Ebenfalls mit der erdigen Realität konfrontiert wird die Feinfühligkeit des Apparats. Wahre Samthandschuh-Robotik ist vonnöten, um den Spargel zugleich kräftig und behutsam zu packen, herauszuziehen und abzulegen. Eine mit Türabdichtungsgummi gepolsterte Greifzange war an den glatten Stangen zu oft abgerutscht. Stellten die Verfahrenstechniker ihren Zugriff fester ein, riss sie ab und zu ein Köpfchen ab. Nun verspricht ein pneumatischer Greifer das nötige Feingefühl. Er umschließt die Stange mit einem Druckluftballon. An Testspargeln aus Gummi hat sich das bereits bewährt. Aber im Freiland?

Zur Geduldsprobe wird die Entwicklung einer Spargelstechmaschine durch die kurze Saison. In der Praxis kann die Technik nur zwischen Anfang April und Mitte Juni erprobt werden. Endlich ist es wieder so weit. "Dann wird sich zeigen, ob wir im nächsten Jahr mit dem AutoSpar auf den Markt gehen können", sagt Jörn Strauss, Chef des gleichnamigen Buxtehuder Maschinenbauers. Es ist ja auch noch so: Technik nützt nichts ohne Wirtschaftlichkeit. Und da konkurriert der AutoSpar mit erfahrenen Saisonarbeitern und einer Maschine.

Kirpy, so heißt die tonnenschwere Landmaschine in Signalgelb, wirkt wie die wuchtige Antithese zum behutsamen AutoSpar. Kirpy ahmt gar nicht erst den Vorgang des Spargelstechens nach, Kirpy macht kurzen Prozess. Mit schnell rotierenden Messerscheiben schneidet er oberhalb der Spargelwurzeln alles radikal ab. Dann trägt er den gesamten Damm ab, durchsiebt seinen Sand und schichtet ihn am Ende wieder neu auf. Zurück bleiben Steine, alte Strünke und Spargelstangen jeder Größe. Mitfahrende Helfer sortieren sie.

Seit fünf Jahren sind drei Dutzend Kirpys auf deutschen Spargelfeldern unterwegs. Seitdem gelangen größere Mengen dünner Spargelstängelchen und abgesäbelter Spitzen in den Handel. Doch durchgesetzt hat sich die rabiate Maschine nicht. "Es gibt da ein Imageproblem", sagt Simon Schumacher, Geschäftsführer des Verbands Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer, "der Kunde erwartet eine liebevolle Ernte." Die Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft hat zudem berechnet: Kirpy produziert so viel Ausschuss, dass sich sein Ersatz erst ab einem Stundenlohn von 12 bis 13 Euro lohnen würde.

Den höchsten Preis bringt Spargel, der besonders früh in der Saison und möglichst makellos aus dem Boden kommt. Unverkäuflich wird er, wenn mit dem Köpfchen etwas nicht stimmt. Wird Spargel bei Sonnenlicht gestochen, verfärbt sich das Köpfchen lila. Auch das drückt den Preis. AutoSpar soll deshalb 24 Stunden im Einsatz sein. Denn nachts Geerntetes ist am nächsten Morgen noch weiß, besonders frisch und erzielt den höchsten Preis. Auch der Saisonbeginn kann mit der Maschine so weit wie möglich nach vorn verschoben werden. Schon nach drei Einsatzjahren soll sich die Maschine amortisieren. Schneller als ein geübter Spargelstecher wird AutoSpar zwar nicht, dafür soll er seine Feldarbeit weitgehend autonom verrichten – unabhängig vom Wetter und ohne Anflug von Müdigkeit. "Der Personalbedarf verringert sich um 75 Prozent", verspricht Jörn Strauss, "denn ein Erntehelfer kann gleichzeitig zwei bis drei Maschinen bedienen."

Gänzlich offen ist aber noch die Frage, ob das auch erlaubt wäre. "Bisher gibt es auf dem Landmaschinenmarkt kein einziges autonomes Fahrzeug", sagt Joachim Hertzberg, Chef des Robotics Innovation Center in Osnabrück. In Forschungsprojekten werden zwar viele erprobt, vor einem Einsatz in der Praxis scheuten aber Landwirte wie Hersteller zurück. Der Grund dafür ist weniger ein technischer als ein juristischer Akt. Noch ist nämlich unklar, wer dafür geradestehen müsste, wenn sich eine tonnenschwere Landmaschine selbstständig macht und einen Unfall verursacht. "Stellen Sie sich nur mal den Fall vor, dass der Spargelstecher direkt vor einen Motorradfahrer auf die Landstraße rollt", sagt Christian Bornstein, Geschäftsführer des Kirpy-Herstellers AI-Solution in Wolfsburg.

Wenn es etwas gibt, das noch schwerer zu bewerkstelligen ist als die Konstruktion einer automatischen Spargelstechmaschine, dann ist es die Klärung derartiger Grenzfälle des Versicherungs- und Haftungsrechts.

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