aus Zeitungsveröffentlichungen speist. Geschickte Überleitungen können gedankliche und sprachliche Wiederholungen nicht verdecken. Egal! Bedauerlich ist nur, dass der Verlag sich nicht zu einem großzügigeren Bildteil durchringen konnte. Trotzdem ist dieses Werk eines der wichtigsten Architekturbücher der letzten Jahre.

Wolfgang Nagel war viele Jahre Chefredakteur des Magazins "Häuser".