Wer einen Text schreibt und ihn in die Öffentlichkeit entlässt, muss damit rechnen, dass anderen missfällt, was man selbst für einen guten Einfall hält. Denn der Leser kann mit dem Text machen, was er will. Er kann und darf ihn anders verstehen als der Autor. Aber er sollte an ihm nicht einfach vorbeilesen.

Verstehen heißt, den anderen beim Wort zu nehmen und zu versuchen, die Welt aus seiner Perspektive zu sehen. Daran aber findet der Untersteller keinen Gefallen. Für ihn gibt es nur eine Wahrheit, eine Vorstellung und eine Welt. Wer nicht so spricht wie er selbst, wird aus dem Diskussionsraum ausgeschlossen. Erhebt ein Kritiker Einwände gegen das Diktat des politisch Korrekten, wird er moralisch abgewertet, im schlimmsten Fall ignoriert. Wer am Sinn der europäischen Währung zweifelt, muss sich dem Vorwurf aussetzen, er sei ein Gegner Europas und gefährde das europäische Friedensprojekt. Wer den Papst kritisiert, ist im Club der Aufklärer herzlich willkommen, wer Kritik am Islam übt, den erklären die Untersteller zum Rassisten.

Es gibt kaum mehr ein politisches Feld, auf dem nicht von vornherein feststeht, was gesagt werden darf und gesagt werden muss. Wer gegen die Konventionen der selbst ernannten Sittenwächter und Sprachpolizisten verstößt, wird ausgegrenzt. Sobald über jemanden gesagt wird, seine Ansichten seien "problematisch", er selbst "umstritten", ist das Urteil schon gefällt. So einer kann sagen, was er will, er wird nicht mehr zur Sache befragt, sondern nur noch gezwungen, auf den Verdacht zu antworten, der gegen ihn erhoben wird. Jede Antwort könnte jetzt falsch sein, jeder Satz der letzte, den man öffentlich gesagt hat, weil die Untersteller nur darauf warten, dem Kritiker das letzte Wort zu entlocken, das sie brauchen, um ihn zu erledigen. Es gibt Politiker, die sich wundern, warum Menschen sich von ihnen und der Welt, in der sie und die Untersteller zu Hause sind, abwenden.

Nun haben die Untersteller die Ukraine für sich entdeckt. Ihre Welt ist eindeutig, sie kennen nur schwarz und weiß. In Kiew werden europäische Werte verteidigt, in Moskau werden sie mit Füßen getreten, in der Ukraine wird der Nationalstaat, in Russland das Imperium besungen. Für den Aufrichtigen kann es gar keinen Zweifel geben, dass Vorstellungen, die aus der Welt der Finsternis kommen, bekämpft werden müssen.

Wer Bedenken äußert, zweifelt, wird zurechtgewiesen. Auf der Website Euromaidan erklärt eine Historikerin, die Mitglied in der deutsch-ukrainischen Historikerkommission ist, am 13. Februar 2015, dass es "das russische Motiv" sei, an den Ukrainern "in ihrer Gesamtheit" Vergeltung dafür zu üben, dass sie sich ihrem Präsidenten widersetzt hätten. "Und Schande der deutschen sogenannten Linken", schreibt die Historikerin, "deren Mitglieder das schöne Wort der Solidarität und des Antifaschismus in den Dreck treten und das Propagandageschäft der Berija-Erben, des russischen Schwarzhunderter- und Antisemitenpacks betreiben." Wer sich nicht einreiht, betreibt also das Geschäft von Mördern und Antisemiten. So einfach ist das.

