"Wer Kritik anmeldet, gilt als Quertreiber. Da sind Sie in Kürze jede Unterstützung los." Ein sonniger Märztag bei einem Italiener in Potsdam. Alexander Gauland laboriert an einer Grippe, aber viel mehr ist ihm etwas anderes auf den Magen geschlagen.

"Das wird man doch noch sagen dürfen" ist die rhetorische Grundfigur, mit der in seiner Partei gern Attacken gegen den politischen Mainstream eingeleitet werden. AfD-Mitglieder fühlen sich schnell gegängelt, zensiert und mit gutmenschlichen Dogmen traktiert. Ein Teil ihres Erfolges basiert darauf, dass sich die AfD als Partei empfiehlt, die den Bann politischer Korrektheit bricht, der angeblich auf dem Land lastet.

Doch was Gauland zurzeit nervt, wovon er findet, dass es gesagt werden muss, richtet sich nicht gegen die Meinungsherrschaft der Gutmenschen. Gauland redet über die eigene Partei. Er will sich nicht verbieten lassen, ihr die Abkehr von ihren Grundsätzen vorzuhalten und vor dem Umbau der AfD zu einer autoritär gelenkten Partei zu warnen. "Das wird man doch noch sagen dürfen", sagt Gauland. Und stutzt kurz, als ihm klar wird, dass er über seine Partei inzwischen redet wie bislang nur über die sogenannten "Systemparteien". Gauland, langjähriges CDU-Mitglied und eine der prominentesten Führungsfiguren der AfD, wirkt aufgebracht. Und auch schon ein wenig resigniert.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 1.4.2015.

Zwei Monate nach dem Bremer Parteitag, mit dem die AfD ihre internen Macht- und Richtungskämpfe eigentlich beilegen wollte, ist in der Partei eine offene Feldschlacht entbrannt. Während Gauland vor einer "Vermerkelung" der Partei warnt und "nach dem Schlieffen-Motto" den rechten Flügel stärken will, wirft sein Antipode Hans-Olaf Henkel dem konservativen Flügel Spinnertum und "völkische Gesinnung" vor und fürchtet, dass die AfD zu einer "sektiererischen Rechtsaußenpartei" werde. Der Landesverband Thüringen steht vor einer Spaltung, in Hessen traten diese Woche die Sprecherin Beatrix Diefenbach und ihr Gatte zurück, weil sie die "Egomanien", "Rechtsbrüche" und das "Streben nach Macht" anwiderten. In Nordrhein-Westfalen wird wegen einer privaten Steuerschuld des Landesvorsitzenden Marcus Pretzell ermittelt – von einer Untersuchungskommission der AfD.

Und ausgerechnet am Karsamstag will nun auch noch die Pfarrersfrau und Nummer zwei der Partei, Frauke Petry, in Sachsen einen Sonderparteitag unter Ausschluss der Öffentlichkeit abhalten, der parteiintern, logisch, als Geheimtreffen beargwöhnt wird.

Jeder gegen jeden, so scheint es. Dabei wollte die AfD eigentlich vor allem gegen die herrschenden Verhältnisse antreten. Ursprünglich als Partei gegen die Euro-Rettungspolitik gegründet, war die Währungsfrage für sie nur das spektakulärste Beispiel für eine Politik, die in der Bevölkerung auf Misstrauen stößt, aber im Establishment übergroße Mehrheiten findet. Die Euro-Kritik der AfD wurde zur Initialzündung für eine viel breiter angelegte Protestpartei: gegen unkontrollierte Zuwanderung, Überfremdung, den Verlust nationaler Souveränität und die Russlandkritik der Bundesregierung. Themen wie Zuwanderungsbegrenzung, Anti-Islamismus, Grenzkriminalität und traditionelle Familienpolitik bescherten der AfD ihre ersten Wahlerfolge bei den Landtagswahlen im Osten.

Im innerparteilichen Machtkampf der AfD wird diese Themenmischung inzwischen dem national-konservativen Flügel zugeschrieben, als dessen Galionsfigur Gauland fungiert. Dagegen grenzt sich der sogenannte liberale Flügel ab, für den die Euro-Kritik weiter im Mittelpunkt der AfD-Programmatik stehen soll. Ihr exponiertester Vertreter ist Parteichef Bernd Lucke. Er möchte, bei aller Kritik an den etablierten Parteien, die AfD "anschlussfähig" halten. Sie soll politisch nicht zu sehr über die Stränge schlagen. Vielleicht wird sie ja eines Tages noch gebraucht – zum Mitregieren. Die parteiinternen Liberalen wie Henkel unterstützen Lucke dabei. Das hat ihnen die Opportunismuskritik der Konservativen eingetragen.

In einer "Erfurter Resolution" warnen sie vor der Anpassung an die bestehenden Verhältnisse und werfen dem Lucke-Flügel Technokratentum, Feigheit und "Verrat an den Interessen unseres Landes" vor. Die "grundsätzliche politische Wende in Deutschland" werde mit dieser Entwicklung verspielt. Die Liberalen kontern mit einer "Deutschland-Erklärung": Die Partei-Konservativen wollten "eine AfD der flachen Parolen", die sich auf "Provokation und Protest" verenge. Wer den "rechten Flügel" stärke, schade damit der AfD als "Partei des gesunden Menschenverstandes".

Die Kämpfe suggerieren eine Klarheit der Lager, die es inhaltlich so eindeutig nicht gibt. Der vermeintlich liberale Lucke ist zwar anders als seine Partei für das Freihandelsabkommen TTIP und eher gegen Wladimir Putin. Doch von vornherein hat der Parteichef gezielt auf Mitnahmeeffekte am rechten Rand gesetzt. Es sind sein autokratischer Führungsstil und seine Dominanz, die Lucke für die Konservativen verdächtig machen. Und die Tatsache, dass er und seine Verbündeten ziemlich unverhohlen einräumen, dass man die Rechten, allen voran Gauland, gerne loswürde.

Gaulands inhaltliche Positionen sind durchaus AfD-Mainstream, seine strategischen Absichten weniger. Der Brandenburger AfD-Chef gibt sich habituell bürgerlich, er trägt Tweed und Cordhose, doch an die AfD als Partei des unzufriedenen Bürgertums glaubt er nach dem Wahlergebnis in Hamburg nicht mehr. Dort ist die Partei zwar in die Bürgerschaft eingezogen, aber gerade in den bürgerlichen Vierteln blieb sie weit hinter den Erwartungen zurück.