Ist es möglich, sich von seiner Vergangenheit loszusagen, vor allem wenn sie geprägt war von Missbrauch und Gewalt? Der französische Schriftsteller Édouard Louis ist sehr jung. Als sein Debütroman Das Ende von Eddy vor zwei Jahren in Frankreich erschien, war er gerade mal 20. Dem hochbegabten Soziologiestudenten sah man nicht an, dass er in ärmlichsten Verhältnissen aufwuchs, in denen Alkoholismus alltäglich ist und erschreckende Brutalität herrscht. In seinem autobiografischen Roman erzählt er nun, wie man solche Verhältnisse überlebt, wenn man schwul ist. In Frankreich verkaufte sich das Buch über 200.000 Mal.

Schon im Vorschulalter wird deutlich, dass Eddy Bellegeule – so hieß Louis früher – anders ist. Seine Stimme gerät in feminine Lagen, er geht und gestikuliert anders als der Rest der Jungs, trägt gerne Mädchenkleider. Die kollektive Strafe für dieses Anderssein verschlägt dem Leser die Sprache. Die Eltern fordern ihn beschämt auf, doch das "tuntige Gefuchtel" zu lassen. Sein betrunkener älterer Bruder will ihn totprügeln. Zwei seiner Mitschüler misshandeln ihn jeden Tag ganz selbstverständlich, als würden sie alle, auch der Misshandelte, angestammte Rollen ausfüllen.

All das wird in einem kühlen Ton von einem Ich-Erzähler berichtet, der so wirkt, als sei er zwar dabei, aber nicht wirklich anwesend gewesen. Es ist ein Ton posttraumatischer Narkose, eine betäubte Stimme, die sich nicht mehr an den Schmerz erinnert. Stattdessen konfrontiert uns Louis mit einem Blick ohne Selbstmitleid. In einer Zeit, in der das Ländliche als pittoresker Sehnsuchtsort gefeiert wird, liefert er ein Porträt der Provinz, das sehr viel näher am Leben dran ist als einschlägige Landzeitschriften. In dieser Welt läuft von morgens bis abends der Fernseher. Auf seine Armut ist man stolz, weil ohnehin nichts anderes möglich ist. Sex und Gewalt gehen oft Hand in Hand. Unerbittlich werden die alten Geschlechterrollen eingeübt. Sehr junge Frauen bekommen Kinder, um wie schon ihre Mütter vor ihnen allabendlich den Mann aus der Kneipe zu zerren. In dieser Welt herrscht immer eine latente Wut, die sich in Rassismus und Hass Bahn bricht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 14 vom 1.4.2015.

Doch es ist nicht dieser soziologische Blick, der Das Ende von Eddy zu einem literarischen Ereignis macht, sondern das besondere autobiografische Kalkül. Denn es zielt nicht auf Therapie, Mitleid oder Katharsis ab, es will nichts erinnern oder durcharbeiten. Vielmehr scheint über diesem Roman der Versuch eines grandiosen Exorzismus zu schweben: eines magischen Akts, der die eigenen Ursprünge transzendieren, die eigene Vergangenheit ausmerzen und sie zu etwas machen soll, was jemand anderem passiert ist. Das ist eine in ihrer Unmöglichkeit kühne Geste, von der man sich wünscht, sie möge aufgehen. Eddy Bellegeule gibt es nicht mehr, scheint der junge Schriftsteller zu sagen: Er heißt jetzt Édouard Louis.