Als mitten in Jörn Leonhards Vorlesung ein älterer Herr aufsteht, ist das kein gutes Zeichen. Der Geschichtsprofessor spricht gerade über die Dekolonisierung nach dem Zweiten Weltkrieg. Sein Zuhörer, ein ehemaliger Chefarzt, ruft Leonhard zu: "Junger Mann, das muss ich jetzt noch mal klarstellen. Sie waren ja gar nicht dabei. Ich hingegen hab das damals in de Gaulles Nähe live erlebt!"

Viele Dozenten kennen solche Momente: wenn der Seniorenstudent als belehrender Zeitzeuge auftritt, als Besserwisser, der seine Erinnerung an lange Zurückliegendes für unbestechlich hält. Der Zeitzeuge ist der natürliche Feind des Historikers, lautet ein altes Bonmot.

Wenn das wirklich stimmt, haben Historiker ein Problem. Denn die Zahl der Senioren unter den derzeit rund 34.000 Gasthörern an deutschen Universitäten steigt. Mehr als die Hälfte von ihnen sind über 60 Jahre alt. Frauen sind fast so häufig vertreten wie Männer, und ihr Anteil wächst. Dazu kommen noch diejenigen, die nicht nur als gelegentliche oder regelmäßige Gäste in den Vorlesungen sitzen, sondern in Vollzeit studieren, promovieren oder einen Studiengang für Senioren absolvieren. Zusammen macht das, wie der Akademische Verein der Senioren in Deutschland (AVDS) schätzt, rund 55.000 Ältere – bei etwa 2,7 Millionen Studierenden insgesamt.

Das mit Abstand beliebteste Fach ist seit Jahren Geschichte. 4.600 Gasthörer zog es 2013/14 zu historischen Seminaren und Vorlesungen, gefolgt von Veranstaltungen in Philosophie (2.900) und Wirtschaftswissenschaften (2.700). Der AVDS beziffert die Zahl der Älteren, die sich auch oder ausschließlich mit Geschichte beschäftigen, auf 10.000.

"Seit vier, fünf Jahren steigt die Zahl der Seniorenstudenten in meinen Vorlesungen stark an", sagt auch Jörn Leonhard, Professor für die Geschichte des Romanischen Westeuropa an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Dort ist seit Jahrzehnten die sogenannte Samstagsuniversität etabliert. Jede Woche halten Dozenten vormittags Vorlesungen für ein breites Publikum, der Eintritt ist frei. Doch viele Ältere wünschen sich mehr: Lehre auf anspruchsvollem Niveau, umgeben von Jüngeren. "Die wollen keinen akademischen Seniorenteller", sagt Leonhard.

Ältere Studenten verfügen über zwei wichtige Ressourcen: Zeit und Geld. "Zu den Veranstaltungen kommen sie bestens vorbereitet", erzählt der Freiburger Historiker. "Und oft nicht etwa mit dem Schreibblock, sondern mit dem iPad. Häufig sind sie die Ersten, die bei meiner Sekretärin nachfragen, wann ich endlich meine Folien in die Cloud stelle."

Viele Vorlesungen seien heute regelrechte Multimediashows, und im Internet würden weiterführende Links bereitgestellt, was auch die Angehörigen der Generation 60 plus eifrig nutzten. Als eingeschriebene Studenten könnten sie außerdem an Exkursionen teilnehmen. "Bei einem Studienreisen-Anbieter", sagt Leonhard, "müssten sie dafür viel Geld zahlen."

Besonders interessiert sind die älteren Semester an Epochen, die sie selbst oder zumindest ihre Eltern noch miterlebt haben. "In einer Vorlesung über den Ersten Weltkrieg", berichtet der 47-Jährige, "waren an manchen Tagen ein Drittel bis die Hälfte der rund 400 Zuhörer Senioren." Was aber, wenn ein Seniorenstudent dem "jungen Mann" am Pult die Kompetenz abspricht? "Da muss man scharf intervenieren und sagen: 'Das Katheder habe ich.' "

Ein Dilemma. Denn wer Zeitzeugen-Aussagen ignoriert, gilt rasch als snobistisch. Zeitzeugenschaft wiederum ersetzt nicht die Arbeit des Historikers. Der muss in seinem Urteil möglichst viele Quellen berücksichtigen und abwägen. Es gehe deshalb nicht darum, jemandem den Mund zu verbieten, erklärt der Freiburger Professor. Im Gegenteil: "Wir können die Situation nutzen, um ein Problem der eigenen Wissenschaft zu erklären."

Dieses Problem kennt auch Leonhards Kollege Martin Sabrow sehr gut: "Die Geschichte des 20. Jahrhunderts berührt uns persönlich. In jedem von uns kämpfen Zeitzeuge und Zeithistoriker miteinander." Der 60-Jährige ist Co-Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung in Potsdam und Professor für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Weder der Dozent noch der Student dürfe auf seiner Sicht beharren. Beide Seiten müssten ihr Geschichtsbild fachlicher Überprüfung aussetzen. Sabrow nennt es "die Vetokraft der Quellen". "Wir glauben nicht mehr an die Unteilbarkeit der Wahrheit, sondern an die Kraft des Perspektivenreichtums." Der Dozent muss das Ganze moderieren. Nur wie?

Sabrow nennt ein Beispiel. Vor einigen Jahren hielt er, damals noch in München, eine Vorlesung zu Revolution und Gegenrevolution nach 1919. Einer der einflussreichsten rechten Republikfeinde war General Erich Ludendorff. Im Ersten Weltkrieg bildete er mit Paul von Hindenburg die Oberste Heeresleitung. Gemeinsam verbreiteten sie nach Kriegsende die Dolchstoßlegende: Linke Reichsfeinde seien dem "im Felde unbesiegten Heer" in den Rücken gefallen und hätten so den deutschen Sieg verhindert. Ein Schuldirektor aus Tutzing, wo Ludendorff beerdigt ist, sprach Sabrow an: "Ich lege jedes Jahr eine Rose auf Ludendorffs Grab. Ich finde ihn verkannt." Der Professor blieb gelassen: "Wenn Sie meiner Vorlesung folgen, legen Sie danach vielleicht keine Rose mehr hin." Auf das vielleicht kam es an. Der Direktor aus Tutzing blieb und hörte zu.