Dieser Bauernhof muss bereits von einem Gerüst abgestützt werden, damit er nicht beim nächsten kleinen Beben zusammenbricht. © Claus Hecking

Als der Boden unter ihr ruckt und etwas auf das Dach über ihr kracht, weiß Clara H.: Dieses Erdbeben ist anders als alle davor – stärker, furchterregender, zerstörerischer. Und als die Mittfünfzigerin aus dem Haus läuft, es ist der Abend des 16. August 2012, da wird ihr endgültig mulmig. Ziegel liegen im Vorgarten: Der Schornstein hat der Wucht nicht standgehalten. Risse ziehen sich über die Außenmauer des alten Bauernhauses am Rande des Dorfs Loppersum im Nordosten der Niederlande. Einige Backsteine hat der Erdstoß gespalten, andere wölben sich aus der Wand.

All das wäre nie passiert ohne den Schatz im Untergrund. 3.000 Meter tief unter Loppersum und den Nachbargemeinden erstreckt sich das Groningen-Feld – Europas mit Abstand größtes Erdgas-Reservoir. 900 Quadratkilometer groß und bis zu 300 Meter dick ist die Gasblase am Rande der Nordsee. Sie deckt fast zehn Prozent des europäischen Jahresbedarfs, in Deutschland sogar mehr als ein Viertel.

Wenn also die Regierungschefs der Europäischen Union (EU) wie auf ihrem Gipfel vor zwei Wochen einmal mehr geloben, vom russischen Gas loszukommen, dann bauen sie nicht zuletzt auf das Vorkommen unter Groningen.

Wenn Aktivisten fordern, Europa solle aus der Atomenergie aussteigen, wollten sie die Lücke auch mithilfe des emissionsarmen Brennstoffs aus den Niederlanden schließen.

Und wer die Braunkohle im Boden lassen will, kann mehr Windräder und Solaranlagen bauen, muss aber auch noch mehr Erdgas verbrennen.

Wie man es dreht und wendet: Viele Wege in die energiepolitische Zukunft führen über das Groningen-Gas.

Doch dessen Förderung verursacht immer mehr und immer heftigere Erdbeben. Stärke 3,6 auf der Richterskala haben die Geologen am 16. August 2012 gemessen – und weil diese Erdstöße aus geringer Tiefe kommen, verursachen sie größere Schäden als natürliche Beben. Die Menschen in der Region sind verunsichert, denn seither hat es schon wieder 29-mal geruckelt mit einer Stärke von 2,0 und mehr.

"Wir wissen nicht, wie es hier weitergehen soll", sagt Clara H. heute. Ihr Gehöft aus dem 18. Jahrhundert ist unbewohnbar. Verzogen ist das Dach, abschüssig der Küchenfußboden, merkwürdig schief hängen die Fenster im früheren Kinderzimmer. Zweieinhalb Jahrhunderte lang hat das Gebäude Stürmen, Fluten und Kriegen standgehalten. Im Oktober mussten es die H.s räumen. Einsturzgefahr. Seither leben sie in einem Wohncontainer.

Die Gasförderung ist zu einem "Sicherheitsrisiko" für rund 600.000 Einwohner der Region nahe der Grenze zu Deutschland geworden. So hat es ein staatliches Untersuchungskomitee in den Niederlanden festgestellt, und die dortige Regierung hat reagiert. Sie drosselte die Förderung im wichtigsten Gasfeld der EU um 40 Prozent gegenüber dem Jahr 2013, um das Erdbebenrisiko zu verringern.

Im Konflikt mit Russland ist das ein großer strategischer Rückschlag für die EU. Denn um die Versorgung mit eigenem Gas steht es nach den Ereignissen in Groningen deutlich schlechter. Auch andere europäische Gasfelder sind langsam erschöpft. Ein Pipeline-Projekt namens Nabucco, das Nachschub aus Zentralasien herbeischaffen sollte, ist gescheitert. Umso wichtiger wäre Groningen: Denn dieses Vorkommen ist auch noch Europas Joker für Krisenzeiten.

