Mit tiefen Ringen unter den Augen blickte Barack Obama vergangene Woche in die Kamera. In einer Videobotschaft appellierte der US-Präsident an die Iraner, die historische Gelegenheit einer Einigung über das Atomprogramm zu ergreifen. Es bleiben nur noch wenige Tage. Dann muss ein Kompromiss gefunden sein. Sonst war alles vergebens. Im Moment stocken die Verhandlungen. Das zögerliche Vertrauen, das zwischen dem Westen und Teheran aufgebaut wurde, scheint beschädigt.

Ist das die Schuld von Tom Cotton? Oder, wie er es selbst wohl formulieren würde: Ist das sein Verdienst?

Tom wer? Das hätte vor wenigen Wochen auch in Amerika noch fast jeder gefragt. Aber seitdem der Jungsenator aus dem Bundesstaat Arkansas Obama mit einem offenen, von 47 Senatoren unterschriebenen Brief an Teheran brüskierte, in dem er die iranische Regierung vor der begrenzten Verhandlungsmacht des US-Präsidenten warnte, kennt ihn in Amerika fast jedes Kind. Sein Gesicht war auf CNN, Fox, MSNBC, in jeder Nachrichtensendung und in jeder Zeitung Amerikas. Manchmal sah er aus wie ein junger Günther Jauch, der sein Lachen verkauft hat. Und seine Botschaft war immer dieselbe: Die Welt ist nicht so chaotisch, wie uns Obama glauben machen will. Sie ist einfacher, als wir denken.

Auf MSNBC sagte er: "Es gibt in Teheran nichts außer Hardlinern. Und Schurkenstaaten verstehen schon, was Sache ist, wenn man ihnen mit Krieg droht."

Auf CNN sagte er über die Terroristen des IS: "Wir killen sie dort, und sie killen uns nicht hier. So einfach ist das."

Auf Fox News sagte er: "Wir sollten stolz darauf sein, wie wir diese Wilden in Guantánamo behandeln."

Cotton, 37, ist der Anführer einer Gruppe von Scharfmachern, die die Außenpolitik als neuen Stachel gegen Obama und als perfektes Schlachtfeld für die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr entdeckt haben. In den vergangenen Wochen brach der Kampf nun offen aus. Was mit den Halbzeit-Wahlen im November 2014 und der Forderung der Republikaner für ein entschiedeneres Vorgehen gegen die Terrormilizen des IS begann, wurde mit den Rufen nach Waffenlieferungen an die Ukraine lauter und gipfelte schließlich in der republikanischen Einladung an Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, vor dem US-Kongress zu sprechen. Und in Cottons Brief an die Teheraner Regierung.

Der Kampf ist so kompromisslos, dass sich Tom Cotton sogar von einer Moderatorin des konservativen Senders Fox News fragen lassen musste, was dieser Brief eigentlich sollte. Schließlich habe er damit selbst jene Demokraten im Senat verprellt, die das Ansinnen der Republikaner unterstützten, wonach Obama für ein Atomabkommen mit dem Iran die Zustimmung des Senats einholen muss. Cotton ging auf die Frage gar nicht erst ein.

Richard Nephew nickt. Genauso hat er Tom Cotton erlebt. Nephew ist im vergangenen Jahr mehr als 200 Tage um die Welt gereist, um im Auftrag Obamas zusammen mit Vertretern aus Großbritannien, Russland, China, Frankreich und Deutschland das Abkommen mit dem Iran zu verhandeln. Zurück in Washington, hat er dem Verteidigungsausschuss des Senats über die Fortschritte berichtet. Und da saß auch Tom Cotton.

Cotton und Nephew hätten gute Freunde sein können. Sie sind beide Mitte dreißig, Politik ist ihr Leben, Nephew kommt aus einer Militärfamilie, Cotton war selber in der Armee, sie haben beide an hervorragenden Universitäten studiert, Cotton Jura in Harvard, Nephew Internationale Beziehungen an der George Washington Universität. Und beide wollen verhindern, dass der Iran Atomwaffen bekommt. Dennoch sind sie einander die größten Feinde.

Richard Nephew sitzt in einem Diner-Restaurant in New York, Rucksack und Baseball-Kappe neben sich, und redet über sein jüngstes Treffen mit Cotton. "Er glaubt ganz einfach, immer im Recht zu sein." Egal, was er, Nephew, im Ausschuss über die Ergebnisse der Atomverhandlungen berichtet habe, Cotton seien die Resultate nie gut genug gewesen.

Das werden sie auch nie sein, denn das grundlegende Problem zwischen Cotton und Nephew ist ein philosophisches. Für Nephew ist die Welt komplizierter als für Cotton. Sie ist eine Art Patchworkfamilie, in der nicht mehr alle Probleme gelöst werden können. "Man kann sie nur so gut es geht managen", sagt Nephew. Das bedeute auch, dass man sich von der Vorstellung von absoluter Sicherheit verabschieden müsse.

Eine Welt, auf die man vorsichtig, zurückhaltend, unideologisch, manchmal gar technokratisch blickt? Eine Welt ohne klare Regeln, ohne Gut und Böse? Das ist nicht das Amerika, in dem Tom Cotton leben möchte.

Seine politische Karriere begann vor zehn Jahren, und auch damals half ihm das Schreiben. Cotton schickte einen Leserbrief an die New York Times zu einem Enthüllungsartikel über ein geheimes Programm, mit dem die USA Finanzströme von Terroristen überwachten und unterbrachen. Cotton war damals als Soldat im Irak, und der Bericht kam für ihn einem Angriff auf den Kampf seiner Leute gegen Terroristen gleich. "Wenn wir nach Hause kommen, sind Sie vielleicht an dem Ort, an den Sie gehören: Nicht bei der Pulitzer-Preis-Verleihung, sondern hinter Gittern", schrieb er.

Die Times druckte den Brief nicht ab, aber Cotton hatte ihn auch dem prominenten konservativen Blog Power Line gemailt. Und der veröffentlichte ihn. In dem Brief erwähnte Cotton seine Harvard-Ausbildung und dass er für zwei Anwaltskanzleien in der Hauptstadt Washington gearbeitet habe, bevor er sich entschloss, für Amerika zu kämpfen. Der Brief machte schnell die Runde und wurde von konservativen Kreisen begeistert aufgenommen. Wie Efeu begann sich ein konservatives Netzwerk um Cotton zu legen, das von dem einflussreichen Journalisten Bill Kristol, der schon Sarah Palin groß gemacht hatte, über die mächtigen Think Tanks Claremont Institute, American Enterprise Institute, Heritage Foundation bis hin zum Club for Growth reichte, einer ultrakonservativen Lobbygruppe in Washington. Der Club for Growth war es denn auch, der 2012 einen Großteil von Cottons erfolgreicher Wahlkampagne für den Sitz als Abgeordneter im Repräsentantenhaus finanzierte, zwei Jahre, bevor er auf den Senatorenstuhl wechselte.

Ein konservativer Fundamentalist war geboren, der mit soldatischer Disziplin sein Ziel verfolgte. In einer Rede im Kongress vergangene Woche formulierte er dieses Ziel: "Unsere Gegner müssen wissen, dass sie einen unvorstellbaren Preis zahlen müssen, wenn sie uns herausfordern. Und der beste Weg, diesen Preis festzusetzen, ist eine weltweite militärische Dominanz Amerikas." Dafür, nicht etwa für eine staatliche Gesundheitsvorsorge, müsse Amerika bereit sein, sehr viel Geld auszugeben. Die ZEIT hat Cotton um ein Interview gebeten, erhielt aber keine Antwort.