"Nationaler Sozialismus und ein bisschen Glitter – Scheiß auf eure trostlose Welt." Was wie Satire klingt, stammt tatsächlich aus dem Sprüche-Repertoire von Jungnazis. Wobei es falsch wäre, zu sagen, der Satz sei grundsätzlich ernst gemeint. Denn ein bisschen Glitter, ein bisschen Ironie, das hat sich der Nazinachwuchs von den Großstadt-Hipstern abgeschaut.

Als vergangene Woche in Frankfurt bei den Protesten gegen die Europäische Zentralbank (EZB) Polizeiautos in Flammen aufgingen, waren unter den Demonstranten auch Neonazis. Das mit der NPD-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten verbundene "Antikapitalistische Kollektiv Hessen" hatte im Vorfeld im Internet dazu aufgerufen, an den Protesten teilzunehmen – als Nazis waren die Teilnehmer allerdings nicht sofort zu erkennen.

Beim "Antikapitalistischen Kollektiv" schult man sich nicht nur im Sinne des Querfront-Gedankens in Antikapitalismus – zur Vorbereitung auf die EZB-Proteste hatten die Nazis zu einem "Antikapitalistischen Plenum" geladen, auf dem unter anderem der "Bundesbildungsbeauftragte der Jungen Nationaldemokraten", Pierre Dornbrach, über Zinskritik und nationalen Sozialismus referierte.

Ein Blick in die Social-Media-Selbstdarstellung des Kollektivs zeigt auch, wie weit die Strategie der Nazis reicht, linke Codes und Ästhetik aufzunehmen: Die vermummten Aktivisten präsentieren sich mit Ray-Ban-Sonnenbrillen, die Frauen tragen Röcke mit Vintage-Mustern, die Flyer sind in Neon und Lila gestaltet, mit den gleichen grafischen Elementen, mit denen man auch für die nächste Indietronic-Party in einem Berliner Club werben könnte. Vor allem die Sprüche der Nazis mit dem nonchalanten revolutionären Party-Sound fallen auf, wie ihn auch die linksradikale Avantgarde bereithält: "Halt mal meinen Sekt, ich muss schnell was kaputt machen." Früher hätte man so etwas einen Sponti-Spruch genannt.

Dass "Autonome Nationalisten" die Organisationsstrukturen linker Autonomer kopieren, wird schon seit einigen Jahren beobachtet. Neuer ist das Phänomen des Nipsters, der Mischung aus Nazi und Hipster. Im vergangenen Jahr berichtete sogar das amerikanische Magazin Rolling Stone darüber: Keine Nazis in Nadelstreifen, sondern Nazis mit Jutebeuteln.

Bisher hielten viele den Nipster eher für einen unbeholfenen Versuch der Nazis, Vorbehalte gegen amerikanische Popkultur abzubauen und sich für ein breites junges Publikum zu öffnen. Die Nipster des "Antikapitalistischen Kollektivs", die gegen die EZB demonstrierten, sind aber erschreckend genau auf der Höhe der Zeit, wenn es um die Mimikry des linksradikalen Styles geht.

Auch der hat sich in den vergangenen Jahren verändert, gerade im Netz greift er gern bekannte Meme auf und neigt zu einer gewissen Infantilisierung: Da werden grummelig dreinschauende Katzenbabys abgebildet, gegen den Kapitalismus; die gleichen Katzenbabys mit lustigen Partyhüten jetzt in der Selbstdarstellung der Nazis zu finden wirkt natürlich besonders absurd.

Selbst wenn die Strategie der Nipster nicht aufgeht, ihre Ideologie in cooleren Kleidern mehr jungen Leuten vermitteln zu können – der Netz-Auftritt des "Antikapitalistischen Kollektivs" zeigt in jedem Fall, wie wenig widerspenstig sich selbst die Avantgarde linker Ästhetik erweist gegen feindliche Übernahme.

Die Unterschiede liegen dann vor allem im Kleingedruckten.