Am Anfang sind sie beide noch geschniegelt und gestriegelt, tragen feine Kleidung und leben in einem vornehmen Haus. Doch richtig glücklich ist keiner von ihnen: Der Junge Huckleberry Finn wünscht sich nichts lieber, als mal wieder am Fluss "in ’ner Tonne schlafen" und sich "’ne Ratte braten" zu können. Und der schwarze Sklave Jim, der im selben Haus als Diener arbeitet, träumt davon, ein freier Mann zu sein – was zur damaligen Zeit völlig undenkbar ist.

Denn um 1850 ist es im Süden der USA noch gang und gäbe, dass schwarze Menschen als Sklaven gehalten werden. Die meisten von ihnen schuften auf Baumwollfeldern, Jim hingegen muss bei der Witwe Douglas "nur" Hausarbeiten verrichten. Aber gefangen ist er trotzdem.

Huckleberry Finn fühlt sich aus anderen Gründen eingezwängt. "Der Schatz von Indianer-Joe hat mir kein Glück gebracht", beschwert er sich. Sein neuer Reichtum habe nur dazu geführt, dass er sein gemütliches Landstreicherleben aufgeben musste und bei der Witwe nun eine "gute Erziehung" erhält.

Den meisten jugendlichen Lesern dürfte "Huck" vor allem aus Mark Twains berühmtem Jugendbuch Die Abenteuer des Tom Sawyer bekannt sein. Darin bestehen die Freunde Tom und Huck zahlreiche Gefahren und finden am Ende den Schatz des berüchtigten und gefährlichen Indianer-Joe. Der Fortsetzungsband Die Abenteuer des Huckleberry Finn ist die Vorlage für diesen Film. Als das Buch 1885 in den USA erschien, wurde es ein noch größerer Erfolg als Tom Sawyer. Heute gilt der Roman wegen seiner vielfältigen politischen Bezüge sogar als eines der wichtigsten Werke der US-amerikanischen Literatur.

In der Verfilmung der deutschen Regisseurin Hermine Huntgeburth ist Twains komplexe Handlung natürlich stark gestrafft und geglättet, manches ist auch anders als im Original –dort wird etwa Hucks Vater eines Tages tot aufgefunden, im Film lebt und verfolgt er seinen Sohn bis zum Schluss. Dennoch lässt der spannende Kinderfilm die damalige Zeit auf plastische Weise lebendig werden, und man taucht mitten hinein in die Auseinandersetzungen um die Sklaverei, die damals gerade zwischen Nord- und Südstaaten entbrannten.

Denn als Jim von der geldgierigen Haushälterin der Witwe Douglas verkauft werden soll, beschließt er, in den Nordstaat Ohio zu fliehen, wo damals schon die Sklaverei verboten ist. Zur selben Zeit gerät Huck in die Fänge seines versoffenen Vaters, der etwas vom neuen Reichtum seines Sohnes abhaben will. Mit List kann sich Huck aus der schäbigen Hütte seines Vaters befreien und rettet sich auf eine Insel inmitten des Mississippi – wo er zufällig wieder auf Jim trifft. Der bringt ihre Lage auf den Punkt: "Du bist ’ne arme weiße Sau, und ich bin die arme schwarze Sau."

Es beginnt eine ebenso idyllische wie gefährliche Flucht: Gemeinsam schippern Huck und Jim auf einem Floß den breiten Strom des Mississippi hinunter, ständig verfolgt von Hucks Vater sowie von drei Sklavenjägern, die scharf auf Jims Kopfgeld sind. Da die Sklavenjäger jedoch nicht nur skrupellos, sondern auch trottelig sind, kommt es immer wieder zu brenzlig-lustigen Situationen, aus denen sich die beiden Ausreißer mit viel Grips und Glück befreien – nur um alsbald in die nächste gefährliche Szene zu geraten.

Und auch wenn Huck und Jim auf ihrem Floß auf dem Mississippi herrlich poetische Momente erleben – etwa wenn sie nachts in die Sterne philosophieren –, so fahren sie doch durch "Feindesland". In den Südstaaten drohen nicht nur entlaufenen Sklaven empfindliche Strafen, sondern auch jenen, die ihnen auf der Flucht helfen. Doch in Jims Freiheitstraum spiegelt sich bereits die Zukunft wider: Wenige Jahre später, 1865, wird die Sklaverei auf dem gesamten Gebiet der Vereinigten Staaten endgültig abgeschafft, und auch die reichen Südstaatenfarmer müssen einsehen lernen, dass man Menschen nicht besitzen kann.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, auch in den Köpfen. Selbst Huck hält sich anfangs noch für etwas Besseres und höhnt: "Seit wann sind Sklaven Amerikaner? Du gehörst der Witwe Douglas, die hat für dich bezahlt." Auf ihrer nächtelangen Reise lernt er nach und nach, Jim nicht mehr als Sklaven, sondern als Menschen zu sehen. Mit diesem Sinneswandel, der gegen das damals geltende Gesetz verstößt, hat Huck sogar große Denker inspiriert. Der deutsche Philosoph Martin Hartmann bezeichnete Huckleberry Finn jedenfalls einmal als bestes Beispiel für die Kraft des Mitgefühls, das stärker sei als die Borniertheit der offiziellen Vernunft. "Es ist, als kündigte sich in seinem noch unartikulierten Mitgefühl eine von mehr Gleichberechtigung charakterisierte Welt an, für die weder er noch seine Umgebung schon Worte, geschweige denn etablierte Praktiken haben", schrieb Hartmann.

So philosophisch geht es allerdings in diesem Film nicht zu. Dort kommt es am Ende vielmehr zu einem echten Showdown wie im Western, bei dem sich die beiden Ausreißer und ihre Verfolger an jener Anlegestelle treffen, von der aus der Dampfer in die Freiheit, nach Ohio, fährt. Für Huck und Jim geht die Sache gut aus. Für die Mehrheit der schwarzen Amerikaner allerdings sollte ihr Kampf für echte Gleichberechtigung erst so richtig beginnen. In manchen Staaten dauert er bis heute.