Sie hat den Satz ihrer alten Tante noch im Ohr. Und er schmerzt noch immer ein bisschen: "Pour moi, ça ne compte pas." "Für mich zählt das nicht." Als sich Laurence Bucher, 46, und ihr Partner vor sieben Jahren entschieden, einen Pacte civil de solidarité (Pacs) zu schließen, waren sie Exoten. "Rundum heirateten alle, bloß für uns war das kein Thema", sagt die Pariserin mit Elsässer Wurzeln. "Wir haben nie von einer romantischen, bürgerlichen Familie geträumt. Aber wir wollten als Paar anerkannt sein." Heute schaut man Leute wie sie nicht mehr schief an. Im Gegenteil, sie sind Teil eines riesigen Booms: Die Franzosen lieben ihren Pacs, 41 Prozent der Paare entscheiden sich heute für diese abgespeckte Variante der Ehe, wenn sie ihre Beziehung rechtlich absichern wollen.

Was macht den simplen Vertrag so attraktiv, dass ihm nun auch der Schweizer Bundesrat Avancen macht? Letzte Woche hat er in seinem Bericht zum Familienrecht die Einführung des Pacs als Alternative für die Ehe in der Schweiz vorgeschlagen.

Als Frankreichs Premierminister Lionel Jospin den zivilen Vertrag 1999 schuf, schuf er ihn vor allem für Homosexuelle. Sie durften damals – anders als heute – in Frankreich noch nicht heiraten. Seinen beispiellosen Erfolg verdankt der Pacs aber den heterosexuellen Paaren. Sie schließen inzwischen 96 von 100 dieser Verbindungen. Das Verb pacser ist den Französinnen und Franzosen so geläufig wie marier (heiraten).

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der aktuellen ZEIT. Sie finden die Schweiz-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

"Es geht ganz einfach", sagt Laurence Bucher am Telefon und erzählt vom kalten Januartag im Jahr 2008, als sie mit ihrem Partner zum Amtsgericht im 14. Arrondissement in Paris ging, um den Vertrag, ein einziges Formular, zu unterschreiben: "In zwei, drei Minuten ist man wieder draußen, es braucht keine Zeugen, kein romantisches Getue – und die Sache ist erledigt."

Beim Pacs geht es um Vernunft. Punkt. Wer in Frankreich einen Pacs abschließt, der ist in Erb- und Steuerfragen den Verheirateten gleichgestellt. Gegenüber dem Staat, dem Arbeitgeber, aber auch in Spitälern ist man als Paar anerkannt. Und wer "verpacst" ist, gilt als gebunden und findet darum leichter eine Wohnung. "Das ist in Paris nicht unwichtig", sagt Bucher.

Freunden von ihr, die ein paar Jahre älter sind als sie, ist die wilde Ehe zum Verhängnis geworden. "Sie waren 68-er, eine Heirat war für sie undenkbar." Das Paar lebte so lange Jahre problemlos zusammen, bis der Mann schwer erkrankte: "Von einem Tag auf den anderen stand seine Partnerin vollkommen rechtlos und ohne jede Sicherheit da."

Wenn der Bundesrat nun die Diskussion um eine Alternative zur Ehe anstößt, dann versucht er dem gewaltigen gesellschaftlichen Wandel in der Schweiz gerecht zu werden: Bis in die 1970er Jahre gab es in etlichen Schweizer Kantonen noch ein Konkubinatsverbot. Heute leben Paare selbstverständlich ohne Trauschein zusammen. Mit Kindern und ohne, in Patchworkfamilien, als geschiedene oder geborene Heiratsmuffel.

Wie viele von ihnen ihr Zusammenleben mithilfe eines Konkubinatsvertrages absichern, ist nicht erhoben. Wer keinen abschließt, läuft Gefahr, mittellos zu werden, falls die Beziehung zerbricht – oder der Partner stirbt. Immer wieder kommt es zu Härtefällen, etwa bei Frauen, die ihren Beruf über Jahre aufgeben und sich um die Kinder kümmern.

Der größte Vorteil der "Ehe light": Sie lässt vieles offen

Aber was kümmert den Bundesrat das Wohl der Unverheirateten? Schließlich haben diese sich aus freien Stücken für ein Zusammenleben ohne staatlichen Segen entschieden. Man kann das bundesrätliche Kümmern aber auch als Dienstleistung an einer immer größer werdenden Gruppe Menschen betrachten. Die Einführung einer Ehe light wäre dann ein Mustervertrag fürs Zusammenleben. Nicht mehr.

Auch der Pacs ist als solcher gedacht. Der größte Vorteil dieser Ehe light ist, dass er vieles offenlässt. Das Paar bestimmt – allenfalls mithilfe eines Notars –, wie detailliert es sein Leben regeln und reglementieren will. Ob man zum Beispiel nach der Trennung eine Güterteilung will oder nicht. Oder wie sie sich "einander gegenseitige und materielle Hilfe" leisten wollen. Sie wählen zwischen "choix 1" – einem fixen Anteil des Vermögens – und "choix 2" – einem frei bestimmbaren Betrag. Der größte Unterschied zur Ehe betrifft die Kindsbelange: Hier gibt es keine Regeln. Wer sich "verpacst", der erhält damit keine elterliche Gewalt.

Wo bleibt bei all der Nüchternheit die Liebe?

"Das hat nichts zu tun mit Romantik!", sagt Laurence Bucher und lacht. Wer den Pacs wähle, der wolle keine Zeremonie, der mache meistens auch kein Fest. "Es geht um Sicherheit und Klarheit und Anerkennung", sagt sie. Um nichts anderes? "Natürlich denke ich jedes Jahr am 16. Januar an den Tag, als wir unsere Beziehung eingeschrieben haben." Und natürlich gratuliere sie dann ihrem Partner, den sie im Gespräch ihren conjoint – also Ehegatten – nennt.

So rasch und so einfach wie der Vertrag geschlossen werden kann, so leicht lässt er sich auch wieder auflösen. Es reicht eine kurze Mitteilung an den Gerichtsdiener. Auch damit trifft das Werk, das Verbindlichkeit auf Zeit fern jeder Ideologie bietet, den Zeitgeist perfekt. Und hält am Ende sogar mehr, als es verspricht: Die Trennungsrate liegt bei Pacs-Paaren tiefer als bei Verheirateten.

Dass in Frankreich das Heiraten aus der Mode zu geraten droht, ist konservativen und katholischen Kreisen ein Dorn im Auge. Vom ersten Tag an hatten sie eine " croisade anti-pacs", "einen Kreuzzug gegen den Pacs", geführt.

Auch in der Schweiz warnt die SVP bereits vor einer "staatlich kontrollierten Einheitsgesellschaft" und davor, dass mit einer neuen Partnerschaftsform die "traditionelle Familie" verschwinden würde.

SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr, die den bundesrätlichen Bericht zum Familienrecht mit einem Postulat angestoßen hat, freut sich, dass eines ihrer "Uranliegen" – der bessere Schutz von Lebensgemeinschaften außerhalb der Ehe – endlich in die politische Diskussion aufgenommen wird. In der Sondersession im Mai will sie zusammen mit einer überparteilichen Gruppe dafür sorgen, dass es nicht bei den Diskussionen bleibt.

Laurence Bucher ist glücklich "verpacst" – solange sie in Frankreich ist. Denn bisher kennen nur wenige europäische Länder vergleichbare Regelungen. Und so gilt sie, wenn sie mit ihrem Partner ins Ausland reist, noch immer als ledig. "Und das bin ich eigentlich nicht."