Solche Unterstellungen gehören in dieser Auseinandersetzung inzwischen zur Selbstverständlichkeit. In der ZEIT vom 19. März erklärt Gerd Koenen, ich hätte auf den Seiten dieser Zeitung gefordert, man solle der russischen Regierung bei der Wiederaufnahme seiner imperialen Mission "freie Hand" lassen. Solch eine Forderung sei für einen Forscher, der sich mit der stalinistischen Gewaltherrschaft befasst habe, "erstaunlich". Der Leser ist eingestimmt. Er weiß nun, dass Forscher über Gegenwartsfragen nur Urteile fällen dürfen, die sich in Übereinstimmung mit ihrer Forschung befinden. Ich hätte, fährt Koenen fort, behauptet, die Heimat von Millionen Menschen sei das sowjetische Imperium gewesen. Die Ukraine, hätte ich gesagt, sei ein "reines" Produkt der sowjetischen Nationalitätenpolitik gewesen, und der Leidenskult der ukrainischen Nationalisten verdiene "keinen besonderen Respekt".

Nichts von alldem steht in meinem Text. Ich habe nicht verlangt, man müsse der russischen Regierung freie Hand lassen, und ich habe nicht geschrieben, dass der Leidenskult keinen Respekt verdient. Ich habe vielmehr versucht, historisch zu erklären, warum das imperiale Projekt nicht nur Feinde, sondern auch Freunde hat und warum die Ukraine ein gespaltenes Land ist, in dem unterschiedliche Geschichten über Vergangenheit und Gegenwart erzählt werden. Ich habe also nur getan, was Historiker tun sollen. Sie sollen verstehen, was sie lesen und hören. Denn sie sind weder Staatsanwälte noch Richter, die Menschen danach bemessen, ob sie ihren moralischen Ansprüchen genügen.

Der Untersteller will, dass die Welt sich seinen Vorstellungen fügt. Er will die anderen nicht verstehen, er will, dass sie so sind wie er selbst. Die meisten Russen haben sich mit der autoritären Ordnung arrangiert, weil sie ihnen Vorteile versprach, die ihnen die demokratischen Experimente der 1990er Jahre vorenthielten. So haben es viele Menschen wahrgenommen. Koenen weiß es besser. Ob die "Kombination von Diktatur, einem retortenhaften Pseudokonservativismus und einer aufgefrischten imperialen Mission" wirklich das sei, was Russland jetzt brauche, fragt er. Er unterstellt, ich hätte den Lesern die Diktatur als Lebensform empfohlen. Jeder, der lesen kann, weiß, dass ich eine solche Empfehlung nicht ausgesprochen, sondern beschrieben habe, wie andere Menschen in einem anderen Land ihre Welt sehen.

Wie kann es sein, fragt Koenen, dass ein Historiker, der die Geschichte der stalinistischen Sowjetunion als Gewaltgeschichte beschrieben habe, zu solch "fragwürdigen" und "ahistorischen" Schlüssen über die imperiale Mentalität komme? Wer über den Terror des Stalinismus geschrieben habe, so muss man den Hinweis wohl verstehen, dürfe über die Gegenwart nur so schreiben, wie es die Untersteller von ihm verlangen. Die Sowjetunion darf von ihren Bewohnern nicht als bewohnbarer Ort erlebt worden sein. Denn alle Menschen waren offenbar stets nur Opfer. So schließt sich der Kreis. Der Historiker ist diskreditiert, er gehört jetzt zu den "umstrittenen" Personen, die "fragwürdige" Thesen vertreten.

Mir ist es egal. Ich halte mich nicht an Vorschriften und Denkauflagen. Ich möchte heute ein Linker und morgen das Gegenteil sein, ich möchte mir die Freiheit bewahren, meine Meinungen zu ändern, wenn das Leben korrigierend in sie eingreift. Wer die Welt nicht auch mit den Augen anderer Menschen sehen will, beraubt sich einer kostbaren Erfahrung. Die anderen Menschen, die anders leben und vieles anders machen als man selbst, befinden sich nicht im falschen, sondern in einem anderen Leben. Davon will der Untersteller nichts wissen. Er sieht nur sich und seinesgleichen. Gäbe es nicht die Fragwürdigen, die Welt wäre trostlos und langweilig.

Jörg Baberowski ist Professor für Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität zu Berlin. 2012 erschien sein Werk "Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt" im Verlag C.H. Beck.