Pierre Boulez 2011 in Salzburg © Martin Schalk/Getty Images

Gleich unsere erste Begegnung führte zum Eklat. Als ich im September 1967 den schlagzeilenträchtigen Imperativ Sprengt die Opernhäuser in die Luft über das Spiegel-Gespräch mit dem Komponisten Pierre Boulez setzte, konnte ich nicht ahnen, dass ich damit die Zündschnur für eine weltumspannende Auseinandersetzung über die Existenzberechtigung der Institution Oper ausgelegt hatte. Was der Repräsentant einer neuen Komponistengeneration als "teuerste, aber eleganteste Lösung" für die viel beredete Opernkrise empfahl und als Brandsatz gegen die verrotteten Zustände des musikalischen Establishments schleuderte, hat sich in das kulturelle Gedächtnis Europas eingeschrieben. Keine Betrachtung über Boulez’ Werk, keine Beschreibung der Person verschmäht den Hinweis auf die Attacke, mit der er alle Opern, die nach Alban Bergs Tod entstanden waren, für indiskutabel erklärte. Unter den Folgen unseres Gesprächs hatte Boulez durchaus zu leiden: Mit der Behäbigkeit der Eidgenossen drang die Basler Polizei noch vierzig Jahre später im Hotel Drei Könige in sein Zimmer ein und verhörte ihn wegen der "Bombendrohung" von einst. "Aufgrund lebenslanger guter Führung und wegen meines hohen Alters hat man darauf verzichtet, mich in Gewahrsam zu nehmen", so Boulez erst kürzlich mit der ihm eigenen Ironie.

Wer Boulez – damals wie heute – eine verbissene, verbitterte Ein-Mann-Revolte unterstellt, irrt. Es ist indessen eine besondere Pointe der Musikgeschichte, dass er seine umsturzfiebrigen Dikta ausgerechnet auf heiligem Opernboden auf Tonband sprach: in der Bayreuther Wohnung, in der auch Wilhelm Furtwängler residierte. Ein erstes, auf neutralem Londoner Boden aufgenommenes Gespräch verstummte beim Abhören schon nach den ersten Hieben auf den Kulturbetrieb – das Band war, wie sich später herausstellte, defekt und der Konferenz-Stenograf der Deutschen Botschaft hatte offenbar vor lauter Missbilligung nur jedes fünfte Wort mitgeschrieben. Boulez bot eine Wiederholung des Gesprächs an, bei dem er das Tonband selber bedienen wollte.

Es ist wiederum eine ins Komische reichende Ironie, dass Pierre Boulez in Bayreuth, nur wenige Monate bevor er der Oper den diskursiven Todesstoß versetzt hatte, das Hochamt aller Wagner-Opern, den Parsifal, dirigierte – ein anderer Opern-Entrümpler, Wieland Wagner, hatte ihn dazu verleitet: "Ich durfte auf eine neue, die künstlerische Existenz befruchtende Erfahrung hoffen." Hier tritt bei Boulez ein immer wieder zu beobachtender Charakterzug ans Licht, der Unbeirrbarkeit und gleichzeitige Wandlungsbereitschaft in Einklang bringt. Der Parsifal, wie auch Jahre später der Ring des Nibelungen wurden jedenfalls, um den Bayreuther Jargon zu benutzen, "Jahrhundertereignisse".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

Und Pierre Boulez war ein Jahrhundert-Dirigent, auf alle Fälle war er einer, "der sagen kann, in welcher Tonart eine Stecknadel zu Boden fällt". So beschrieb ein New Yorker Philharmoniker das gefürchtete Boulezsche Radar-Ohr. Als ihm 1971 die Leitung des Orchesters übertragen wurde und er mit seiner leicht flatternden rechten Hand, die an die Bewegungen eines Pinguins erinnert (die Linke hebt er nur zum Crescendo), das Orchester im Lincoln Center dirigierte, ließ er sich zu der Bemerkung hinreißen: "It’s the job I have been waiting for." Geradezu ein gefühlvoller Ausbruch des damals als schroff und widerspenstig, ja bösartig verschrienen Geistes. Freunde freilich sahen hinter diesem äußeren Erscheinungsbild immer schon einen anderen Mann, einen oft leisen, der auch Fürsorglichkeit, Verletzlichkeit und Zuneigung zeigen konnte.

Aber es ist nicht zu übersehen, dass der weitaus größere Teil der Musikwelt den beunruhigenden Kraft- und Machtmenschen Boulez wahrnahm, der von einem Tag auf den anderen relativierte, was er zuvor als unumstößlich erklärt hatte. Den Vormarsch des Dirigenten Boulez in die Zentren des bürgerlichen Musikbetriebs jedenfalls, die er einst als "Nistplätze reaktionärer Machenschaften" ausgemacht hatte, begleitete ein Aufschrei aus Gehässigkeit. Die Angriffe auf seine Reputation verebbten, als Boulez in New York das verwirklichte, was bis heute sein Credo ist, als Dirigent wie als Komponist: das Publikum mit unkonventionellen Programmzusammenstellungen und halbwegs zeitgenössischen Stücken zu konfrontieren. Boulez hat dem Musikbetrieb einen gewaltigen Stoß versetzt und ihm viel von seiner Gedankenleere ausgetrieben. Die Langzeitfolgen sind unüberhörbar. "Es war mir vor allem daran gelegen, den sogenannten Klassikern der Moderne, Schönberg, Berg, Webern, einen ihrem Rang entsprechenden Platz im Repertoire zu erkämpfen." Ausgerechnet Schönberg, über den er in pietätloser Deutlichkeit einst den Stab gebrochen hatte: "Schönberg ist tot".