"Das Groningen-Feld erlaubt im Gegensatz zu vielen anderen Gasfeldern eine sehr flexible Produktion", sagt Marc Oliver Bettzüge, Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts der Universität Köln (EWI). Stärker und schneller als jedes andere europäische Vorkommen könnte Groningen in kalten Wintern oder bei Produktionsausfällen seine Förderung ausweiten – und kurzfristig Versorgungslücken schließen. Doch Groningen wieder hochzufahren, das wagt so schnell kein niederländischer Politiker mehr. Zu verunsichert sind die Menschen. Zu groß ist ihre Wut.

Dabei erscheint das Gebiet über der Gasblase so friedlich. Es ist ein Vorfrühlingstag. Bauern fahren Jauche aus. Buntgefleckte Kühe grasen neben Höfen mit Backsteinfassaden und Reetdächern. Kanäle, schnurgerade wie vom Lineal gezogen, trennen Weizen- und Zuckerrübenäcker voneinander. Es riecht nach Land. Hier und da ragen Windmühlen aus dem pfannkuchenflachen Bilderbuch-Holland. Man sieht die ersten Häuser von Loppersum, dem Heimatdorf von Clara H.

Nur die monströsen Holzgerüste stören das Idyll. Sie sind an einer Reihe von Gehöften angebracht und stützen deren Mauern, damit sie nicht zusammenfallen. Auch in einigen Windmühlen klaffen Risse, und in Loppersums Kirche von 1274 hat sich ein Spalt quer durch ein jahrhundertealtes Fresko gezogen. "Fast kein Gebäude hier ist erdbebensicher gebaut, früher gab es ja nie Beben", sagt John Lanting, Sprecher der Bürgerinitiative "Schokkend Groningen". Er fordert, die Gasförderung komplett zu stoppen: "Hier ist nicht nur jahrhundertealte Kultur bedroht. Hier geht es um Menschenleben."

Fast 90.000 Gebäude sind laut einer Studie der Universität Delft in Gefahr. Noch ist keines eingestürzt, noch ist niemand schwer verletzt oder gar getötet worden. Aber laut einer Studie der Betreibergesellschaft NAM sind Beben mit einer Stärke von bis zu 5,3 möglich. Zum Vergleich: Beim Beben im italienischen L’Aquila (5,8) von 2009 starben mehr als 300 Menschen. "Wir müssen in Groningen mit noch stärkeren Erdbeben rechnen", sagt Sander van Rootselaar von NAM. Könnte es dann Tote geben? "Wenn jemand zur falschen Zeit am falschen Ort ist", antwortet der Unternehmensvertreter gewunden, "könnte es ein Sicherheitsrisiko geben."

Erschütterungen gehören zur Gasgewinnung dazu, da der Druck in der Lagerstätte durch die Entnahme des Stoffs sinkt. So bauen sich über Jahre Spannungen im Untergrund auf, die sich früher oder später entlang von Bruchflächen entladen. Es entstehen seismische Wellen, die sich ausbreiten. Und weil der Weg von der Lagerstätte zur Oberfläche nur drei Kilometer kurz ist, treffen die Wellen konzentriert auf ein kleines Gebiet. Dort richten sie mehr Schaden an als ähnlich starke natürliche Beben, die sich oft in 10 oder 15 Kilometer Tiefe abspielen. Mikrobeben waren einkalkuliert, als die Niederländer 1959 begannen, das Super-Reservoir anzuzapfen. Doch die jüngsten Erdstöße sind von ganz anderer Natur. "Bis zum Jahr 2012 haben wir insgesamt 1.100 Schadensmeldungen erhalten. Seither sind 30.000 dazugekommen", sagt NAM-Vertreter van Rootselaar. "Das ist eine andere Welt geworden."

Viel zu lange, zürnt Loppersums Bürgermeister Albert Rodenboog, habe die Regierung in Den Haag die Groninger Beben unterschätzt. Wirtschaftsminister Henk Kamp von der rechtsliberalen Regierungspartei VVD tat sie noch 2013 als Risiko für einen "kleinen Teil der Bewohner unseres Landes" ab – und ließ die Produktion auf 54 Milliarden Kubikmeter erhöhen. Und warum? Nur dank der Gasmilliarden gelang es den wirtschaftlich schwächelnden Niederlanden, ihr Staatsdefizit unter die Maastricht-Grenze von maximal drei Prozent der Wirtschaftsleistung zu drücken. Andernfalls wären es fünf Prozent Minus gewesen.