Was geht in diesen Köpfen vor? Der rebellische Impuls aus Südeuropa bringt Hunderttausende auf die Straßen und treibt Millionen an die Wahlurnen. Er erschüttert die eingeübte Wirklichkeit in Europa, vom deutschen Kanzleramt bis zur EU in Brüssel. Mit Syriza ist die radikale Linke in Griechenland an der Spitze des Staates angekommen, in Spanien steht sie mit Podemos vor den Toren der Macht. Das sind Revolutionäre von anderem Schlag als die verholzten letzten Kommunisten. Sie denken auch anders. Schon ist sogar von einer Neuen Radikalen Theorie die Rede, die in Europa umgehe, auch in Deutschland.

In dramatischen Situationen sind radikale Ideen zuweilen die angemessenen. Und Dramatisches erleben sie ja auch, die jungen Leute in Griechenland und Spanien, die Armut und Ungerechtigkeit erfahren. Sie fühlen sich von den Mächtigen verraten, belogen, betrogen. Was Wunder, dass viele unter ihnen radikal sein wollen. "Radikal sein ist die Sache an der Wurzel fassen", schrieb Karl Marx im Winter 1843/44. Damals war er 26 Jahre alt, ein Empörter, ein indignado, wie sich die Protestler heute in Spanien nennen.

Der 81-jährige Berufsrevolutionär Toni Negri ist immer noch einer. Der italienische Großtheoretiker wurde 1984 wegen Unterstützung des Terrorismus zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt. Heute verströmt er das Charisma des ungebrochenen Kämpfers, das auch daher rührt, dass er zusammen mit dem amerikanischen Literaturwissenschaftler Michael Hardt drei Wälzer verfasst hat, die unter Linken als großer Wurf gelten. Wer in ihrer Theoriegalaxis etwas auf sich hält, zitiert diese Bücher.

In ihrem Aufschlag Empire, bereits 2001 erschienen, beschrieben die beiden die Herrschaftsstruktur der westlichen Welt als Netzwerk aus Staaten, Konzernen und Institutionen. Die Macht sei nicht an einem Ort konzentriert, es gebe also kein Hauptquartier des Kapitalismus, das besetzt werden könnte. Das Gesellschaftssystem habe sich auch insofern geändert, als es nicht mehr in erster Linie auf Ausbeutung der Arbeit beruhe, sondern darauf, mithilfe des Finanzsystems bestehenden Reichtum abzuschöpfen. An die Stelle des Proletariers trete der Schuldner, an die des Fabrikanten der Gläubiger.

Diese Beschreibung passt mit Erfahrungen zusammen, wie sie massenhaft in Schuldenkrisen und Pleitestaaten gemacht werden. Aber sie reduziert – anders als Marx – das Kapital auf den Kredit. Sie versteht es nicht mehr als ein Verhältnis, Arbeit und Einkommen zu organisieren.

Das hat Auswirkungen auf das Feindbild: Der Gegner sieht nicht aus wie Alfred Krupp, sondern wie Shakespeares jüdischer Geldverleiher Shylock. Die Theorie wird fatalerweise anschlussfähig für die antisemitische Unterscheidung in "schaffendes" und "raffendes" Kapital. Negri und Hardt kehren zurück zu Ideen von National- und Sozialrevolutionären des 19. Jahrhunderts, als hätte es den Nationalsozialismus nicht gegeben. Das ist, in einem Wort, reaktionär.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

Die zwei behaupten außerdem, das Finanzkapital greife auf die "Subjektivität" über, auf die Körper und Seelen der "Unterworfenen". Es werde zur "Biomacht", die nicht nur Kleidung und Stile, sondern auch Gefühle und zwischenmenschliche Beziehungen beherrsche. Eine Vampirtheorie des Kapitals, nicht ohne realen Gehalt: Die Propaganda der Körperbilder sowie die digitale Datenabschöpfung, die bis ins Innerste und Intimste reichen, sind allgegenwärtig.

Wie aber kann diese Macht gebrochen werden? Laut Hardt und Negri durch den "Exodus", wie sie das nennen: durch den Austritt der Unterworfenen aus den Zusammenhängen, in denen sie ausgesogen werden. Herbert Marcuse hatte das 1964 "die große Verweigerung" genannt: Die Massen verlassen die Büros, Supermärkte, Wahlkabinen und dann – ja, was machen sie dann eigentlich?

Dann bilden sie Gemeinschaften und begründen die "Commons", wie es im neuen Radikalspeak heißt: Gemeineigentum an Sachen wie zum Beispiel Computern oder Büchern. Sie vergemeinschaften aber auch Wissen, Sprache, Gefühl. Klingt abstrakt, ist aber die reale, aktuelle Erfahrung von Verarmenden wie in Spanien und Griechenland, denen man den Strom abgedreht oder die man auf die Straße gesetzt hat und die sich nun gegenseitig helfen, um über die Runden zu kommen. Oder die Erfahrung in den Protestdörfern auf öffentlichen Plätzen, die Schulen kollektiven Handelns sind.