Thomas Tuchel – händeringend sucht der Hamburger SV einen Trainer wie ihn. Tuchel! Dieser Name fällt auch, wenn sich der FC Bayern Gedanken über die Ära nach Trainer Pep Guardiola macht. Fast alle Bundesliga-Vereine haben den 41 Jahre alten Fußballlehrer auf der Karte. Aber was will Tuchel? Der Umworbene hält sich bedeckt, sagt nichts, bis jetzt. Zum ersten Mal seit fast einem Jahr äußert sich Thomas Tuchel über sein Sabbatical, seine noch sehr junge Karriere und seine Zukunftspläne.

ZEIT: Sie sind schlank geworden...

Thomas Tuchel: ...viel Sport und Verzicht auf Getreide. Ich war mit meiner Familie in Italien, vier Wochen lang. Ohne Pasta, ohne Pizza.

ZEIT: Und nun haben Sie das ideale Kampfgewicht, um wieder einzusteigen? Sie waren jetzt fast ein Jahr lang raus aus dem Fußballgeschäft. Haben Sie Ihren Trainerjob vermisst?

Tuchel: Ja. Zuletzt immer mehr.

ZEIT: Was vermissen Sie?

Tuchel: Die Kabine. Meine Spieler, mein Trainerteam, das Training, den Geruch des Rasens, den Kick am Wochenende – alles!

ZEIT: Hat diese fußballfreie Zeit den Menschen Thomas Tuchel verändert?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 13 vom 26.03.2015.

Tuchel: Ja, ich denke schon. Ich habe nach kurzer Zeit gemerkt, dass ich loslassen kann. Ganz zu Beginn meiner Auszeit hatte ich gar kein Verlangen, Fußball zu gucken. Das hat sich toll eingespielt mit unserem Familienalltag und ich genieße das sehr. Bisher kannten meine Kinder nur einen Papa, der viel im Training und viel unterwegs ist. Jetzt plötzlich war ich viel zu Hause. Und jetzt ist es für die Kinder ganz selbstverständlich geworden, dass ich da bin.

ZEIT: Was war letztlich der Grund für Ihre Auszeit?

Tuchel: Also, den einen Grund gibt es nicht. Es war eine Mischung aus vielen Faktoren. 14 Jahre Trainersein. Von der C-Jugend beim VfB Stuttgart über die U23 in Augsburg bis zu den Profis in Mainz. Das war eine sehr intensive Zeit, denn ich habe die U14 des VfB mit derselben Energie begleitet wie die Profis in Mainz. Aber noch vor meiner letzten Saison hatte ich das Gefühl: Lass es uns beenden, solange es noch so gut ist.

ZEIT: Wie kam das so plötzlich?

Tuchel: Es war am Ende unserer fünften gemeinsamen Saisonvorbereitung. Die Bindung und das Vertrauensverhältnis zu meinen Spielern waren auf einem Höhepunkt! Wir waren unter anderem im Wallis im Trainingslager, sind über tausend Meter den Berg hochgestiegen, morgens in der Frühe, um den Sonnenaufgang zu erleben. Wir erarbeiteten zum ersten Mal einen Teamvertrag mit einem verbindlichen Punkteziel für die Saison. Dann nach dem letzten Training am Genfer See habe ich gesagt: "Arno, was soll nächsten Sommer noch kommen? Wie sollen wir uns nochmal neu erfinden?"

ZEIT: Arno Michels war Ihr Assistenztrainer in Mainz.

Tuchel: Ja. Und er hat gesagt: "An was denkst Du gerade? Nächste Woche ist Pokal. Wo bist Du mit deinen Gedanken?" Und ich habe gesagt: "Ich sag Dir jetzt einfach, was ich fühle. Ich bin überzeugt, wir können eine top Saison spielen, ich liebe die Mannschaft und den Geist, der in ihr herrscht. Ich bin stolz darauf, wie wir das alles zusammen hinbekommen haben. Und trotzdem, ich schaue gerade so nach vorne und frage mich, ob das noch lange so weitergehen kann und vor allem, wie wir das noch mal toppen sollen." Dieses Gefühl bin ich nicht mehr losgeworden. Das hat mich immer wieder eingeholt.