Geldanlage ist Nervensache. Acht Jahre lang hält uns die Finanz- und Schuldenkrise bereits in Atem, beobachten wir nervös Kurse und Kontostände. Es kehrt keine Ruhe ein: Behält Griechenland den Euro? Eskaliert die Krise in der Ukraine? Wertet der Euro weiter ab? Dreht der Ölpreis? Hält die Aktienhausse an? Und was ist mit Gold?

Institutionelle Anleger schätzen diese Fragen ganz unterschiedlich ein, schichten ihre Portfolios um und sorgen so für Schwankungen am Markt, die sogenannte Volatilität. Privatanleger verunsichert das Auf und Ab – und bringt sie regelmäßig zu Kurzschlussreaktionen. Das ist fatal: "Volatilität", formulierte einmal die US-amerikanische Investoenlegende Warren Buffett, "misst nicht das Risiko." Vielmehr ist sie ein Indikator für Angst und Euphorie. Im Umgang mit Geld spielen unsere Emotionen uns böse Streiche. Sie beeinflussen unsere spontanen Entscheidungen, torpedieren unsere Anlagestrategie und verursachen Kosten. Beides sollte bei der Geldanlage keine große Rolle spielen, viel wichtiger ist Selbstdisziplin.

Ob Warren Buffett, George Soros, André Kostolany oder Jesse Livermore: Die wirklich großen Investoren beherrschten die Kunst, ihre Anlageentscheidungen relativ emotionslos umzusetzen. "Das meiste Geld habe ich nicht mit meinen guten Anlageentscheidungen gewonnen, sondern mit meiner Geduld", formulierte etwa Livermore. Dem US-amerikanischen Investor gelang es so, während der schweren Krisen 1907 und 1929 an der Wall Street ganze Vermögen anzusammeln. Aber warum fällt den meisten von uns diese Geduld so schwer?

Aus lauter Angst bleiben Anleger auf einem Berg von Geld sitzen

Greg Davies vom Vermögensverwalter Barclays Wealth Management beobachtet seine Kunden genau. Er leitet von London aus ein weltweites Team aus Finanzspezialisten, die sich mit behavioural and quantitative finance beschäftigen – dem Verhalten bei Finanzfragen. "Anleger fällen nicht die Entscheidungen, die ihnen langfristig den besten Erfolg sichern", sagt Davies, "sondern jene, mit denen sie sich kurzfristig wohlfühlen."

Das aber kostet Rendite. Seit 60 Jahren zeigt die klassische Portfolio-Theorie, wie wir investieren müssten: Das Geld muss arbeiten; es sollte breit gestreut und selten umgeschichtet werden, damit die Kosten sinken. Allein: Wir weichen von unseren eigenen Plänen ab und ärgern uns später.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

Der Grund: Die Theorie berücksichtigt unsere Gefühle nicht, unsere Ängste, unsere Gier. Der für Emotionen zuständige Teil unseres Gehirns drängt uns aber immer in die falsche Richtung: Wir werden mutig, wenn die Welt in Ordnung ist, die Börse gut läuft und die Masse ebenfalls investiert. Genau dann aber sind die Kurse zu hoch, der Einstieg ist viel zu teuer. Wenn die Talfahrt beginnt und die ersten Verluste entstehen, hoffen wir auf Besserung und reagieren nicht. Ist die Panik am Markt am größten und scheint die Situation ausweglos, verkaufen wir, anstatt durchzuhalten – ausgerechnet dann, wenn die Kurse auf dem Tiefpunkt sind.

Wir folgen der Hammelherde, weil wir uns in der Masse sicher fühlen und keinen "sozialen Schmerz" spüren wollen – ein Verhalten, das Anhänger der Verhaltensökonomie wie der Anlage-Guru James Montier mit Forschungsergebnissen der Neurowissenschaft und dem Aufbau unseres Gehirns erklären. Viele Anleger haben sich in der Finanzkrise deshalb die Finger verbrannt und bleiben nun aus lauter Angst auf einem Berg von Geld sitzen – und verschenken Rendite.

Wie aber schützen wir uns vor unseren Emotionen? Die Finanzbranche predigt, dass Anleger ihre Emotionen als irrationales Verhalten außer acht lassen sollen. Leicht gesagt – aber völlig unrealistisch. Der Behavioural-Finance-Experte Davies rät stattdessen dazu, das eigene Nervenkostüm zu berücksichtigen. Der Schlüssel zur erfolgreichen Vermögensanlage ist daher eine gute Portion Selbsterkenntnis. Wie sehr beunruhigen mich Marktbewegungen? Wie oft starre ich auf die Börsenkurse? Kann ich delegieren? Oder möchte ich Eigenkontrolle über meine Geldanlage behalten?

Anleger erkaufen sich emotionale Ruhe

Wer seine Vorlieben erkannt hat, der sollte in ruhigen Zeiten rationale Entscheidungen für Krisen fällen und diese aufschreiben, um nicht spontan falsch zu reagieren. Vom eigenen Nervenkostüm sollte abhängen, ob man sein Portfoliomanagement delegiert oder ob man eine Portion Kontrolle über seine Anlageentscheidungen behalten will.

Theoretisch gibt es unzählige Möglichkeiten, Depots gegen Verluste abzusichern: Die beste ist Diversifikation, also die Streuung des Anlagevermögens auf unterschiedliche Finanzprodukte – also auf Aktien, Anleihen, Immobilien, Gold, Rohstoffe und Barvermögen. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass alle diese Anlageformen unterschiedlich auf Schocks reagieren – und bei kleineren Schocks auch unabhängig voneinander. Steigen etwa die Zinsen in den USA, mag das die Aktienkurse drücken, den Ölpreis hingegen beeinflusst es kaum.

Aber Achtung: In schweren Krisen können Vermögensklassen im Gleichschritt marschieren. In der Finanzkrise etwa hat selbst Gold nicht das gehalten, was viele Anleger sich von dem Edelmetall erhofft hatten.

Einen Ausweg erhoffen sich manche vermögende Anleger von sogenannten Cat-Bonds. Diese Anleihen werden von Rückversicherern herausgegeben, um den finanziellen Schaden von Naturkatastrophen begleichen zu können. Sie büßen ihren Wert nur ein, wenn es zu Katastrophen kommt – dann allerdings kann ein Totalverlust drohen. Der Vorteil der Papiere: Sie werden gut verzinst und korrelieren nicht mit Katastrophen an den Finanzmärkten. Kleinanleger sollten solche Bonds allerdings meiden – wenn sie gegen Erdbeben und Wirbelstürme wetten wollen, dann bestenfalls in homöopathischen Dosen und mit Fonds, die solche Cat-Bonds bündeln und so das Risiko streuen. Davon abgesehen, gibt es für Ernstfälle ganz spezielle Finanzprodukte, die auf fallende Kurse wetten und so die Talfahrt eines Depots bremsen können – etwa sogenannte ETFs auf Short-Indizes oder Reverse-Bonuszertifikate.

All diese Produkte sind aber relativ komplex und erfordern viel Expertise. Aber auch mit relativ einfachen Mitteln kann man sich gegen Kursverluste an der Börse schützen. Spezielle Verkaufsorders (siehe Kasten) helfen, ganz im Sinne der alten Börsenweisheit, "Verluste zu begrenzen und Gewinne laufen zu lassen".

Klar ist: Sicherheit kostet Rendite. "Der Anleger erkauft sich – wie mit einer Versicherungspolice – emotionale Ruhe", räumt Verhaltensspezialist Greg Davies ein, "aber das ist langfristig besser, als die Anlagestrategie immer wieder über den Haufen zu werfen."